Presseartikel 2012/2013

Aus „Der Patriot“ vom 27.05.2013

Klaviator mit echter Klasse

Lars Reichow – Kabarettist hat zehn goldene Finger

Lippstadt  Normalerweise übernimmt der Kabarettist im Fernsehen die „Spätschicht“. Lars Reichow ist also alles andere als ein Unbekannter. Dennoch reicht es in Zeiten, wo ein Mario Barth ganze Fußballstadien füllt, bei Reichow nur für eine ausverkaufte Studiobühne. Lars Reichow, der Träger des Deutschen Kleinkunstpreises, steht halt für Klasse statt Masse. Und dennoch: Wer ihn am Freitagabend mit seinem Programm „Goldfinger“ erlebte, der weiß: Der Mann gehört auf die große Bühne!

Die Zuschauer auf der Studiobühne wickelt er jedenfalls im Null Komma Nix um den Finger. „Der einzige Sonnenstrahl Deutschlands fiel heute auf diese Stadt. Ich überlege, ob ich nach Lippstadt ziehe. Aber das hängt letztendlich von Ihren Reaktionen heute ab“, begrüßt er sein Publikum in lockerem Plauderton. Tja, Herr Reichow: Dann pack schon mal die Umzugskisten!

„Goldfinger“ ist der Titel des Programms. Aber wenn sich der Kabarettist an den Flügel setzt, dann merkt man: Er hat gleich zehn goldene Finger. Die fliegen förmlich über die Tasten. Von hohem Wiedererkennungswert ist sein rauer Schmelz in der Stimme. Das weiß er prompt zu nutzen und singt gleich am Anfang ein Loblied auf die Frauen. Der Mann wirkt einfach von Kopf bis Fuß authentisch. Wo andere Künstler latent manisch auf der Bühne agieren, da reicht Lars Reichow ein Minimum an Mimik und Gestik. Locker ist sein Plauderton. Man fühlt sich beinahe wie bei einem Gespräch unter Freunden. Ein Gläschen Wein wäre jetzt nicht schlecht. Dann wäre die Wohlfühlatmosphäre perfekt.

Der Faden, der sich durch das Programm zieht ist nicht rot, sondern goldfarben. Es geht um das Geld, das Gold der Welt. Das ist schlecht verteilt. Viele tragen es an den Hüften, einige verstecken es in der Schweiz.

Für Otto Normalverbraucher ist es schwer zu ergattern: „Wie kommt man an Geld? Die schlimmste Möglichkeit ist zu arbeiten. Doch auch Erben ist nicht mehr so einfach wie früher. Es dauert länger“, so Reichow. „Was haben sie denn so rumliegen?“, fragt er die Zuschauer und plaudert sogleich aus dem Nähkästchen. Denn bei Reichows daheim liegen keine Goldbarren unterm Sofa, dafür „seit 1-2 Jahren ein Jugendlicher in seinem Sitzsack“. Die Zukunft des Knaben ist ungewiss: „Vermutlich wird er mal was mit Tieren machen. Denn sein Zimmer ist eine Mischung aus Pumagehege und Vogelkäfig. Irgendwas brütet der da aus. Vielleicht einen Erwachsenen“.

Den Zuschauern scheint solch ein Sitzsack-Phänomen vertraut zu sein – denn viele von ihnen quietschen schier vor Lachen. Doch nicht nur die Jungen, auch die Alten bekommen ihr Fett weg: „Wer denkt noch an Sex und Crime? Wer will noch nicht ins Seniorenheim“, singt Reichow eine rüstige Rollator-Dame in der ersten Reihe an und fügt hinzu: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sind sie nur verreist“. Der Abend jedenfalls endet mit einer herrlich skurrilen Geschichte: Angela Merkel und ein Schweizer Handkäs retten das Gold der Welt. Ende gut. Alles gut.

Naja, nicht ganz: Denn nach zahlreichen Zugaben muss der Kabarettist leider gehen: „Mein Schwiegervater holt mich ab. Der wartet schon“.

Moment mal Herr Reichow, wie war das noch mit dem Umzug nach Lippstadt …?   co

Aus „Der Patriot“ vom 17.04.2013

„Die beste Zeit im Jahr“

Con Brio begrüßte den Frühling

LIPPSTADT   Das war ein schwieriges Unterfangen des Kammerchores Con Brio, gegen den Freiluftgenuss der ersten warmen Frühlingstage mit „Es lacht der Mai“ anzusingen. Aber der von Burkhard A. Schmitt geleitete Kammerchor des Städtischen Musikvereins zieht sein Publikum, und damit war der erste Pluspunkt dieses Volksliederabends in der Lippstädter Jakobikirche errungen.

Nun sind die gesungenen Sätze aus dem Loreley-Chorbuch nicht alle von gleicher Qualität, aber selbst die krampfhaft um „Modernität“ bemühten Vertonungen können Ausführenden wie Hörern zeitweiliges Vergnügen machen. Gerade sie sind aber in ihrer Durchsichtigkeit nicht einfach zum Klingen zubringen.

So brauchte der Chor eine gewisse Einsingphase bis er zu ausgeglichenem Klang fand, die ersten Soprane nicht allzu herausstachen und der Hörer sich an den etwas Höhenbestimmten Klang wegen mangelnder Basstiefe gewöhnt hatte. Dann aber bestachen die deutliche, nuancierte Diktion und die Fähigkeit, auf die deutlich vorgegebene dynamische Abstufung des Dirigenten einzugehen.

„Die beste Zeit im Jahr ist mein“ im Satz von Volker Wangenheim war noch stark von den deprimierenden Wetterverhältnissen der letzten Zeit melancholisch eingefärbt. Dafür aber lachte der Mai im Satz von Felix Mendelssohn Bartholdy fröhlich durch die Reihen der vom Klavierklang eingebetteten Frauenstimmen.

Wie denn überhaupt die Pianistin Kumiko Watzinger das Vergnügen hatte, an einem wunderschön abtönenden Instrument zu spielen. Sie begleitete auch Stephanie Lönne (Sopran) in den bis auf Benjamin Brittens „The Salley Gardens“ bekannten Liedern von Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert und Richard Strauss. „Die Liebende schreibt“ von Felix Mendelssohn Bartholdy machte dabei besonders die noch nicht ausgearbeitete Mittellage der Sängerin deutlich. Das muss noch der Qualität der freien, lockeren und völlig überzeugenden Höhen angeglichen werden.

