Presseartikel 2006/2007

Aus „Der Patriot“ vom 24.04.2007
Virtuose Leichtigkeit

Danjulo Ishizaka und Tomoko Akasaka begeisterten in der Jakobikirche

LIPPSTADT Nach der ersten Veranstaltung des Kunst- und Vortragsringes fand nun das erste Kammerkonzert des Städtischen Musikvereins in der neu gestalteten Lippstädter Jakobikirche statt. Mit Danjulo Ishizaka (Violoncello) und Tomoko Akasaka (Viola) hatten die Veranstalter ein junges, international gefeiertes Künstlerduo gewonnen, das mit seiner Musikauswahl den Bogen von Johann Sebastian Bach bis zu Witold Lutoslawski spannte.In der sehr familiären, fast intimen Atmosphäre des Raumes, in dem die Zuhörer die ausübenden Künstler hautnah erleben, war man schon nach den ersten Takten des Eingangsstückes von Ludwig van Beethoven, dem „Duett mit zwei obligaten Augengläsern“, gefangen genommen von der Intensität des Musizierens, vom perfekten Zusammenspiel der beiden Partner.
Vom leisesten Pianissimo bis zum übersprudelnden Forte, jede Temponuance und unterschiedliche Klangfarbe wurde gemeinsam, völlig selbstverständlich, umgesetzt, immer durchsichtig und verständlich. Mal verschmolzen die beiden Stimmen zu einer einzelnen, wie bei Beethoven, mal hatte man den Eindruck, ein ganzes Streichensemble zu hören, wie zum Beispiel im Hindemith-Duett. „Bukoliki“ für Viola und Violoncello von Lutoslawski zeichnete dagegen mit seinen volksliedhaften Melodien bildhafte Miniaturen, die durch ausgefeilte Artikulationstechniken zu kleinen Geschichten wurden.
Dass die Akustik der Jakobikirche als Konzertraum für Streichinstrumente offenbar sehr günstig ist, war besonders eindrucksvoll auch bei den Solostücken der beiden Interpreten zu erleben. Von komplizierten Doppelgriffpassagen und sehr virtuosem Spiel im Vivace der Suite für Viola von Max Reger bis hin zum leisesten Bogenansatz war es nicht nur Akasaka, die dies alles meisterhaft umsetzte – der Raum an sich unterstützte sie in hervorragender Weise, verschluckte nichts, ließ nichts in zu viel Nachhall untergehen.
Bachs Solosuiten für Cello sind sehr anspruchsvoll – nicht nur für den Musiker, sondern auch für den Zuhörer. Ishizaka gelang eine Interpretation, die durchgehend sehr konzentriert und doch entspannt, von großer Leichtigkeit und Durchsichtigkeit war. Durch seine zuverlässige Technik, seinen warmen Celloton, großen Nuancenreichtum in Klangfarben und Dynamik und souveräne Bogentechnik zeichnete er ein deutliches Bild und begeisterte das Publikum.
Die Bratsche hat oft den Ruf des etwas Schwerfälligen, Unbeweglichen. Dass dies nicht so sein muss, zeigte Tomoko Akasaka spätestens in der Bearbeitung des Duos Nr.2 in B-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart, ursprünglich für Violine und Viola geschrieben. Auch die größten technischen Klippen, die für Mozart so typische Leichtigkeit – zum Beispiel in den vielen Trillerketten -, meisterte sie souverän und mit großer Spielfreude, auch im empfindlichen Zusammenspiel mit dem Cello.
Die Duopartner waren bis in die kleinsten Details so gut aufeinander eingespielt, dass Melodieübergänge von einer in die andere Stimme unmerklich gelangen, dass die Zweistimmigkeit ausgewogen war und doch immer wieder zu einer Einheit verschmolz.
Die Zuhörer in der bis auf wenige Plätze voll besetzten Kirche entließen die Musiker erst nach zwei Zugaben mit herzlichem, lang anhaltenden Applaus. rs

Aus „Der Patriot“ vom 20.04.2007:
Gelebter Hanse-Gedanke

Der Konzertchor Lippstadt sang in Danzig das Brahms-Requiem.Chorsängerin Martina Selig berichtet von einer außergewöhnlichen Reise

