Presseartikel 2017/2018

Der Patriot, 16.01.2018

Werbung für kleine Werke

Das Meininger-Trio sorgte in der Jakobikirche für einen entspannten Jahresauftakt

Von Alfred Kornemann

LIPPSTADT Nun hat also auch der Lippstädter Musikverein dem neuen Jahr seinen musikalischen Anschub gegeben. Mit schöner atmosphärischer Entspannung trug das Meininger-Trio in der Jakobikirche dazu bei — drei Musikanten von nicht nur professioneller Einstellung, sondern mit musikantischer Hingabe: Christiane Meininger (Flöte), Milos Mlejnik (Violoncello) und Rainer Gepp (Klavier). Und wenn sie dabei mit Ausnahme des g-Moll-Trios op. 63 von Carl Maria von Weber weitgehend überschaubare einsätzige Kompositionen spielten, dann diente auch das dem entspannten Jahresauftakt.

Das Trio g-Moll war allerdings das gewichtigste der Werke des Programms. Es hat die weiteste Stimmungsbreite, vom Ländler im Scherzo bis zum schwungvollen Finale, hat aber ebenso das emotionale Moment des Trios mit dem Allegro-Eingangssatz und dem Andante espressivo über „Schäfers Klage“ eingebracht. Gerade die Erfüllung der jeweiligen Stimmungswerte war das überzeugende Kennzeichen des Meininger-Trios, das völlig unverkrampft auch auf die folgenden Werke des Programms übertragen wurde, die von sehr unterschiedlichen Ansprüchen waren.

Keine der Kompositionen, welcher Entstehungszeit auch immer, löste sich aus dem Einflussbereich der Romantik oder Spätromantik. Selbst die beiden Werke unseres Jahrhunderts von Elif Ebru Sakar und Blaz Pucihar waren nicht davon bestimmt, neue klangliche Vorstellungen zu verwirklichen.

Es spricht allerdings nichts dagegen, dass drei vorzügliche Interpreten — die klanglich überaus einfühlsame Flötistin Christiane Meininger, der jede kleinste Nuance mit seinem prachtvollen Instrument erfüllende Cellist Milos Mlejnik und der temperamentvoll-sensible Musikant Rainer Gepp (Klavier) — auch für die kompositorisch rückwärtsgerichteten Werke von Elif Ebru Sakar oder Blaz Pucihar mit gleichem Interpretationsernst eintreten wie etwa bei einer Debussy-Zugabe.

Die zwei klangvollen Werke von Amy Beach, die emotional erfüllte Romanze op. 23 für Violoncello und Klavier und „Dreaming“ für Klavier, das aus dem Schatten von Chopin kaum heraustritt, sie waren Beispiele für die höchst anerkennenswerte Ausgrabungsarbeit bezüglich relativ unbekannter Komponistinnen. So etwa Lili Boulanger mit ihrem stimmungsgesättigten „Nocturne“ oder Elena Kats-Chernin mit ihrem netten Rausschmeißer am Programmende.

Aber es gab auch noch männliche Programmbeiträge mit hübschen Klangfarben von Philippe Gaubert und Theodor Kirchner. Insgesamt also boten die sympathischen Interpreten einen feinsinnigen Jahresauftakt, den das Publikum entspannt und beifallfreudig aufnahm. Und da konnte sich auch die anwesende junge türkische Komponistin Elif Ebru Sakar einer solch aufgeschlossenen Atmosphäre gerne erfreuen.

 

Der Patriot, 02.01.2018

Mit Opernball ins neue Jahr

Silvesterkonzert füllt Lippstädter Stadttheater bis auf den letzten Platz

Opernsängerin Miriam Sharoni und die Mährische Philharmonie begeisterten im Silvesterkonzert. Foto: Brode

Lippstadt Musikalische Pralinen in den letzten Stunden des Jahres: Im traditionellen Silvesterkonzert des Städtischen Musikvereins ließen die Sinfoniker der Mährischen Philharmonie im ausverkauften Stadttheater die musikalischen Sektkorken knallen. Im Gegensatz zu vergangenen Konzerten führte Dirigent Hermann Breuer diesmal nicht selbst durchs Programm. Diese Aufgabe übernahm in humorvoller Form Gastmoderator Andreas Beutner.