Burkhard A. Schmitt ließ sich auf der Querflöte im „Frühlingsstimmenwalzer“ vom Klavier begleiten und unterstrich dabei die Überschrift des Abends: „Es lacht der Mai“.   AK

Aus „Der Patriot“ vom 02.04.2013

Chor trägt die Qualität

Johannespassion: Hoher Anspruch und verdienter Respekt

Der Konzertchor Lippstadt bildete bei Bachs "Johannespassion" die tragende Säule der Aufführung Fotos: Tuschen
Der Konzertchor Lippstadt bildete bei Bachs „Johannespassion“ die tragende Säule der Aufführung Fotos: Tuschen

LIPPSTADT    Ist es eigentlich ein Zeichen ästhetischer Enge, wenn man sich im Lippstädter Stadttheater bei der Darstellung von Johann Sebastian Bachs „Johannespassion“ nicht ganz wohl fühlt? Oder hatte man die so erschreckend geist- und kulturferne Schwachsinnäußerung der „Piraten“ zum Karfreitag, als demokratiefördernd getarnt, noch als annahmestörend im Kopf? Wie dem auch sei, die große Zahl der Hörer bei der „Johannespassion“, aufgeführt vom Städtischen Musikverein, bewies doch ermutigend, dass die Spaßgesellschaft noch nicht jede geistige Auseinandersetzung deckelt.

Burkhard A. Schmitt, der musikalische Leiter, muss bei Johann Sebastian Bachs „Johannespassion“ einen hohen Anspruchsberg besteigen. Und an die Spitze der eigenen Erwartungen zu kommen ist höchst mühevoll, bedenkt man die Unwägbarkeiten einer solchen Aufführung. Dass es zu einer stilistischen Einheitlichkeit kaum kommen kann, ist bei dem geringen Probenmiteinander nur zu verständlich. So kann B.A. Schmitt seinen Interpretationsansatz eigentlich nur im Gegenüber zu seinem Chor, dem Konzertchor Lippstadt, verdeutlichen. Und das gelingt hochbeachtlich.

Klangliche und rhythmische Präzision sind dabei die Voraussetzung für ein elastisches Musizieren, das ganz am Wort orientiert ist, ohne in theatralische Ausdeutung zu verfallen. Da bekommen die Choräle, ohnehin das Zentrum des gesamten Werkes, ihre jeweils differenzierte Kontur, ihren ganz unaufgesetzten Aussagegehalt.

Den Schlusschoral hätte ich mir allerdings elektrisierend-triumphaler vorstellen können. Hochkonzentriert, packend und prachtvoll artikuliert sind auch die dramatischen Turbachöre. Der Chor des Musikvereins trug also die Qualität des Abends.

Daneben ereignete sich Unausgewogenes. Der entscheide Träger der Handlung, der Evangelist von Jan Kobow (Tenor), hat eine leichte, bewegliche, etwas schmale Stimme und konnte sich nicht entscheiden zwischen einem Berichterstatter und einem dramatischen Deuter.

Rolf A. Scheider (Jesus), leicht indisponiert, blieb folglich ein wenig blass. Jens Hamann (Bass-Bariton) trumpfte in den kleinen Partien allzu theatralisch auf, profilierte aber überzeugend seine ariosen Beiträge. Vom Theatervirus infiziert schien zunächst auch der kraftvolle Tenor von Stephan Zelck, bewies aber in seinem Schluss-Arioso große klangliche Einfühlsamkeit.

Überzeugend: Der unverkrampfte sensibel leuchtende Sopran von Tanja Obalski
Überzeugend: Der unverkrampfte sensibel leuchtende Sopran von Tanja Obalski

Wenn auch historisch belegt und heute mit großen Interesse besetzt, hat der Einsatz eines Altus in den Alt-Partien der Barock-Werke doch immer etwas artistisch circensisches. Klaus Haffke bewältigte seine Partie mit klanglicher Intimität (besonders in der Arie Nr. 30) und künstlerischer Gewissenhaftigkeit. Ohne Einschränkung überzeugend war der freischwebende, unverkrampfte, sensibel leuchtende Sopran von Tanja Obalski.

Nicht recht anfreunden konnte man sich mit dem unflexiblen, in den Höhen fast unprofessionellen Streicherklang des Folkwang Kammerorchesters Essen, anerkennenswert dagegen die Solo-Gambe. Burkard A. Schmitts hohes künstlerisches Engagement verdiente sich jeden Respekt, deutlich ihm galt der Schlussbeifall.  AK

 

Aus „Der Patriot“ vom 19.03.2013

Sensibiliät und Temperament

Vor allem der Cellist Ramon Jaffé begeisterte im Konzert „Phantasievoll“

Der Cellist Ramon Jaffè, GMD Heiko Mathias Förster und der Bratschist Eric Quirante Kneba machten mit der Neuen Philharmonie Wesfalen "Don Quixote" von Richard Strauss zu einem musikalischen Erlebnis. Foto: W. Lenfert
Der Cellist Ramon Jaffè, GMD Heiko Mathias Förster und der Bratschist Eric Quirante Kneba machten mit der Neuen Philharmonie Wesfalen „Don Quixote“ von Richard Strauss zu einem musikalischen Erlebnis. Foto: W. Lenfert

LIPPSTADT   „Phantasievoll“, so war das Thema benannt, mit dem am Samstag das Sinfoniekonzert des Städtischen Musikvereins mit der Neuen Philharmonie Westfalen im Lippstädter Stadttheater überschrieben war. Sollte damit die Auswahl der Werke angesprochen sein, oder verbarg sich darin des Aufruf an die Zuhörer, ihre Phantasie zu aktivieren? Wie dem auch sei, es gab einen zweiten Teil des Programms, der beide Vermutungen zusammenband.

Prachtvolle Verbindung

Vorher musste man allerdings eine Polonaise für Violoncello und Orchester A-Dur von Antonin Dvorák überstehen, die nun — aber das ist ja jedem Komponisten zugestanden —wahrlich nicht zu seinen inspiriertesten Kompositionen zählt. Ohne den wirklich hinreißenden Ausdrucksmusiker Ramon Jaffé (Violoncello) wären Orchester und der musikalische Leiter Heiko Mathias Förster in Lustlosigkeit versackt.

Aber da war ja eben der Cellist mit einer prachtvollen Verbindung von Sensibilität und zupackendem Temperament, mit einer Ausdrucksskala, die schon hier gespannt Vorfreude machte auf den zweiten Programmteil mit dem „Don Quixote“ von Richard Strauss. Zunächst aber erklang da noch „Le bœuf sur le toit“ von Darius Milhaud, ein Werk mit einer sehr eigenen Geschichte. War es ursprünglich als Filmmusik etwa für einen Stummfilm von Charlie Chaplin gedacht, schien es Jean Cocteau besonders geeignet für eine Pantomime.