DANZIG In wenigen Wochen wird Lippstadt den Hansetag ausrichten. Wir feiern hier vor allem die neue Hanse, die im Jahre 1980 wiederbelebt wurde. Dieser Städtebund verfolgt das Ziel, den Geist der Hanse als Lebens- und Kulturgemeinschaft der Städte lebendig zu halten. In eben diesem Sinne haben wir, der Konzertchor Lippstadt, kurz vor Ostern eine besonders schöne Hansestadt besucht. Mit wunderbarer Musik im Gepäck.Mit rund 40 Sängern reisten wir nach Danzig, um ein außergewöhnliches Konzert zu geben. Denn zum zweiten Mal jährte sich der Todestag von Papst Johannes Paul II. Und das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms sollte seinem Gedenken gewidmet sein.
Das Brahms-Requiem verlangt nach einer stattlichen Zahl von Sängern. Unterstützt wurden wir daher vom Universitätschor und vier weiteren Chören aus Danzig sowie vom Konzertchor Wirges. Am Tag vor dem Konzert versammelten wir uns erstmals alle in der Philharmonie, um gemeinsam zu musizieren – fünf polnische und zwei deutsche Chöre, ein polnisches Orchester und zwei polnische Solisten.
Ein Klangkörper aus knapp 250 Menschen zwischen 20 und 70 Jahren, die einander nie zuvor begegnet waren. Der musikalische Leiter des Städtischen Musikvereins Lippstadt, Burkhard Schmitt, brachte ihn auf eindrucksvolle Weise zum Klingen. Mit ausgeprägter Mimik und Gestik durchbrach er sämtliche Sprachbarrieren. Die Sprache der Musik versteht man eben auf der ganzen Welt.
Wir waren beeindruckt, wie hervorragend unsere polnischen Mitsänger vorbereitet waren. Sie überzeugten nicht nur musikalisch, sondern auch sprachlich auf der ganzen Linie. Basia, eine junge Wirtschaftsstudentin, stand während der Probe direkt neben mir. „Unser Chorleiter hat den Text für uns ins Polnische übersetzt. Das hat uns sehr dabei geholfen, die Musik zu interpretieren“, erklärte sie. „Mit ihm haben wir auch die Aussprache der Worte geübt. Doch die letzten Unsicherheiten verschwinden erst jetzt, nachdem wir euch zuhören konnten.“
Nach drei Stunden war die Hauptprobe vorbei. Wie gerne hätten wir noch weitergesungen! Nicht nur der tollen Atmosphäre wegen, sondern auch, weil die Philharmonie in Danzig, ein ehemaliges Elektrizitätswerk, so wunderschön ist. Doch schon am nächsten Morgen konnten wir für die Generalprobe dorthin zurückkehren. Sie lief recht gut, aber nicht besorgniserregend gut. Musiker sind abergläubisch: In der Generalprobe muss es mächtig „wackeln“, damit es später im Konzert klappt.
Am Abend ist es dann soweit. Unser Konzertsaal ist die Kirche der Göttlichen Vorsehung im Danziger Arbeiterviertel Zaspa. Nicht weit von hier hatte Johannes Paul II. bei seinem zweiten Polenbesuch im Jahr 1987 eine Messe vor einer großen Menschenmenge zelebriert.
Auf der großen Freitreppe der Kirche ist ein Altar aufgebaut. Der Gedenkgottesdienst für den verstorbenen Papst findet unter freiem Himmel statt. Selbst das riesige Gotteshaus kann die vielen Gläubigen nicht aufnehmen. Um das große Standbild Johannes Pauls II. herum flackern Tausende von Grablichtern. Ein Anblick, der einem Schauer über den Rücken jagt.
Wir warten während des Gottesdienstes in der Unterkirche. Einige gehen hinaus, um einen Blick auf die vielen Menschen vor der Kirche zu werfen. Doch der scharfe Ostseewind treibt sie bald wieder hinein in das Gewusel aus Sängern und Orchestermusikern.
Und dann ist es schon Zeit, sich im Altarraum der Kirche aufzustellen. Schließlich ist es ganz besonders wichtig, dass wir pünktlich beginnen. Der erste Satz – „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“ – soll um 21.37 Uhr erklingen, der Sterbeminute des Papstes.
Kurz vor 21.30 Uhr ist der Gottesdienst beendet. Die beiden großen Flügeltüren der Kirche öffnen sich, und die Gläubigen, die seit mehr als einer Stunde draußen gestanden haben, ziehen in die Kirche ein. Dabei singen sie ein leises Lied, das auch unsere polnischen Chorkollegen anstimmen. Mein Herz beginnt zu klopfen.
Die Menschen füllen binnen weniger Minuten den Kirchenraum. Sie besetzen die Bänke und drängen sich in die Gänge. Viele sind bereit, nun auch noch das Konzert stehend zu erleben. Ein Konzert zum Gedenken an „ihren“ Papst. Ein Requiem, das polnische und deutsche Sänger gemeinsam singen. Begleitet von einem polnischen Orchester, geleitet von einem Deutschen. Das ist gelebtes Europa.
Viele unserer schätzungsweise 2000 Zuhörer haben vermutlich noch nie ein klassisches Konzert erlebt. Doch sie sind verzaubert von dieser fast überirdisch schönen Musik, das spüren wir. Der Pfarrer, in dessen Kirche wir stehen, spricht seine Dankesworte. Und dann geschieht etwas, das mir jetzt noch eine Gänsehaut verursacht, wenn ich daran denke. Die Menschen stimmen „Barka“ an, das Lieblingslied des verstorbenen Papstes. Unvergesslicher Abschluss eines unvergesslichen Abends.
Wir werden die Polen bitten, dieses Lied für uns zu singen, wenn sie am 28. April nach Lippstadt kommen, um mit uns das Requiem im Stadttheater zu singen. Dann möchten wir diese wunderschöne Melodie noch einmal hören. Martina Selig
Aus „Der Patriot“ vom 20.04.2007:
Grenzüberschreitend