Die sympathischen Gäste aus dem tschechischen Olomouc (Ölmitz) eröffneten ihren bunten Melodien-
strauß mit Giuseppe Verdis Ouverture zur Oper „Sizilianische Vesper“. Ähnlich wie bei der nachfolgenden Ouverture zu Gioacchinos Rossinis Oper „Semiramis“ überwogen hier die leisen Töne, angefangen von hauchdünnen Pianissimo über eindrucksvolle Crescendi bis hin zu schmissigen Forte-Passagen. Bei Pietro Mascagnis sinfonischem Intermezzo aus der Oper „Cavalleria rusticana“ hatten die Bläser Pause, als das Streichensemble dem melodiösen Thema, das als Vorlage für manche Filmmusik diente, mit homogenen Streicheridyllen einen sentimental-meditativen Stempel verpasste. Flotter Rhythmus mit dem Cantus Firmus der Trompete lag dagegen der Tarantella „La Danza“ von Rossini zugrunde, von Dirigent Hermann Breuer in einer eigenen Orchesterfassung neu arrangiert.

Das Motto des Silvesterkonzertes „Opernball“ wurde nach der Pause mit der Ouverture zur gleichnamigen Operette von Richard Heuberger zitiert: Hier gefielen besonders die verarbeiteten Walzerrhythmen. Mit perlenden Läufen der Geigen ging es im Dreiviertel-Takt weiter mit den Ballszenen von Josef Hellmesberger. Naturgemäß gehörte auch mitreißende Walzerseligkeit von Johann Strauß (Sohn) zum Programm, hier in Form der „Rosen aus dem Süden“.

Auch fröhlicher Polka-Rhythmus wurde vom Orchester intoniert, das mit der „Tritsch-Tratsch-Polka“ von Johann Strauß den sinfonischen Teil beendete. Vokale Glanzlichter setzte die schwedisch-israelische Opernsängerin Miriam Sharoni mit ihrer angenehm resonierenden Sopranstimme. Herausragend nahm sich der Bolero in der Arie der Herzogin Elena „Mercé, dilette amiche“ in Giuseppe Verdis Oper „Sizilianische Vesper“ aus, während die Arie „Casta Diva“ aus der Oper „Norma“ von Vincenzo Bellini mit Koloraturen und Solokadenzen eher innig erklang.

Auch im Operettenfach ist Sharoni „zu Hause“, wie die Arien „Ich schenk mein Herz“ aus „Die Dubarry“ (Carl Millöcker) und „Heia, in den Bergen“ aus Emmerich Kálmáns „Csárdásfürstin“ bewiesen. „Du sollst der Kaiser meiner Seele sein“– mit diesem Robert Stolz-Song verabschiedete sie sich von ihrem Publikum. Mit dem unverwüstlichen „Radetzkymarsch“ von Johann Strauß (Vater) entließ das Orchester dann sein Publikum frohgelaunt in die Silvesternacht. LB

 

Der Patriot, 18.12.2017

Meisterhaft und ausgefeilt

Pianist Alexander Melnikov brilliert in Konzert des Lippstädter Musikvereins

Lippstadt Ein Kammerkonzert kann für den Veranstalter wahrlich nervenzerrend sein. Kann der erwartete Künstler überhaupt kommen, wo allerorten Flüge kurzzeitig gecancelt wurden? Ein Ersatzflug glückte. Der Veranstalter holt den Gast an einem anderen Flughafen ab. Doch er muss auf der Rückfahrt noch eine Autobahnvollsperrung weiträumig umfahren.

Das war nötig, um einen wunderbaren Klavierabend des Lippstädter Musikvereins mit dem vielgelobten Pianisten Alexander Melnikov in der Jakobikirche möglich zu machen. Dem jedenfalls war nichts anzumerken von der beschwerlichen Anreise. Mit großer Konzentration stellte er zu Beginn das Hauptthema der „Zwölf sinfonischen Etüden in Variationsform“ op. 13 von Robert Schumann vor, mit dem sich der Komponist in seinen Variationen auf je sehr spezifische Weise einlässt. Er geht nicht nur hier seine kompositorisch eigenen Wege, die ihm oft das Unverständnis seiner Kollegen oder gar seiner Frau Clara bescherten.