Die Komposition wurde höchst populär, Darius Milhaud galt danach als eine Art Musik-Clown. Das aber hatte er mit seinem heiteren Divertissement wirklich nicht angestrebt. Vielmehr ist es doch eine Komposition, die Erinnerungen an die populären Melodien verarbeitet, die er in Brasilien aufgesogen hatte.

Die Neue Philharmonie Westfalen, immer wieder von Heiko Mathias Förster temperamentvoll angestoßen, spielte das Werk mit südamerikanisch-westfälischem Schmiss, konnte aber dem Sammelcharakter der Komposition auch nicht zu einem wirklich gerafften Eindruck verhelfen.

Dann aber der „Don Quixote“ von Richard Strauss. Da zeigte Generalmusikdirektor Förster zu welchem charakterisierenden Nuancenreichtum er das Orchester befeuern konnte, zu welchem Farbreichtum die einzelnen Szenen des Lebensweges vom „Ritter mit der traurigen Gestalt“ ausgemalt werden konnte.

Dazu fast kammermusikalisch die Solisten, der wunderbar abschattierende, souveräne Cellist Ramon Jaffé, der klanglich einfühlsame Bratschist Eric Quirante Kneba und der aufmerksam sich einbindende Konzertmeister des Orchesters. Sie alle machten das so charakterisierend instrumentierte Werk von Richard Strauss zu einem musikalischen Erlebnis.    AK

 

Aus „Der Patriot“ vom 05.03.2013

Mit höchster Intensität

Konzert mit dem Cellisten Danjulo Ishizaka war ein Hörerlebnis

 

Der Cellist Danjulo Ishizaka spielte mit höchster klanglicher Intensität. Fotos: Krumat
Der Cellist Danjulo Ishizaka spielte mit höchster klanglicher Intensität. Fotos: Krumat

LIPPSTADT   Auch musikalisch wunderbare, klanglich packende Konzerte können Fragezeichen setzen – vielleicht besonders sie. So ein Konzert war das des Städtischen Musikvereins mit dem prachtvollen Solisten Danjulo Ishizaka (Violincello) und dem Franz-Liszt Kammerorchester im Lippstädter Stadttheater.

Ihnen beiden gehörte der erste Programmteil, und beide zeichneten sich schon am Beginn im Cellokonzert A-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach, dem zweitältesten und viel erfolgreicheren Sohn des großen Johann Sebastian, durch klangliche Homogenität und differenzierte Dynamik aus. Damit gewann die verspielt-anheimelnde Komposition freundlich akzeptierte Wirkung auf den Hörer.

Größeres kompositorisches Gewicht hat Robert Schumanns Cello-Konzert a-Moll Op. 129, dessen drei Sätze pausenlos ineinander übergehen. Dieses Werk, in dem diese drei Sätze durch thematische Bezüge verknüpft sind, ist von gewinnender Heiterkeit, obwohl es bis knapp vor Schluss in Moll steht – ein Beweis mehr, wie sehr innere Moll-Heiterkeit tiefere Dimensionen erreichen kann, als man sie beim Dur-Geschlecht selbstverständlich voraussetzt.

Danjulo Ishizaka spielte das Konzert mit höchster klanglicher Intensität und Transparenz, ohne jede durchaus mögliche Ruppigkeit, rhythmisch zupackend, ein Hörerlebnis. Und doch, selbst wenn man Mitsingen oder Schnaufen eines Casals oder Rostropowitsch nicht unbedingt vermisst, etwas aggressiveres, weniger leicht distanziertes Schönspiel wäre durchaus denkbar. Zumal auch darum, weil dem so farbenreich aufspielenden Solisten auch noch auferlegt ist, den Farbreichtum der in der Kammermusikfassung fehlenden Orchesterinstrumente mitzustemmen. Umso deutlicher aber wurde die Zusammenfassung kantabler und virtuoser Elemente dieses wunderbaren Konzertes.

Das Franz Liszt Kammerochester musizierte mit großer Transparenz, klanglicher Sensibilität und tänzerischer Lockerheit auf der Höhe des Solisten. Die Zugabe des Satzes aus der Cello-Solo-Suite von Johann Sebastian Bach bewies dann einmal mehr die interpretatorische Intelligenz und technische Souveränität des Solisten.

Das Streichoktett Es-Dur op. 20 ist ein Geniestreich des noch jugendlichen Felix Mendelssohn Bartholdy. Auch wenn es an sich schon orchestral angelegt ist, bedarf es in der Orchesterversion doch besonders der überlegenen technischen Perfektion, des absolut homogenen Zusammenspiels aller letztlich solistisch geforderten Musikanten. Und da bot das Franz Liszt Kammerorchester eine Meisterleistung an klanglicher Spritzigkeit, dynamischer Elastizität und agogischer Wendigkeit, die jede Bewunderung verdiente.

Das Franz Liszt Kammerorchester musizierte mit großer Transparenz, klanglicher Sensibilät und tänzerischer Lockerheit auf der Höhe des Solisten
Das Franz Liszt Kammerorchester musizierte mit großer Transparenz, klanglicher Sensibilät und tänzerischer Lockerheit auf der Höhe des Solisten.

Ein großes Talent tschechischer Musik war zweifellos Pavel Haas, dessen Werk immer noch weitgehend unbekannt ist. Wirklich entfaltet hat sich dieses Talent erst in Theresienstadt nach einem Jahr völliger schöpferischer Paralyse. Die Einlieferung in das KZ hatte den kränkelnden Komponisten zunächst völlig verstummen lassen. Klar ist die Verbindung an die böhmisch-mährische Musiksprache im 1. Streichquartett cis-Moll Op. 3. Aber es hat in seinem zwischen Melancholie und zupackender Musikalität pendelnden Duktus eine so eigene Gestalt, dass die Fassung für Streichorchester, unter der Leitung von Konzertmeister Janos Rolla wunderbar intensiv und gespannt gespielt, das besonders eindrucksvolle musikalische Erlebnis des Abends bot.