Mit rund 40 Sängerinnen und Sängern hat sich der Konzertchor des Städtischen Musikvereins Lippstadt an der Aufführung des Brahms-Requiems in Danzig beteiligt. Die Leitung hatte der Lippstädter Musikdirektor Burkhard A. Schmitt. Am Samstag, 28. April, wird das Konzert in derselben Besetzung im Lippstädter Stadttheater wiederholt (Beginn: 20 Uhr). Das deutsch-polnische Gemeinschaftsprojekt ist in beiden Ländern auf großes Medieninteresse gestoßen. So wird sich das WDR-Studio Siegen in Kürze in einem Fernsehbericht dem grenzüberschreitenden Konzertereignis widmen.
Aus „Der Patriot“ vom 30.03.2007:
Requiem für den Papst

Der Städtische Musikverein führt in der Danziger Kirche der Göttlichen Vorsehung und in Lippstadt Brahms auf

LIPPSTADT Lippstadt steht zurzeit ganz im Zeichen des Hansetages. Quasi zum Auftakt realisiert der Städtische Musikverein ein großes Konzertprojekt mit Sängern und Musikern aus der alten Hansestadt Danzig. Am morgigen Samstag reisen über 40 Sängerinnen und Sänger nach Polen, um am Montag, 2. April, in der Danziger Kirche der Göttlichen Vorsehung „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms aufzuführen. Am Samstag, 28. April, wird das Konzert in der gleichen Besetzung im Lippstädter Stadttheater wiederholt. Die Leitung hat bei beiden Aufführungen Burkhard A. Schmitt.Tatsächlich sei ursprünglich geplant gewesen, während des Hansetages ein großes Konzert mit Gästen aus anderen Hansestädten zu veranstalten, berichtet der Städtische Musikdirektor Burkhard A. Schmitt. Dies habe sich jedoch aufgrund der Dauerbelegung des Stadttheaters und der ohnehin schon hohen Veranstaltungsdichte in diesen Tagen als schwierig erwiesen. „Deshalb sind wird dazu übergegangen, das Konzert in einer zeitlichen Nähe zum Hansetag in Lippstadt aufzuführen. Im Vorfeld war aber schon immer eine Konzertreise nach Danzig geplant“.
Alle zwei Jahre unternimmt der Musikverein eine solche Tour, manchmal in kleinerem Rahmen, manchmal, wie bei der Ägyptenreise 1999, als großes Event. Auch der Auftritt in Danzig verspricht ein derartiges Highlight zu werden. Beteiligt sind neben den Lippstädter Sängerinnen und Sängern auch Mitglieder des – ebenfalls von Schmitt geleiteten – Konzertchors Wirges sowie des Musikvereins Hamm, der Universitätschor Danzig und die Baltische Philharmonie Danzig. Als Solistin wirken die renommierten polnischen Sänger Agnieszka Tomaszewska (Sopran) und Ryszard Kalus (Bariton) mit, die zurzeit beide an der Hamburgischen Staatsoper engagiert sind.
Es sind gleich eine ganze Reihe von Jahrestagen und kleinen Jubiläen, die bei diesem Doppelkonzert in Danzig und Lippstadt zusammenkommen. Nicht nur ist Burkhard Schmitt seit zehn Jahren als Städtischer Musikdirektor in Lippstadt tätig, das Brahms-Requiem war auch das erste Werk, das unter seiner Leitung hier aufgeführt wurde. 1997 war laut Schmitt außerdem das Jahr, in dem sich Lippstadt offiziell um die Ausrichtung des Hansetages beworben hat. Und wo fand vor zehn Jahren die internationale Großveranstaltung statt? Genau, in Danzig!