Was er in den „Sinfonischen Etüden“ dem recht einfachen Thema seines Beinaheschwiegervaters Baron von Fricken abgewinnt, zeigt völlig ungewöhnliche kompositorische Spuren. Und gerade diesen geht Alexander Melnikov mit großer Intensität und Feingespür für die Vielgesichtigkeit und das weitgespannte Farbspektrum nach.

Das zweite Werk des Programms, die „Sieben Phantasien op. 116“ von Johannes Brahms, scheinen wie eine Fortsetzung der „Sinfonischen Etüden“ des Freundes Robert Schumann. Sie sind von gleicher Leidenschaftlichkeit, kraftvoll und von emotionaler Tiefe. Alexander Melnikov spielte sie mit energiegeladener Intensität, ohne Effekthascherei immer aus der Musik selbst schöpfend mit höchster Anschlagskultur. So gelingen ihm die unterschiedlichsten Stimmungswerte der aufbegehrenden Capricci ebenso eindrucksvoll, wie die klingenden Gefühlswelten der Intermezzi. Auf diese Weise entsteht der Einblick in die geschlossene formale Anlage der Komposition von Johannes Brahms.

Größte Begeisterung (und Erschöpfung) des Publikums aber erspielte der begnadete Pianist mit der Auswahl von zwölf „Präludien und Fugen“ von Dmitrij Schostakowitsch. Vorbild dazu ist (auch biographisch belegt) das „Wohltemparierte Klavier“ von Johann Sebastian Bach und ist doch von einer hochkünstlerischen Selbständigkeit. So ist ein Werk entstanden, dessen innere Spannungsbreite, Vielfarbigkeit und emotionale Tiefe Alexander Melnikov mit ebensolchem hinreißenden Engagement wie einer bei dieser Komposition notwendigen künstlerischen Distanz spielte.

Auf dieser Höhe völlig unaufgesetzter technischer Brillanz und musikalischer Durchdringung des kompositorischen Geflechts spielen heute wenige Interpreten seiner Generation – ich kenne nur Bernd Glemser. Es ist lohnend, sich mit dem Komponisten Dmitrij Schostakowitsch und seinem Umfeld bei der Entstehung seiner „Präludien und Fugen“ zu befassen, wozu ich den jüngst erschienenen Roman „Der Lärm der Zeit“vonJulian Barnes empfehlen kann. Und danach noch einmal die CD des live noch hinreißenderen Alexander Melnikov. Die Zuhörer in der Jakobikirche schienen sich jedenfalls bewusst zu sein, ein musikalisches Ereignis erlebt zu haben. AK