Wann verfällt man schon mal in einer Zeit, wo alles ohne Aussagewert als „super“ bezeichnet wird, in Begeisterung? Hier war sie angemessen.   AK

Aus „Der Patriot“ vom 19.02.2013

Musizieren wie „damals“

Trio Inspirato bat zur „Schubertiade“

LIPPSTADT   Es soll bei allem qualifizierten Musizieren durchaus entspannt zugegangen sein bei den „Schubertiaden“, dem Miteinander rundherum um Franz Schubert. Qualifiziert und entspannt verlief am Samstag auch das Konzert des Trio Inspirato bei der Kammermusik des Lippstädter Musikvereins in der Jakobikirche.

Zwar gibt es eine große Zahl von Kompositionen für die Besetzung von Sopran, Klarinette und Klavier, aber Ensembles, die sich dieser Besetzung widmen, sind selten. So konnte man gespannt sein auf Marietta Zumbült, Sopran, (die ja in Lippstadt so etwas wie einen künstlerischen Stammplatz hat), Reiner Wehle (Klarinette) und Friederike Richter (Klavier).

Informativ und humorvoll

Der Klarinettist führte dabei ebenso informativ wie humorvoll sein Instrument und dessen Rolle in der Musik vor. Wo wäre dafür nicht der angemessene Ort, wenn nicht eben in einer „Schubertiade“? Sein Gedankenspiel, die Klarinette etwa auch in der Barockmusik anzusiedeln, könnte neugierig machen, wäre der Klarinettenklang — und Reiner Wehle ist ein technisch wie klangsensible großartiger Musikant — nicht doch zu wenig focussiert, fast erotisch.

Darum passt dieser Klang auch so gut zur menschlichen Stimme, wie sich schon in den ersten Liedern von Franz Lachner bewies, die Marietta Zumbült bei aller Dynamik mit Schlichtheit sang. Die beiden Vertonungen des gleichen Textes von Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann kann man dabei aber kaum vergessen.

Auch Lieder von Louis Spohr sang die Sopranistin mit klanglicher Ausgeglichenheit und hoher Intensität. Ihre Glanzpunkte aber waren die Mignon-Lieder von Franz Schubert. Sie bekamen eine Versenkung, eine stimmungsbestimmte Abschattierung, die, etwa ganz besonders in „Heiß mich nicht reden“, packend waren. Ihre stimmliche Flexibilität und Virtuosität entsprachen danach dem bekannten „Hirt auf dem Felsen“ bravourös.

Reiner Wehle war immer wieder der hochmusikantische, seine eigene Sprache behauptende Mitspieler. Wenn er drei der so textbestimmten Schubert-Lieder auf der Klarinette spielte, dann bewies er damit die Nähe von menschlicher Stimme und Klarinettenklang, der Text fehlte aber doch.

Friederike Richter bewies in den Schubert-Transkriptionen von Franz Liszt bei aller geforderten Technik ein hohes Maß an musikantischer Einfühlsamkeit und war auch in der Liedbegleitung selbstständige Impulsgeberin, bei den Mignon-Liedern manchmal etwas zu stabil.

Begeisterter Applaus nach einem Ausschnitt aus dem, was einmal „Schubertiade“ war, eine Gesellschaftskultur, der auch heute mit „Unser Song für Malmö“ kein neues Gesicht gegeben wird.   AK

Aus „Der Patriot“ vom 31.01.2013

Warum ist das nur so leise hier?

Kinderkonzert „Peter und der Wolf“ kam beim jungen Publikum gut an

 

Burkhard A. Schmitt schwingt beschwingt den Taktstock.Schön, dass das Orchester auch da ist. Das war zu Beginn des Kinderkonzerts "Peter und der Wolf" noch ganz anders. Fotos Krumat
Burkhard A. Schmitt schwingt beschwingt den Taktstock.Schön, dass das Orchester auch da ist. Das war zu Beginn des Kinderkonzerts „Peter und der Wolf“ noch ganz anders. Fotos Krumat

LIPPSTADT  Eigentlich sind alle da. Das Publikum zum Beispiel. Zahlreiche Schülerinnen und Schüler der heimischen Schulen füllen die Reihen des Lippstädter Stadttheaters. Darunter viele Teilnehmer des Jeki-Projekts („Jedem Kind ein Instrument“), das die Conrad-Hansen-Musikschule mit sechs Grundschulen und zwei Förderschulen durchführt.

Und auch Friederike Wilfert ist da. Die ist Chefdisponentin der Neuen Philharmonie Westfalen und führt an diesem Vormittag als Erzählerin und Moderatorin durch das Kinderkonzert „Peter und der Wolf“. Ein weiterer wichtiger Beteiligter wartet noch hinter den Kulissen. Gemeinsam mit den Kindern lockt Friederike Wilfert den Städtischen Musikdirektor Burkhard A. Schmitt „mit einem tosenden Applaus“ nach vorne.

Federnden Schritts kommt der Dirigent auf die Bühne. „Alles klar?“, fragt Wilfert. „Ja, kann losgehen“, erwidert Schmitt. Und während die Erzählerin den Eröffnungssatz von „Peter und der Wolf“ rezitiert, wirft sich der Dirigent in Pose und beginnt mit dem Rücken zum Publikum wild mit den Armen zu fuchteln. Wie Dirigenten das halt so tun. Allein — es passiert nichts. „Eigentlich sollte ja jetzt Musik kommen“, sagt die Moderatorin irritiert. „Ich höre auch nichts!“, erwidert der Dirigent nicht weniger ratlos.

Vielleicht liegt das daran, dass doch noch nicht alle da sind: Das Orchester fehlt. Zu dumm! Schließlich sind die Musiker für die Aufführung des musikalischen Märchens von Sergej Prokofjew nicht ganz unwesentlich. Also müssen die Kinder, unterstützt von Wilfert und Schmitt, die Ensemblemitglieder der Neuen Philharmonie Westfalen auf die Bühne rufen. Und zwar nacheinander, nach Instrumenten geordnet.

Los geht’s mit den drei Kontrabassisten. Deren wuchtige Instrumente sehen zwar beeindruckend aus, klingen allein aber doch ein bisschen dröge. Also kommen, angefordert vom Publikum, nach und nach auch die anderen Musiker auf die Bühne. Wobei sich die jungen Besucher — vermutlich nicht zuletzt dank Jeki — als sehr gut vorbereitet erweisen. Welcher Dötz weiß heute sonst schon, was ein Cello ist? Oder eine Bratsche?