Für die polnischen Gastgeber dürfte aber vor allem ein Jahrestag von Bedeutung sein: Am 2. April 2005 starb Papst Johannes Paul II, der gerade in seinem Heimatland immer noch ganz besonders verehrt wird. „Mit Beginn der Todesminute, um 21.37 wird das Brahms-Requiem dann beginnen“, erklärt Schmitt. „Das wird sicher eine Situation sein, bei der einem ein bisschen der Kloß im Hals stecken bleibt.“
Auch der Ort besitzt einen besonderen Bezug zu Johannes Paul II., der 1987 vor der Kirche der Göttlichen Vorsehung einen großen Open-Air-Gottesdienst gefeiert hatte. Auch bei der Aufführung des Requiems werden mehrere tausend Zuhörer erwartet. Das Konzert soll deshalb simultan auf Großleinwänden außerhalb der Kirche übertragen werden. Da der Chor auf Deutsch singt, wird ein Sprecher die Texte vor jedem Satz für die Zuhörer übersetzen.
Am 28. April wird das Konzert dann im Stadttheater wiederholt, so dass sich auch die Lippstädter musikalisch auf den Hansetag einstimmen können. bal

Aus „Der Patriot“ vom 27.03.2007
Musik auf hohem Niveau

Cuarteto Casals interpretierte im Stadttheater Werke von Dmitri Schostakowitsch und Wolfgang Amadeus Mozart

LIPPSTADT Es gibt einen Grad interpretatorischer Vollkommenheit, der dem Zuschauer den Atem nimmt. Das spürt man in der Musik beim Streichquartett, das zu den sensibelsten Aufführungsformen zählt. Es ist nicht lange her, da hatte man als Quartettliebhaber die wenigen großen Quartettvereinigungen auf der Bühne erlebt. Das scheint heute kaum denkbar, nicht etwa, weil in Deutschland die amerikanische Entwicklung um sich gegriffen hätte, nur noch in wenige vermeintlich spektakuläre Künstler das Gesamtbudget zu stecken. Nein, es gibt erstaunlich viele Streichquartette auf hohem Niveau, die ihre Agenten finden, aber auch ein Publikum mit Qualitätsbewusstsein.Ein solches Steichquartett erlebte das Publikum jüngst im Lippstädter Stadttheater beim Kammerkonzert der Gruppe Cuarteto Casals. Organisiert hatte das Konzert der Städtische Musikverein Lippstadt.
Zehn Jahre ist das Quartett mit Vera Martinez Mehner und Abel Tomas Realp (beide Violine), Jonathan Brown (Viola) und Arnau Tomas Realp (Violoncello) alt. Mittlerweile ist es auch international bekannt. Das überrascht nicht. Was die Musiker an klanglicher Ausgeglichenheit, rhythmischer Disziplin, dynamischer Spannweite boten, war von einer Perfektion, die an die Grenze aller Vollkommenheit innewohnenden Zerbrechlichkeit führte.
So haben die Musiker alles lebendig interpretiert, etwa in der Polka des „Allegretto und Polka“ oder im ersten Satz des „Streichquartetts Nr. 3, op. 73“ von Dmitri Schostakowitsch. Ihr atemberaubendes Gegenüber fand das Spiel der Musiker beim Klavierspiel.
Um aber nicht zu viel zu schwärmen: Wolfgang Amadeus Mozarts „Jagdquartett, KV 458“, wirkte bei der Aufführung zu melancholisch. Im langsamen Satz drückte es Jenseitssehnsucht aus, dann aber folgte eine lebendige innere Unruhe im Schlusssatz. Das sind kleinliche Anmerkungen zu einer in sich stimmigen Interpretation, die in ihren dynamischen Mikrostrukturen faszinierte.
Das Publikum war begeistert. Zum Schluss lieferten die Musiker eine prachtvolle, rhythmisch fesselnde Da-Falla-Zugabe. AK