Der Patriot, 05.12.2017

Klug und mitreißend

Publikum feiert Nordwestdeutsche Philharmonie im Lippstädter Stadttheater
Von Alfred Kornemann
LIPPSTADT Pompös-zeremoniell begann das Konzert mit Johann Sebastian Bachs Orchestersuite Nr. 3, mit Trompeten und Paukengruppe gegen die Holzbläser und Streicherklanggruppe. Und festlich-auftrumpfend endete das Programm der Nordwestdeutschen Philharmonie beim Konzert des Lippstädter Musikvereins mit Felix Mendelssohn Bartholdys sogenannter „Reformationssinfonie“ Nr. 5.
Das war eine klug gebaute Werkauswahl, bedenkt man die kompositorischen Innenbezüge. Aber was ist ein kluges Programm ohne die angemessene künstlerische Ausführung? Die Nordwestdeutsche Philharmonie gehört sicherlich in weitem Umkreis zu den führenden Orchestern, und es unterstrich seinen guten Ruf durch ein meisterliches Konzert im Lippstädter Stadttheater, bei dem die klangliche Disziplin und Nuancierung, die rhythmische Präzision und dynamische Flexibilität zu einem orchestralen Glanzpunkt der Saison führte.
Fesselndes Dirigat von Simon Gaudenz
In kammermusikalischer Besetzung begann es mit der 3. Orchestersuite von Bach, heute schon üblich, nachdem sich in einem halben Jahrhundert die historische Aufführungspraxis durchgesetzt hat. Welcher Gewinn daraus zu ziehen ist, bewies bravourös der musikalische Leiter des Abends, Simon Gaudenz. Sein Dirigat ist so fesselnd, dass sich dem die Zuhörer ebenso wenig entziehen konnten wie die hochkonzentrierten Instrumentalisten.
Dynamische Ausdeutung bis in die feinsten Wendungen (etwa im Binnensatz der Gavotte mit ihren dynamischen Gegensätzen), völlige Ruhe und Besinnlichkeit des bekannten Air (vielleicht ein wenig zu genüsslich), heiter die beiden Schlusssätze — Simon Gaudenz forderte von sich und dem auf Klangdurchsichtigkeit angelegten Orchester höchste Intensität bei der Ausdeutung der jeweiligen Stimmungswerte.
In der anspruchsvollen Solo-Kantate „Jauchzet Gott in allen Landen“ von Bach konnte die Sopranistin Christina Rümann nicht in gleicher Weise überzeugen wie die bravouröse Anne Heinemann (Trompete). Sie sang technisch gekonnt, in der Mittellage etwas kontrastarm, insgesamt aber leicht distanziert.
Wie anders war es dann aber in der dramatischen Konzertarie „Infelice“ von Felix Mendelssohn Bartholdy. Da gelang ihr stimmlich die große Personen- und Stimmungszeichnung, prachtvolle Nuancierungsbreite. Hier im Opernfach, da ist sie zu Hause.
Am Programmende dann Felix Mendelssohn Bartholdys Kummerkind. Zwar in der Berliner Singakademie uraufgeführt, aber von ihm nie zur Drucklegung freigegeben. Das Werk des 23-Jährigen wurde erst posthum veröffentlicht.
Hätte er eine Aufführungsintensität wie die unter Simon Gaudenz miterlebt, hätte er wahrscheinlich nicht die Sorge geäußert, er dürfe eine solche Jugendarbeit nicht aus dem Gefängnis seines Notenschranks entwischen lassen. Die Reformationssinfonie wurde gottlob wieder eingefangen, und das nicht nur für den Martin-Luther-Gedächtnisrausch des vergehenden Jahres.
Klangliche Wucht ohne Klangqualm
Gaudenz gestattete seiner Interpretation dieser Sinfonie klangliche Wucht, aber keinen Klangqualm, machte sie durchsichtig, als wäre historische Aufführungspraxis mitgedacht, differenzierte, als wäre alles an Gesang orientiert. Das Publikum feierte ihn gebührend.

Der Patriot, 21.11.2017

Bildkräftiger Klang

Musikverein gelingt packende „Paulus“-Aufführung

von Alfred Kornemann

LIPPSTADT

Im Dramatischen packend, dann wieder in textbestimmter Zurückhaltung höchst sensibel: Bassist Markus Krause. Fotos: Tuschen