Schließlich dürfen sogar fünf Kinder auf die Bühne kommen, als es darum geht einzelne Instrumente den Figuren der Geschichte zuzuordnen. Schließlich schrieb Prokofjew sein Werk, um junge Hörer mit den verschiedenen Instrumenten des Sinfonieorchesters vertraut zu machen. Dazu komponierte er für die in der Geschichte vorkommenden Menschen und Tiere nicht nur charakteristische Themen, sondern ordnete ihnen auch spezielle Instrumente zu. So „besetzte“ er den zwitschernden Vogel mit der Querflöte, den grummeligen Opa mit dem Fagott und den fiesen Wolf mit gleich drei Hörnern (er ist halt sehr fies!).

Die jungen Zuhörer gingen bei "Peter und der Wolf" gut mit.
Die jungen Zuhörer gingen bei „Peter und der Wolf“ gut mit.

Als schließlich alles geklärt und die Bühne angemessen voll ist, kann es richtig losgehen. Und auch hier sind die Kinder gut dabei. Was an der sehr unterhaltsamen Einführung liegt. Aber auch daran, dass „Peter und der Wolf“ einfach unkaputtbar ist. Prokofjews musikalisches Märchen ist ein echter Geniestreich, eingängig und mitreißend genug, um auch noch die Kinder des digitalen Zeitalters zu begeistern. Und nicht nur die: Auch die Erwachsenern haben daran immer noch ihren Spaß. bal

 

Aus „Der Patriot“ vom 22.01.2013

 

Auf ganz hohem Level

Acanthis Quartett begeisterte in Jakobikirche

LIPPSTADT   Es beweist hohes künstlerisches Selbstbewusstsein, einen Quartettabend mit Ludwig van Beethovens Streichquartett op. 74, den berühmten „Harfenquartett“ zu beginnen. Welche große innere Ruhe, klangliche Homogenität fordert der Eingang des ersten Satzes. Und der gelang dem Acanthis Quartett in der Lippstädter Jakobikirche in gespannter, ausgeglichener Klanglichkeit packend.

Erstaunlich, warum diese gespannte, ausgeglichene Gelassenheit etwa im Adagio nicht erreicht wurde, wo keine gemeinsame innere Ruhe gelang. Wie denn überhaupt der besondere Reiz des Klangspiels im „Harfenquartett“ dadurch ein wenig eingeschränkt wurde, dass die Homogenität des Quartettklangs durch eine irritierende Dominanz der (allerdings wunderbar klangvollen) Viola von Irene Balter belastet war. So bekam die Interpretation eine klanglich unausgewogenen Charakter, zumal sich der Primarius Ernst Triner ebenso wie Mariko Nishizaki (2. Violine) in Zurückhaltung übten. Nur Yoel Cantori (Violoncello) leistete angemessenen klanglichen Widerpart.

Wie großartig war aber nach diesem etwas zwiespaltigen Eindruck im zweiten Programmteil das einzige Streichquartett des jungen Maurice Ravel, das in seiner Originalität, seinem Spiel mit dem Klang immer wieder verblüfft. Und hier war das Acanthis Quartett auf ganz hohem Level, erspielte höchst differenziert die breite Skala der Farbvaleurs der Komposition, überzeugte ebenso in Agogik wie ausgewogener Dynamik, in Temperament wie klanglicher Balance.

Dass sich danach das Publikum noch eine „amerikanische“ Zugabe des witzigen Satzes aus einem Quartett von Erich Wolfgang Korngold erklatschte, war dem Beifall zu Recht geschuldet. Hier hob die Begeisterung die leichte Distanz auf, die selbst in Wolfgang Amadeus Mozarts Quintett für Klarinette und Streichquartett KV 581 nicht ganz überwunden war. Zwar hatte sich Martin Walter (Klarinette) als prachtvoller Kammermusiker erwiesen. Mir aber schien insgesamt die Interpretation des Mozart-Werkes zu glatt, zu sehr auf selbstverständliche Mozart-Wirkung angelegt.

Nach dem Streichquartett von Maurice Ravel aber verflogen alle kritischen Einwände. Das Acanthis Quartett hatte hier — aber nicht nur hier — ein hohes Niveau an klanglicher Disziplin und Farbbewusstsein bewiesen und konnte so am Ende des Publikum begeistern.   AK

Aus „Der Patriot“ vom 02.01.2013

Viva Espana!

Spanische Lebensfreude bei den Silvesterkonzerten im Stadttheater

Mit temperamentvollen Klängen aus Spanien gestalteten Kremena Dilcheava (Sopran) und die Mährische Philharmonie die Silvesterkonzerte im Stadttheater Foto: Brode
Mit temperamentvollen Klängen aus Spanien gestalteten Kremena Dilcheava (Sopran) und die Mährische Philharmonie die Silvesterkonzerte im Stadttheater Foto: Brode

Lippstadt   Es muss nicht immer Wiener Walzerseligkeit sein: Die traditionellen Silvesterkonzerte im Stadttheater sprühten auf musikalisch temperamentvolle Art spanische Lebensfreude aus.

„Buenas tardes!“ (Guten Abend), so begrüßt Dirigent und Conférencier Hermann Breuer sein gut gelauntes Silvesterpublikum. Mitgebracht hat er die Mährische Philharmonie Olomouc (Olmütz), ein großes Orchesterensemble, das gleich zu Beginn mit Emil Waldteufels Walzer „Espana“ recht schwungvoll in das diesjährige Konzertmotto „Viva Espana“ einführt.

Erstaunlicherweise fanden sich im andalusisch gefärbten Programm kaum iberische Komponisten. Der französische Romantiker Georges Bizet hat nie spanischen Boden betreten. Dennoch hat er mit seiner vielgespielten Oper „Carmen“ ein Schlüsselwerk für die „Hispanismo“-Stilrichtung geschaffen, in der sich viele spanischen Rhythmen und tänzerische Elemente wiederfinden. Für die Mährische Philharmonie ist es eine dankbare Aufgabe, die erste Konzerthälfte mit bekannten Carmen-Motiven zu füllen.

Temporeich führt das Orchester mit der spritzig gestalteten Ouvertüre in die Welt der Stierkampfarenen („Auf in den Kampf, Torero“) ein, bevor der furiose Auftakt mit einem düster-dämonischen Fragezeichen endet. Ein eher warmherziger, liebenswerter Konzertierstil kennzeichnet im Vorspiel zum dritten Akt das Bauernmädchen Micaela und kontrastiert mit dem wilden spanischen Tanz „Aragonaise“ im Dreivierteltakt.

Vokalsolistische Glanzpunkte als verführerische Zigeunerin Carmen setzt Kremena Dilcheva mit ihrem voluminösen Mezzosopran. Zu den Höhepunkten gehörten die berühmte Habanera „L’amour est un oiseau rebelle“ (Die Liebe ist wie ein rebellischer Vogel) und die Seguidilla im Dreivierteltakt „Prés des remparts de Séville“ (Draußen am Wall von Sevilla). Mit einem furiosen Finale im Danse bohème skizziert die Solistin das bunte Zigeunerleben.