Aus „Der Patriot“ vom 21.03.2007
„Auch Neuland betreten“

Seit genau zehn Jahren ist Burkhard A. Schmitt der musikalische Leiter des Städtischen Musikvereins Lippstadt

LIPPSTADT Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Noch sehr viel länger erscheinen sie freilich, wenn man sich klarmacht, welche schier unfassbare Menge an Noten Burkhard A. Schmitt in dieser Zeit mit seinen Sängerinnen und Sängern einstudiert hat, immer und immer wieder geprobt, bis jeder Ton perfekt sitzt und das gesamte Werk dem geneigten Publikum vorgestellt werden kann. Auf den Tag genau vor zehn Jahren hat Burkhard Schmitt das Amt des musikalischen Leiters des Städtischen Musikvereins übernommen. Und er ist in dieser Zeit nicht gerade untätig gewesen: 28 Werke hat Schmitt mit dem Konzertchor Lippstadt einstudiert und in 21 Chorkonzerten aufgeführt, darunter nicht weniger als 13 Ersteinstudierungen. Dazu zählen etwa „Jephta“ von Händel, die „Chorfantasie“ von Beethoven, die Chöre aus „Titus“ und „Thamos, König in Ägypten“ sowie die „Vesperae solennes de confessore“ von Mozart, das „Nachtlied“ von Schumann und das „Magnificat“ von Rutter.
„Das ist vom Chor eine enorme Leistung“, betont Schmitt. Zumal er immer Wert darauf gelegt habe, auch Werke aufzuführen, die man „nicht alle Tage“ höre. „Die anderen Chöre, die hier Konzerte geben, greifen in der Regel ja auf Altbekanntes zurück. Mein Ziel war es aber immer, auch Neuland zu betreten.“
Neuland war für den aus Goldbach bei Aschaffenburg stammenden Dirigenten ursprünglich auch Lippstadt. Von 1982 bis 1987 studierte er Schulmusik in Mainz und von 1990 bis 1993 Chorleitung an der Kölner Musikhochschule. Daneben besuchte er Meisterkurse bei Frieder Bernius und Sergiu Celibidache. Auf die durch den Weggang von Joshard Daus frei werdende Stelle wurde Schmitt durch eine Anzeige in der renommierten Fachzeitschrift „Orchester“ aufmerksam. Aber dabei blieb es nicht. Denn in Mainz war Schmitt unter anderem Schüler von Daus gewesen – und hatte dabei auch Chorsänger aus Lippstadt kennen gelernt, die sich nun bei dem inzwischen fertig ausgebildeten Dirigenten meldeten und ihn über den anstehenden Wechsel informierten. Schmitt bewarb sich also und setzte sich schließlich unter über 60 Bewerbern durch.
Lippstadt blieb nicht sein einziges Engagement. Der heute 46-Jährige leitet auch noch den Konzertchor Wirges, übernimmt Gastdirigate und unterrichtet darüber hinaus an der Musikschule seiner Wahlheimat Koblenz. Er verbringe viel Zeit im Zug, räumt Schmitt schmunzelnd ein. Die Vielzahl der Aktivitäten kommt aber durchaus auch seiner Arbeit in Lippstadt zugute, kann er so doch beständig neue Kontakte zu interessanten Solisten und Orchestern knüpfen, die er dann auch an die Lippe einlädt. Nicht ohne Stolz betont der Dirigent, dass renommierte Gäste wie die Sopranistin Camilla Nylund und der Pianist Florian Uhlig unter seiner Leitung im Stadttheater aufgetreten sind.
Die Arbeit eines Städtischen Musikdirektors bleibt nicht auf die Chorleitung beschränkt. Davon zeugen zum Beispiel die acht von Schmitt geleitete Sinfoniekonzerte mit bekannten Orchestern wie den Bochumer Symphonikern, dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie und der Staatsphilharmonie Halle. Gleichwohl steht die Arbeit mit den Sängerinnen und Sängern zweifellos im Mittelpunkt. Umso mehr freut sich Schmitt über die Entwicklung des Chores, der in den letzten zehn Jahren rund 40 Neuzugänge zu verzeichnen hat und dabei von etwa 50 auf circa 80 Mitglieder angewachsen ist. „Es ist aber kein Kommen und Gehen, sondern in erster Linie ein Kommen“, betont Schmitt. „Das ist eine sehr schöne Entwicklung, auf die wir schon stolz sein dürfen.“
Auch qualitativ sei eine deutliche Steigerung festzustellen. „Das ist dadurch zu erklären, dass die allgemeine musikalische Bildung der Chorsänger in den letzten Jahren gestiegen ist. Das zeigt sich in allen Chören, auch die Ausbildung der Chorleiter im Laienchorwesen hat sich verbessert. Es wird mehr Wert auf Niveau gelegt. Insofern hat sich auch die Qualität der Neuzugänge sehr verbessert.“
Zufrieden ist der Musikdirektor auch mit der Unterstützung seitens der Politik. Zwar habe der Musikverein, wie andere Kulturträger auch, Etat-Kürzungen hinnehmen müssen: „Aber es ist immer noch so, dass die verantwortlichen Politiker wissen, was sie an der Kultur und am Städtischen Musikverein als der musikalisch-kulturellen Säule der Stadt haben.“
Zu den persönlichen Höhepunkten seiner Lippstädter Tätigkeit zählt Burkhard Schmitt unter anderem die große Konzertreise nach Ägypten (1999), die Aufführung der „Matthäus-Passion“ im Bach-Jahr (2000) und das große Beethoven-Programm zum 100-jährigen Jubiläum des Musikvereins (2005).
Und auch in diesem Jahr steht ein ganz besonderes Highlight an: Am 2. April führt der Konzertchor mit weiteren Beteiligten in der Danziger Kirche der Göttlichen Vorsehung das „Deutsche Requiem“ von Brahms auf – und damit genau das Werk, mit dem Schmitt vor zehn Jahren seine Tätigkeit in Lippstadt begann. Am 28. April wird das Konzert im Lippstädter Stadttheater wiederholt. bal