Er ist das unvergleichliche Wunderkind der Musikgeschichte, Felix Mendelssohn Bartholdy. Sicherlich ist es dasjenige, welches den weitesten Horizont in die unterschiedlichsten Künste gewonnen hat. Ihm wurde von den Eltern, nachdem seine unfassliche Begabung erkannt war, jeder Raum zu geistiger Entwicklung eröffnet, so konnte er seine Fähigkeiten weitgehend unbelastet ausbreiten. Wie anders war es denkbar, dass bereits der 19-Jährige sämtliche Sinfonien Ludwig van Beethovens auswendig auf dem Klavier spielen oder sich mit seinem Oktett op. 20 erst 16-jährig als einer der großen Komponisten Europas beweisen konnte. Dass der in seinen jungen Jahren heftig ausgenutzte Wolfgang Amadeus Mozart eine ähnlich wundersame Entwicklung nehmen konnte, bleibt ein weiteres Geheimnis der Musikgeschichte. Felix Mendelssohn Bartholdy war darüber hinaus auch für das Erstarken des Musiklebens nicht nur in Deutschland von Bedeutung. England fühlte er sich nicht nur durch seine Studienzeit sehr verbunden. Eine „Pioniertat“ seiner frühen Jahre in Berlin war die Vorbereitung und erstmalige Aufführung von Johann Sebastian Bachs „Matthäuspassion“, die er allerdings für das Publikum mit einigen Eingriffen versehen musste. Seine tiefe Verbindung zu Johann Sebastian Bach fand dann in seinen beiden Oratorien „Paulus“ und „Elias“ durchaus einen Niederschlag. Dramaturgisch aber auch musikalisch konnte das sein, wie in der Aufführung des „Paulus“ durch den Lippstädter Musikverein deutlich wurde. Burkhard A. Schmitt traf mit dem Konzertchor Lippstadt die Atmosphäre der Komposition, dieses Changieren zwischen dramatischen und lyrischen Momenten überzeugend, hatte mit dem Chor einen elastischen, bildkräftigen Klang vorbereitet, der mühelos, intonationssicher, im Lyrischen klanglich einheitlich und im Dramatischen sicher zupackend war. Eine besondere Erwartung an einen Choralklang auf dem schmalen Grad zwischen Gemeindegesang und kunstvollem Konzertgesang wurden dabei erfreulich erfüllt: Insgesamt eine hochanerkennenswerte Leistung des konzentriert agierenden Chorleiters und des Chors. Dass eine durch klangliche Sensibilität gekennzeichnete Aufführung zustande kam, lag auch an den einfühlsamen Beiträgen des Solistenquartetts: Marietta Zumbült, obwohl leicht angeraut, hat einen ebenso klangsicheren wie lebensvollen Sopran. Sandra Schares waren in der vom Komponisten vernachlässigten Altpartie nur wenige charaktervolle Töne anzubieten. Hinzu kamen Marcus Ullmann mit schlankem, beweglichem Tenor, und Markus Krause (Bass), der seine große Stimme im Dramatischen packend, in textbestimmter Zurückhaltung höchst sensibel einsetzte. Als Chorsolisten konnten Klaus Stuckenschneider und Hans-Bernhard Bröker rollendeckend eingesetzt werden. Das Orchester der Bergischen Symphoniker, am Beginn klanglich etwas spröde und unelastisch, gewann im Verlauf immer mehr an souveräner Intensität, hatte prachtvolle Solo-Instrumentalisten und trug damit wirkungsvoll zu einer beeindruckenden Aufführung eines anspruchsvollen Oratoriums bei.

Marietta Zumbült überzeugte mit einem ebenso klangsicheren wie lebensvollen Sopran.

Die Aufführung des Konzertchores Lippstadt changierte gekonnt zwischen dramatischen und lyrischen Momenten. Den Instrumentalpart übernahmen wirkungsvoll die Bergischen Symphoniker.

 

 

 

 

 

 

Der Patriot, 07. November 2017

Techno-Klänge in Klassiksphären

Die Formation Spark begeistert mit ihrem eigenwilligen Sound

Von Dagmar Meschede

Lustvoll, leidenschaftlich und immer punktgenau: Die Band Spark beeindruckte die Zuhörer bei ihrem Gastspiel auf der Lippstädter Studiobühne.
Foto: Meschede