Mit den typischen Kastagnetten rhythmisch gewürzte spanische Tänze durchziehen die zweite Programmhälfte. Dazu gehörten Domenico Scarlattis „Fandango“, Peter Tschaikowskys Spanischer Tanz aus dem Schwanensee-Ballett und Manfred Grafes Bolero. Recht forsch geht das Orchester Eduard Künnekes Paso Doble an.

Pascual Marquina Narros Paso Doble „Espana Cani“ – die einzige rein iberische Komposition – leitet das Ende des Silvesterkonzertes ein. Mit dem Liebeslied einer Madrilenin „D’Espana vengo“ (Ich komme aus Spanien) verabschiedet sich die charmante Sopranistin. Natürlich dürfen auch die fetzige „Valencia“-Version und der Radetzkymarsch als Zugaben nicht fehlen.   LB

Aus „Der Patriot“ vom 17.12.2012

Feder auf dem Fensterbrett

Senta Berger und Tölzer Knabenchor präsentieren „Europäische Weihnacht“

Senta Berger
Fotos: Heier

Lippstadt   Und dann war sie einfach verschwunden. In aller Bescheidenheit nahm Schauspielerin Senta Berger ihren Applaus entgegen und entschwand, noch bevor ihr der Vorstand des Musikvereins Lippstadt danken konnte, hinter dem Vorhang der Bühne des Stadttheaters. Sich nicht in den Mittelpunkt zu stellen, sondern ihre Sache einfach gut zu machen dürfte eine der Lebensmaximen der Schauspielerin sein. Am Samstag präsentierte sie gemeinsam mit dem Tölzer Knabenchor auf Einladung des Lippstädter Musikvereins die Konzertlesung „Die Europäische Weihnacht“.

Sie steigt sofort ein ins Programm, das gespickt ist mit Weihnachtsgeschichten europäischer Schriftsteller wie Rudolf Hagelstange, Oscar Wild, O. Henry, Janosch, Hans Christian Andersen und Astrid Lindgren. Mal sind sie freudiger Natur, wie in dem Brief von Maria an ihre Base Elisabeth, die ihre Freude über das göttliche Geschenk der Familie ausdrückt oder in Lindgrens Geschichte von Pelle, der ausziehen wollte, um zu testen, wie lieb ihn seine Eltern haben. Es sind rührselige Geschichten vom griesgrämigen Riesen, der die Liebe entdeckt oder vom Mädchen mit den Schwefelhölzern, das Momente der Glückseligkeit erlebt und mit der Großmutter ins Paradies schwebt.

Senta Berger gelingt, was sie angekündigt hatte: Ihr Publikum zu berühren. Es ist diese Fähigkeit der schauspielerischen Wandelbarkeit. Die Grande Dame des TV und der Bühne schlüpft in Sekundenschnelle sprachlich in die unterschiedlichsten Rollen von Bär und Vogel, Pelle und Mutter. Sie lässt lebendige Dialoge entstehen, die aus den Geschichten kleine Filme werden lassen. Ihre unmissverständliche, von Gesten untermalte Vortragsweise formt eindeutige Charaktere und Stimmungen. Es macht ihr und dem Publikum Spaß. Persönliche Worte fallen nicht, das Einzige, was sie nahbar werden lässt, sind die eigenen Weihnachtserinnerungen aus der Kindheit. Die Feder auf dem Fensterbrett, die ein Engelchen verloren hat, liegt noch heute am Heiligen Abend dort. „Ich liebe Rituale“, sagt sie.

Klar und deutlich intonierten die Jungen des Tölzer Knabenchores europäische Weisen und Weihnachtslieder

Der Tölzer Knabenchor ist eine perfekte Ergänzung zur Lesung, unterstreichen die jungen Sänger mit ihren hellen Stimmen doch die verklärte Stimmung um Weihnachten. Klar und deutlich ist der kraftvolle Gesang aus den weit geöffneten Mündern, aus denen traditionelles Liedgut aus Deutschland, Frankreich, Spanien und Finnland unter dem gestischen Dirigat von Ralf Ludewig erklingen. Beim katalanischen Weihnachtslied klingt es nahezu tenorartig. Die Knaben des international erfolgreichen Chores geben sich so ordentlich und diszipliniert, so wie man sich Söhne wünscht. Theresa Förg an der Harfe und Clemens Haudum an Klavier und Akkordeon geben den Liedern eine folkloristische Note. Der Einzige, dem es gelang, der Schauspielerin ein wenig näher zu sein, war Musikvereins-Vorsitzender Dr. Peter Knop. Als er ihr den Blumenstrauß mit einem Küsschen auf der Wange übergab, schenkte sie ihm ein Lächeln zurück.   rio

Aus „Der Patriot“ vom 14.12.2012

„Ich möchte meine Zuhörer berühren“

Senta Berger gibt Einblicke in die Konzertlesung „Die Europäische Weihnacht“

 

Senta Berger kommt am morgigen Samstag mit dem Tölzer Knabenchor nach Lippstadt. Foto: Paul Schirnhofer

LIPPSTADT   Mit Senta Berger kommt am morgigen Samstag eine der bekanntesten deutschsprachigen Schauspielerinnen nach Lippstadt, um das Publikum im Stadttheater auf die Festtage einzustimmen. Begleitet wird die Künstlerin vom Tölzer Knabenchor. Im Patriot-Interview spricht die Grimme-Preisträgerin über das Bühnenprogramm „Die Europäische Weihnacht“, persönliche Kindheitserinnerungen und die Unterschiede zwischen deutschem und amerikanischem Fernsehen.
Heute ist Weihnachten ein Fest des Kommerzes und des Überflusses. Sie wurden 1941, mitten im Krieg, geboren. Wie haben Sie in Ihrer Kindheit Weihnachten erlebt?