Aus „Der Patriot“ vom 03.03.2007
Ungeheure Frische

Das Helmut Eisel / Oliver Strauch Quartett begeisterte die Jazzfreunde auf der Studiobühne. Im Mittelpunkt des abwechslungsreichen Konzerts stand die „sprechende Klarinette“

LIPPSTADT Der Plattenspieler seines Großvaters ist schuld daran, dass sich Helmut Eisel der Musik verschrieben hat; dem Jazz im Allgemeinen, dem Klezmer und der Klarinette im Besonderen. Das Holzblasinstrument mit dem Rohrblatt ist im Jazz ein bevorzugtes Melodieinstrument, man denke nur an den typischen Glenn-Miller-Sound oder an Sidney Bechet, aus dessen Feder Eisels favorisiertes Stück „Petite Fleur“ stammt.Am Donnerstag hatten der Städtische Musikverein und der Lippstädter Jazzclub zu einer Premiere geladen. Denn das Jazz-Quartett mit Helmut Eisel (Klarinette), Oliver Strauch (Schlagzeug), Martin Preiser (Klavier) und Johannes Schaedlich (Kontrabass) ist in dieser Besetzung so noch nie aufgetreten.
Der Abend erwies sich als ein einmaliges Bonbon. Einmalig, weil erstklassige Musiker am Werke waren und zweitens, weil eine sprechende Klarinette selten so zu hören ist, abgesehen von Giora Feidman natürlich. Doch Eisel ist längst selbst ein anerkannter Klezmer-Klarinettist. Und auch am Donnerstagabend nutzt er alle Möglichkeiten des an Klappen reichen Instruments, schwingt sich mit einer ungeheuren Fingerfertigkeit durch drei Oktaven; schafft es locker bis in die zweigestrichene Tonlage – eine Besonderheit des Instruments, aber auch des Musikers.
Mit einem leisen Rauschen entlockt der Saarländer der Klarinette die leisesten Töne, steigert sich ins Forte um dann wie ein Derwisch mit frechen, frivolen Tönen zu tanzen. Er taucht ein in die Improvisation, verliert sich aber nicht, findet stets zum Thema im Ensemble zurück.
Es wird nie langweilig, was an der Vielseitigkeit der versierten Musiker und der Auswahl der Stücke liegt. Das Ensemble ist äußerst wandlungsfähig und besitzt die Gabe, Stimmungen aufzubauen. Von einer leichten Klezmer-Melancholie geht es schnurstracks über zum melodiösen Swing, bei dem Oliver Strauch (im „Lexikon der weltbesten Schlagzeuger“ aufgenommen) die Besen schwingt und man das Gefühl bekommt, spätabends an einer New Yorker Bar zu sitzen. Dazu trägt in hervorragender Weise das koloraturenreiche Spiel von Martin Preiser (Klavier) bei, das einen Hauch von Romantik versprüht.
Die Stücke von Bechet, Glenn Miller („St. Louis Blues“) oder George Gershwin („Summertime“ als Funk-Version) sind neu arrangiert und zeugen von ungeheurer Frische und Experimentierfreude. So etwa, wenn Eisel in den Resonanzkörper des Flügels spielt, um mehr Schall zu erzeugen oder Strauch mit facettenreichem Spiel zum fulminanten Solo ansetzt und Rhythmen aller Coleur produziert. Das Ensemble erzählt Geschichten, kommuniziert und führt Zwiegespräche durch wechselnde Soli.
Die Studiobühne hätte noch Platz gehabt für mehr Freunde des Jazz. Die haben was verpasst. Also merken. Fürs nächste Mal. rio