Lippstadt   Zum Schluss heißt’s „On the Dancefloor“. Da zeigt die Formation Spark, dass sie selbstverständlich auch den Techno-Sound klassisch mit Flöten, Cello, Geige und Konzertflügel aufbereiten kann. Die fünf Musiker drehen voll auf. Das Spiel lädt sich emotional auf. Und es wummert ordentlich auf der Studiobühne des Stadttheaters. Da wähnt man sich schon in einem der angesagten Berliner Szenepartyschuppen aus den 1990er Jahren. Man spürt, dass die Musiker ihren Spaß haben. Sie treiben ihr Spiel auf die Spitze. Ein wahrlich großer Rausch ist dieser Ausflug in die Techno-Welt, so wie auch das Konzert ein einziger endloser Rausch ist. „Yesterday once more“ lautet das Motto des vom Musikverein und dem Jazzclub initiierten Gastspiels der „klassischen Band“ Spark, die aus den Musikern Daniel Koschitzki (Flöte), Andrea Ritter (Flöte), Stefan Balzsovics (Violine, Viola), Victor Plumettaz (Violoncello) und Arseni Sadykov (Klaiver) besteht. Dabei ist der Titel Programm. So schöpft die im Jahr 2011 mit dem „Echo Klassik“-Preis ausgezeichnete Formation aus einem reichen Repertoire, blickt aber auch weit über den Tellerrand der klassischen Musik hinaus. Uraufführung auf der Studiobühne Mitunter bedeutet das eine Uraufführung. In diesem Fall ist es das Stück „Oceans Message“, das der Pianist der Band, Arseni Sadykov, komponiert hat. Die Komposition hat den typischen Spark-Sound — ein bisschen Folk, ein bisschen Klassik, aber auch etwas Modernes zwischen New Age, Rock-Pop und Minimal Music. Im Tempo ist das Spiel der Musiker schnell und kraftvoll, gleichwohl lässt es Platz für romantisch zarte Momente. Alles klingt sehr sinnlich. Schließlich kommt Salykovs Komposition als ein sich ins Unendliche erstreckendes Wabern daher, das an die Bewegungen der Wellen erinnert. Mitten im Stück meint man gar Möwenschreie zu hören. Überhaupt steckt in den musikalischen Auslegungen von Spark viel Experimentierfreude. Eine Blockflöte ist nicht bloß eine Blockflöte: Immerhin stehen knapp 20 solcher Instrumente auf der Bühne, und sie werden alle im Laufe des Konzerts eingesetzt. Auch Cello und Violine sind nicht einfach die gewohnt klassischen Streichinstrumente, sondern Balzsovics und Plumettaz zweckentfremden sie als gitarren-, ukuelen- oder mandolinengleiches Zupfinstrumente. Als ganz unkonventionell entpuppen sich entsprechend auch die Interpretationen. Dabei ist keine Stimme nur Begleitung. Flöten, Violine, Cello und Klavier — gleichwertig stehen die einzelnen Instrumente nebeneinander und behaupten sich. Das verleiht dem Spiel des Quintetts seine Spannung. Was in einem großen Tohuwabohu enden könnte, fügt sich bei Spark zu einer geordneten Harmonie mit einem eingängig frischen und leidenschaftlichen Spiel. Selbst wenn man meint, dass da auf der Bühne nur noch reine Ekstase ist, greift ein Rädchen ins andere. Gepimpte Orgelpfeifen Und die Band überrascht ihr Publikum mit ungewohnten Instrumenten wie beispielsweise dem mannshohen Pätzold-Bässen — das sind gepimpte Orgelpfeifen —, die an eine überdimensionale frühneuzeitliche Flöten-Robotermaschine erinnern. Wer von diesem Instrument wuchtige Töne erwartet, irrt. Denn es sind dunkel gefärbte, tuckernde Töne, mit denen der Flötist Koschitzki Michael Nymans Komposition „Jack“ einen ganz eigenen groovenden Sound verleiht. Damit aber nicht genug. Wenig später setzen Ritter und Koschitzki beim selben Stück ihr Spiel mit zwei Flöten im Mund fort. Sie lassen es neben den Streichern Balzsovics und Plumettaz sowie dem Pianisten Sadykov ordentlich rocken. Aber auch Klassiker wie Vivaldis „G-Moll-Konzert“ bleiben bei Spark faszinierend – jenseits abgedroschener Interpretationspfade. Und so jagen die Musiker gleichermaßen lustvoll wie spielerisch durch die Takte. Das bereitet außerordentliches Vergnügen – nicht nur für die Musiker, sondern auch für das Publikum.

Der Patriot, 07. Juli 2017

Bewährte Kräfte

Musikverein bestätigt Vorsitzenden Dr. Peter Knop im Amt

Dr. Peter Knop (r.) ehrte die Jubilare Franz Ulrich Lücke, Eugenie Friesenhausen, Ulrike Kaiser, Christiane Schäfer (v.l.)

LIPPSTADT  Dr. Peter Knop ist von den Mitglieder des Städtischen Musikvereins Lippstadt als Vorsitzender bestätigt worden. Ebenso bestätigten sie den zweiten stellvertretende Vorsitzende Friedhelm Arnoldt sowie Schatzmeister Winfried Verhoff in ihren Ämtern. Neu im Vorstand ist Beate Mainka, die als stellvertretende Vorsitzende Miriam Steinbüchel ablöst. In der Position der Schriftführerin folgt Nicola Gerold auf Maria Hobbie. Als weitere Mitglieder des Gesamtvorstands wurden Wilhelm Börskens, Heiko Held, Franz-Ulrich Lücke, Isabell Markgraf-Seubert, Christian Schwade, Dr. Olav Freund und Wolfgang Streblow wiedergewählt. Der künstlerische Leiter Burkhard A. Schmitt blickte im Rahmen der Mitgliederversammlung nicht nur auf die Höhepunkte der Konzertsaison 2016/2017 zurück, sondern widmete sich auch den kommenden musikalischen Projekten. Als nächstes eigenes Chor- und Orchesterkonzert steht Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Paulus“ an, das der Konzertchor des Musikvereins am Samstag , 18. November, im Stadttheater aufführt. Der Vorsitzende Peter Knop ehrte vier Jubilare. Eugenie Friesenhausen und Ulrike Kaiser zeichnete er jeweils für 25-jährige Mitgliedschaft, Franz Ulrich Lücke und Christiane Schäfer für zehnjährige Mitgliedschaft aus.