Berger: Also ich möchte ganz gerne, wenn ich darf, in Ihrer Frage ein bisschen korrigieren dürfen. Ich kann mich erinnern, dass genau in diesen Worten auch schon in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts über Weihnachten gesprochen worden ist, als plötzlicher Wohlstand in Deutschland sehr stark spürbar war und die armen, „schlechten“ Jahre vorüber waren.     Natürlich, Weihnachten verbindet man immer mit der Kindheit und man denkt, da war es ja eigentlich am schönsten. Und so ist es ja auch. Nun sind zufällig meine Weihnachten in die so genannten „schlechten Jahre“ gleich nach dem Krieg gefallen — und natürlich waren sie wunderbar und sehr geheimnisvoll. Es gab bei den Begegnungen mit den Schulfreundinnen oder mit den Freunden aus dem Haus, in dem ich wohnte, auch nicht dieses sich Messen nach dem Motto: „Was hast du und was habe ich?“ Wir hatten damals eigentlich alle sehr wenig, und das hat uns sehr stark zusammenrücken lassen.    Das mag man vielleicht heute vermissen, obwohl ich denke, dass die Leute sich immer über die Schnelllebigkeit der Zeit beschwert haben und dass sie sich immer schon über die jungen Leute beschwert haben, die dieses oder jenes nicht mehr zu feiern wissen, das kann man schon bei Goethe nachschlagen.

Sie sind eine äußerst gefragte Schauspielerin. Haben Sie da überhaupt Zeit, um selbst in Ruhe Weihnachten zu feiern?

Berger: Ja, selbstverständlich. Glauben Sie, dass ich am 24. auf der Bühne stehe? Das gibt es bei uns nicht. Ich kann die Adventszeit nicht unbedingt so verbringen, wie ich das noch konnte, als meine Kinder klein waren. Das war sicherlich sehr schön, weil man gerade für die Kinder kleine Wunder vorbereitet und alles so wunderbar geheimnisvoll gehandhabt wird. Da kommt ein Federchen auf das Fensterbrett und dann darf man erzählen, dass das ein Engelchen verloren hat. Das sind sehr schöne, sehr poetische Momente, und die fallen natürlich weg, wenn die Kinder groß sind — und meine sind jetzt schon sehr groß (lacht). Aber es gibt ja immer noch genug Familie um mich herum.

Welche Texte haben Sie für den Abend ausgesucht?

Berger: Das geht von den klassischen Weihnachtsgeschichten wie „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ bis zu „Das Geschenk der Weisen“ von O. Henry, dieser sehr schönen Geschichte über die Liebenden, die ihre wertvollsten Dinge verkaufen, um dem anderen jeweils ein Geschenk machen zu können. Dann lese ich „Der eigensüchtige Riese“ von Oscar Wilde und „Maria schreibt an ihre Base Elisabeth“ (Gedicht von Rudolf Hagelstange, Anm. d. Red.). Das ist ein besonders schöner, berührender Brief. Es kommt auch noch eine Kindergeschichte von Janosch, „Der Bär und der Vogel“, die ich sehr liebe. Ich weiß aber nicht, ob ich Ihnen das jetzt alles sagen soll. Es sollen ja auch Überraschungen dabei sein.

Das Programm heißt „Die Europäische Weihnacht“. Kommen die Texte nur aus verschiedenen Ländern. Oder werden auch verschiedene Weihnachtstraditionen sichtbar?

Berger: Nein, gar nicht. Das hat überhaupt keinen theoretischen Aspekt. Ich habe mir Bücher angeschaut darüber, um die Leute darauf hinzuweisen, dass man in den latinischen Ländern Raketen steigen lässt und dass der 24. Dezember dort ganz anders gefeiert wird als bei uns. Oder dass man in England, wo ich ja oft zu Weihnachten war, und in Amerika am 24. am Abend schön isst und sich dann am 25. morgens im Pyjama die Geschenke gibt. Aber das kam mir dann zu theoretisch vor.     Ich möchte gerne — wenn ich jetzt so ein großes Wort nehme — die Leute erreichen. Ich möchte gerne meine Zuhörer berühren, und zwar in dem Ausmaß, wie ich selber berührt bin von diesen Geschichten. Ich glaube, das bringt mehr, und man kann dann auch sicherlich nachlesen, heute sogar im Internet, wie die verschiedensten Weihnachtsbräuche sind.

Wie ist die Zusammenarbeit dem Tölzer Knabenchor zustande gekommen?

Berger: Die haben mich gefragt, ob ich das mit ihnen machen möchte. Ich habe auch schon in der Vergangenheit mit den Tölzern was gemacht. Das liegt allerdings schon ziemlich lange zurück. Ich hatte vor einiger Zeit eine Sendung, die hieß „Klassisch!“. Da sind die Tölzer aufgetreten, und da haben wir unsere ersten Kontakte gehabt.

Musikalisch stehen berühmte Weihnachtslieder auf dem Programm. Setzen Sie da auf Bewährtes oder gibt es da für das Publikum auch einige Neuentdeckungen?

Berger: Beides, denke ich, Und beides will man auch haben. Ich glaube, auf der einen Seite gibt es das Gefühl: „Oh ja, das kenne ich, das könnte ich mitsingen, das ist schön“. Und auf der andere Seite: „Was ist das eigentlich? Das muss ich mir besorgen.“ Das gehört zusammen.

Sie sind ja auch Chansonsängerin. Aber an dem Abend werden Sie nicht singen?

Berger: Nein, mit den Tölzern kann ich nicht mithalten.

In welcher Rolle werden wir Sie als nächstes im Fernsehen oder im Kino sehen?

Berger: Ich glaube als nächstes kommt im Fernsehen „Operation Zucker“ von Rainer Kaufmann. Da geht es um Kinderprostitution in den großen Städten Mitteleuropas, und ich spiele eine Staatsanwältin mit Nadja Uhl als Polizistin. Dann kommt die Eva-Maria Prohacek mit einer Folge von „Unter Verdacht“. Ich glaube danach kommt im Fernsehen eine Komödie, die ich mit Friedrich von Thun gemacht habe: „Hochzeiten, Teil 2“.

Im Moment reden alle von amerikanischen Fernsehserien wie „Mad Men“ oder „Breaking Bad“, deutsche Produktionen wirken da im Vergleich oft sehr betulich. Ist das deutsche Fernsehen Ihrer Einschätzung nach auf der Höhe der Zeit?