Aus „Der Patriot“ vom 27.02.2007
Gezielte Verunsicherung

Die Philharmonie Südwestfalen interpretierte Iris ter Shiphorsts vielschichtige Komposition „Zerstören II“ mit großer Sensibilität und Präzision

LIPPSTADT Im Zeitalter der Dauerberieselung durch Musik wagt man schon kaum noch nach der Funktion von Musik zu fragen. Soll sie von unangenehmer Wirklichkeit ablenken oder verblödend der Beurteilung der Bohlens ausgesetzt sein? Soll sie solche Wirklichkeit verklären? Soll sie immer und immer die eigenen musikalischen Erwartungen bestätigen, oder will der Hörer geistig anregende Verstörung? All dieses und vieles mehr ist sicherlich in bestimmten Lebenssituationen begreiflich.Vom Besucher des jüngsten Sinfoniekonzertes des Städtischen Musikvereins Lippstadt mit der Philharmonie Südwestfalen musste man aber die willige Öffnung für das Erleben musikalischer Welten erhoffen, die manchem vielleicht Neuland waren. Kompositorisches Neuland wurde in „Zerstören II“ von Iris ter Shiphorst allerdings nicht betreten. Erstaunlich nur, dass weitgehend die seit Jahrzehnten bis zum Verdruss genutzte Geräuschhaftigkeit vermieden wurde.
Alles ordnete sich der Komponente klanglicher Entwicklung, von extremer Lautstärke zu feinstem Pianissimo, unter und verschaffte damit dem Wunsch nach Stille (und ständig umgebende Lautstärke wird von vielen Forschern als die entscheidende Lebensgefährdung der Zukunft angesehen) den allergrößten Nachdruck.
Eine eindeutige Struktur der Komposition war mir nach dem ersten Hören nicht erkennbar. Ein entscheidendes Moment schien mir aber in der Hörverunsicherung zu liegen, die durch die häufigen Glissandi evoziert wurde.
Russel N. Harris, Leiter der Philharmonie Südwestfalen, leistete bei diesem Werk unserer Tag ein Muster an Präzision und Hörsensibilität gegenüber einer so vielschichtigen Partitur. Diese Ausrichtung auf Präzision hätte man sich manchmal in den anderen Werken des Programms gewünscht, wenn seine ekstatischen Entladungen zu einem Klangrausch zu führen schienen, dem es an sensibler Durchhörbarkeit ein wenig mangelte.
Wie wunderbar differenziert und entspannt er zu musizieren versteht, mit feinem Gespür für Temporelationen, das wurde beglückend deutlich im dritten Satz der 1. Sinfonie c-Moll op. 68 von Johannes Brahms. Hier gab er alle Freiheit des Musizierens, nahm den Druck vom Orchester bei einer vom Komponisten schwer erkämpften Sinfonie. Sein manchmal kompakter Zugriff minderte allerdings die Überbetonung des Pauken-Ostinato im ersten Satz nicht, ein vom Eingang des „Deutschen Requiems“ von Brahms bekanntes Problem. Insgesamt aber war es eine imponierende Interpretation.
Am Beginn des Programms stand die „große Ouvertüre“ zu William Shakespeares „Roi Lear“ Op. 4, ein Stück, dessen Bezug zum Drama programmatisch durchaus erkennbar ist. Schon hier wurden die Qualitäten des Orchesters deutlich: ein klangvoller Bass-Unterbau, einheitlich klingende hohe Streicher und Bläser, die sehr flexibel klingen können.
Ein beachtlicher Konzertabend also, vielleicht sogar ein nachdenklich stimmender, mit Anregung dazu, seine Hörgewohnheiten einmal kritisch zu befragen. AK