Der Patriot, 24. Juni 2017

„Luther“ als musikalisches Abenteuer

Stephan Graf von Bothmer begeistert mit Stummfilmkonzert

Das Spiel mit verbundenen Augen beherrscht Stephan Graf von Bothmer aus dem Effeff. Foto: Meschede

Lippstadt  Nun gut, dieser Gag muss sein. Bevor Stephan Graf von Bothmer am Konzertflügel den Stummfilm „Luther“ begleitet, gibt’s auf der Studiobühne ein Vorspiel mit Zeichentrick-Werbefilm, Trailern und einem autonomen Stück, sprich: einer solistischen Musikeinlage. Dazu spielt Bothmer mit verbundenen Augen Sergei Rachmaninows „Präludium Nr. 5“. So viel zunächst einmal zur Einstimmung zu diesem vom Städtischen Musikverein Lippstadt initiierten Stummfilmkonzert. Klar ist nach dieser unterhaltsamen Einlage: Bothmer beherrscht alles aus dem Effeff. Das ist gut so, denn beim anschließenden Hauptfilm „Luther“ ist äußerste Konzentration gefordert. 111 Minuten und zwölf Sekunden dauert der 1927 entstandene Stummfilm, von dem es seit kurzem eine restaurierte Fassung gibt. Gezeigt wird alles an einem fortlaufenden Stück ohne Pause. Damit tourt der Komponist und Pianist durchs Land. Man könnte deshalb meinen, dass Bothmer alles routiniert spielt, aber keine Minute dieses Konzerts hinterlässt solch einen Eindruck. Das Gegenteil ist der Fall: Ungemein präsent, lebendig und auf den Punkt gebracht untermalt Bothmer mit seinem Klavierspiel den Film, der entscheidende Lebensstationen Luthers expressiv, allerdings auch plakativ nachzeichnet. Gewittererlebnis, Pilgerreise nach Rom, die 95 Thesen, Luthers Auftritt vor Kaiser Karl V. in Worms und natürlich die Bibelübersetzung sind im Film angerissene Themen. Geradezu klassisch verhält sich dazu Bothmers Komposition. Streng-steif wird’s nie. Dazu geben sich seine Interpretationen zu lustvoll-spielerisch. Wie Kommentare zu den einzelnen Filmszenen lesen sie sich und unterstreichen Eigenheiten der Charaktere. So erscheint Luther – im Film von Eugen Klöpfer verkörpert – reichlich verklärt als strahlender, deutscher Held und Revolutionär. Bothmer kennzeichnet dies musikalisch überspitzt mit heroisch-erhabenen Akkorden. Aber Klöpfers Luther kann auch nachdenklich sein. Für diesen Charakterzug Luthers findet Bothmer ruhige, melancholische Moll-Klänge. Natürlich wird’s mitunter auch dramatisch – etwa wenn man das Volk in Aufruhr gegen die Mächtigen sieht und sie Heiligenstatuen und Kirchenschätze niederreißen. Dann macht sich ein geradezu raumgreifendes, dramatisches Wabern breit. Der „Luther“-Stummfilm fordert Bothmer und dem Publikum viel ab. Fulminant meistert der 46-jährige Komponist und Pianist diese Herausforderung. Doch auch vom Publikum wird viel gefordert. Hin- und hergerissen ist es zwischen der Musik und dem Film. Wem soll man mehr Aufmerksamkeit schenken? Schließlich beeindruckt Beides, aber es plättet nun einmal auch. Bei einem zweieinhalbstündigen Non-Stop-Stummfilmkonzert kommt man an seine Grenzen. Nichtsdestotrotz lohnt sich dieses Abenteuer. mes

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