
Aus "Der Patriot" vom 06.07.2010
Wetterbedingt musste das für die Stiftsruine geplante Konzert des Kammerchors Con Brio in die Jakobikirche verlegt werden
LIPPSTADT - „Schöne Nacht — Du Liebesnacht“ — die sollte natürlich nicht wetterabhängig sein, und die Stiftsruine hätte dafür sicherlich das angemessene Ambiente geboten. Aber argentinische Tränen vergossen sich auch über Lippstadt, und so zog der Kammerchor des Städtischen Musikvereins unter der Leitung von Burkhard A. Schmitt mit seinem Liebesnacht-Programm in die Jakobikirche und gewann eine große Hörerzahl auch dort für sein freiluftiges Musizieren.
Aber so ganz „freiluftig“ wurde es dann doch nicht, denn die Vorbereitungen auf eine anders geartete akustische Bedingung machen sich in dem geschlossenen Kirchenraum dann doch nicht nur positiv bemerkbar. Burkhard A. Schmitt musizierte mit seinem Con-Brio-Kammerchor sehr diszipliniert, um Elastizität und Farbreichtum bemüht. Das gelang am besten in einzelnen der Liebesliederwalzer op. 52 von Johannes Brahms. Aber leider war der Sopran oft zu direkt, steif, da, wo Schmitt beweglichen Klang erbat, doch zu muskulös.
Zweifellos hat dieser Kammerchor des Musikvereins musikalisches und technisches Potenzial, übrigens ein momentane Lieblingsvokabel überall da, wo man sich mit mehr oder weniger Phantasie Entwicklung erhofft, bei der Fußballweltmeisterschaft oder nach der ersten Rede des neuen Bundespräsidenten. Dieser Chor Con Brio wird zweifellos an klanglicher Homogenität gewinnen, auch vielleicht durch ein deutlicheres Bass-Fundament gestützt.
Und dass Burkhard A. Schmitt Sinn für klangliche Subtilitäten hat, die der Chor auch mehrfach erfüllte, das machte er nicht nur in seinem eigenen Solo-Beitrag erfreulich deutlich. Da sang er Duette von Robert Schumann zusammen mit der Mezzosopranistin Takako Teichmann-Onodera, und diese Duette hatten Humor und Gewicht.
Für die beiden Lieder von Hugo Wolf schien mir die Stimme der Mezzosopranistin bei aller klanglicher Farbabstufung, die ihr auch pianistischer Begleiter anbot, ein wenig zu schwer.
Wenn es in der Brahms-Literatur heißen kann, dass die vierhändigen Walzer op. 39 ein harmlos-liebenswürdiger Zyklus seien, leicht auszuführen wie zu verstehen, dann ist das zumindest im Blick auf die Ausführbarkeit nahe an einer Fehleinschätzung. Kumiko Watzinger und Christina Cosmann (Klavier) spielten diesen Zyklus, aus dem man auch ohne Strukturstörung eine Auswahl treffen könnte, mit überlegener technischer Souveränität. Aber klangliche Differenzierung ließ das Instrument kaum zu. Das klang zu schnell grob und uncharmant — was nicht den Ausführenden anzulasten ist.
Freudige Zustimmung des Publikums hat die „Schöne Nacht“ gefunden. Und wenn sie dann irgendwann doch mal in der Stiftsruine zu erleben wäre? Man kann nur hoffen und den Ausführenden dazu Mut machen. - AK