Aus „Der Patriot“ vom 13.02.2007:
Ohne Verzärtelung
Die Pianistin Micaela Gelius bestach durch glänzende Technik, fein austarierte Nuancierung und emotionale Hingabe

LIPPSTADT Eine merkwürdig matte Stimmung lag über dem Klavierabend des Lippstädter Musikvereins mit der Pianistin Micaela Gelius. Eigentlich unverständlich, denn das Publikum wurde, sollte es noch in Erwartung des Gelius-Trios gewesen sein, keineswegs mit „Ersatz“ bedient, obwohl die Qualitäten der Pianistin wahrscheinlich doch besser in kammermusikalischer Verbindung tragen, wenn sich mehrere Musikanten zu einer den Zuhörer fesselnden Ausstrahlung verbinden.Zwei Werke Domenico Scarlattis hatte die Künstlerin an den Beginn des Programms gestellt, wahrlich keine leichtgewichtigen Stücke, die aber ein wenig an Charme verlieren, wenn man sie als nicht leichtgewichtig vorführen will, ihnen damit zu viel aufbürdet. Sehr schön danach die Sonate F-Dur (KV 332) von Wolfgang Amadeus Mozart, immer durchsichtig, im Adagio voller Poesie ohne emotionalen Qualm, im Schlusssatz geradezu rasant auf der Basis glänzender Technik.
Für Ludwig van Beethovens Sonate c-Moll op. 13, die von ihm selbst, anders als bei den übrigen bekannten Sonatenbezeichnungen, die „Pathetique“ genannt wurde, hat die Pianistin nicht die gewaltige Pianistenpranke. Aber sie entwickelt klug das Stück aus Verhaltenheit, nicht um Überwältigung bemüht. So bekommen dann alle Sätze eine überzeugende Entwicklung aus ihrer fein austarierten Nuancierung.
Mit dem machtvollen „Aufschwung“ aus Robert Schumanns „Phantasiestücke“ op. 12 begann der zweite Programmteil, in dem Clara Schumann eingerahmt wurde von ihrem Ehemann und Johannes Brahms, eine im Blick auf die Biographien der drei Komponisten reizvolle Zusammenstellung.
Und Clara Schumann nahm, zumindest in dieser Werkfolge, ihrem Mann die Siegespalme aus der Hand. Micaela Gelius spielte sie nämlich mit größter Sensibilität, dabei ohne Verzärtelung, machte damit den voraufgegangenen etwas konturlosen „Aufschwung“ vergessen.
Die drei Eingangsstücke aus den „Sechs Klavierstücken op. 118 von Johannes Brahms sind in ihrer Leidenschaftlichkeit, ihrer reinen Klangschönheit, ihrer feurigen Rhythmik sowieso eine eigene Liga, wurden zudem von der Pianistin mit aller Farbigkeit und emotionalen Hingabe gespielt.
Frédéric Chopins beliebtes c-Moll-Impromptu musste danach wohl noch kommen, und am Ende die „Automne“ von Cécile Chaminade, für mich eine Erstbegegnung. Der sehr freundliche Beifall danach bewog Micaela Gelius zu einer pfiffig gespielten Béla-Bartók-Zugabe.
Ein schöner Konzertabend also, und doch mit merkwürdig herbstlicher Mattigkeit.
Habe nur ich das so empfunden, oder sind die Jahreszeiten inzwischen völlig durcheinander?
AK