Berger: Die Antwort können Sie sich doch selber geben, oder? In Amerika sind das Privatsender, die können ganz klar damit rechnen, dass sie soundsoviel Abonnenten haben. Bei HBO (amerikanischer Pay-TV-Sender, bekannt für anspruchsvolle Serien wie „Die Sopranos“) zahlt man monatlich seine Gebühren. Deshalb wissen die ganz genau, mit welchem Etat sie rechnen können und müssen keine Rücksicht nehmen auf irgendwelche kommerziellen Überlegungen.     Das normale amerikanische Fernsehen, das gesponsert wird von Cola-Cola oder irgendeinem Shampoo-Hersteller, muss dagegen sehr viel Rücksicht nehmen, und das drückt sich dann auch im Programm aus. Da wird ständig am Drehbuch herumgefeilt, damit nur ja der Werbeträger nicht aussteigt. Das ist die Hauptsorge.     Bei uns heißt Privatfernsehen ja etwas ganz anderes als in Amerika. Bei denen weiß man: Man hat einen bestimmten Zirkel von Leuten auf der ganzen Welt, den man erreicht. Und man kann demnach auch sehr aufregend und sehr gut umgesetzt Geschichten erzählen.     Das alles steht in Deutschland überhaupt nicht zur Debatte. Wir sind ganz anders strukturiert, wir haben einen ganz, ganz kleinen Markt. Wir können nicht nach Japan verkaufen wie „Breaking Bad“. Wir können nicht in Indien gesehen werden wie „Mad Men“. Im Übrigen: Wenn ich mir drei Folgen von „Mad Men“ anschaue, dann reicht es mir auch. Dann weiß ich, wie da gestrickt wird. So aufregend ist das nun auch wieder nicht.

Gibt es ein noch unverwirklichtes Projekt, das Ihnen sehr am Herzen liegt?

Berger: Nein, ich bin eigentlich gar nicht so ein aktiver Mensch. Das habe ich mit sehr viel Mühe und sehr viel Freude schon hinter mich gebracht. Ich reagiere jetzt mehr oder weniger auf die Sachen, die auf mich zukommen, und kann auch eine ganze Menge anstoßen. Aber es ist nicht so, dass ich sage: „Oh, ich muss noch einmal die Maria Theresia spielen.“ Muss ich überhaupt nicht!

Sie haben im März den Bundespräsidenten mitgewählt. Seitdem hat Joachim Gauck ja eher zurückhaltend agiert. Sind Sie bisher mit ihm zufrieden?

Berger: Oh ja. Und ich finde gerade diese Zurückhaltung ganz großartig, weil er genau in diesen Dingen, in denen ich mir kein Plaudertäschchen wünsche, auch kein Plaudertäschchen ist. Er weiß immer ganz genau, was er will und was er sagt. Und er hat zu allem eine Meinung, die er durchaus ausdrückt. Mir gefällt dieser Joachim Gauck immer besser!   bal

 

Aus „Der Patriot“ vom 10.12.2012

„Frohlocket ihr Völker auf Erden“

Con Brio stimmt mit anspruchsvollem Konzert auf Weihnachten ein

Lippstadt   „Frohlocket, Ihr Völker auf Erden!“ So lautete das musikalische Motto des Adventskonzertes, zu dem der Kammerchor Con Brio des Städtischen Musikvereins in die (vollbesetzte) Jakobikirche eingeladen hatte. Entsprechend international gestaltete sich das ausgewählte Programm, das neben bekannten Kompositionen deutscher Meister auch Liedsätze aus der englisch- und französischsprachigen Musikwelt enthielt.

Allgemein fiel auf, dass der städtische Musikdirektor Burkhard A. Schmitt als Chorleiter vorwiegend anspruchsvolle Chorwerke der gehobenen Konzertliteratur einstudieren ließ, analog zum vorhandenen Leistungsspektrum des Kammerchors und getreu dem ehrgeizig gesteckten Motto, ein Adventskonzert auf hohem Niveau zu bieten – kein Problem für den stimmlich hervorragend disponierten Kammerchor. Exakte Intonationen, wohldosierte Tempi und effektvoll kalkulierte Tonstärken auf der Basis eines disziplinierten Vortrags gehörten neben klarer Diktion und souveräner Rhythmusbeherrschung zu den herausragenden Qualitäten des Chores.

Zu den besonderen Höhepunkten des Programms gehörten die Choralsätze von Johann Crüger im besinnlich wirkenden instrumentalen Dialog mit Kumiko Watzinger (Klavier) und Burkhard A. Schmitt (Querflöte). Für vokalsolistische Glanzpunkte sorgte Carola Göbel (Mezzosopran), etwa bei der Alt-Arie „Bereite dich Zion“ aus Johann Sebastian Bachs Weihnachts-Oratorium, wobei Kumiko Wazinger auf dem neuen Flügel den Orchesterpart übernahm. Spannungsgeladene Akzente setzte Carola Göbel bei den balladenhaften Episoden von Peter Cornelius, insbesondere beim modernen Arrangement „Die Könige“ von Clytus Gottwald im Dialog mit dem Hintergrund-Choral „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ des Kammerchors. Kraftvoll erklangen die Chorsätze der französischen und englischen Romantiker.

Rhythmisch besonders schwungvoll gab sich das Ensemble beim Titel „Christmas in the old man’s hat“ im Chorsatz von Christoph Schönherr, bevor sich der Chor im Kirchenraum verteilte, um die Interpretation der Titelmelodie des Konzertmottos aus Felix Mendelssohn-Bartholdys Weihnachtsopus 79 mit akustisch effektvollen Akzenten zu versehen – ein schwieriges Unterfangen bei den nicht gerade optimalen akustischen Bedingungen in der Jakobikirche. Mit Bobbi Fischers Chorsatz „We wish you a merry Christmas“ wünschte Con brio dem Konzertpublikum musikalisch „Frohe Weihnachten“.

Bemerkenswert war die Zugabe: Aus dem Notenbuch neuerer Chorliteratur wählte der Chor eine besonders interessante Version des Liedes „Stille Nacht, heilige Nacht“ im Dialog mit Carola Göbel im modernen Satz (2001) von Wolfram Buchenberg. Das war nachhaltig beeindruckend.

Der Kammerchor „Con Brio“ des Städtischen Musikvereins stimmte in der Jakobikirche mit einem anspruchsvollen Adventskonzert auf Weihnachten ein. Foto: Brode

LB

 

 

 

 

 

 

Aus „Der Patriot“ vom 5.12.2012

Großer Farbenreichtum

Das Konzert von Hase & Hegel ermunterte zum genauen Hinhören

LIPPSTADT    Das Kammerkonzert des Städtischen Musikvereins Lippstadt mit Bianca Hase (Querflöte) und Martin Hegel (Gitarre) hatte musikalisch etwas Unaufgeregtes, böse Zungen würden sagen: allzu Wohltuendes.

Auftakt dazu waren in der Jakobikirche die „Originaltänze“ (D 365) von Franz Schubert, in denen die Gitarre, das Lieblingsinstrument der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, einen etwas sehr zurückhaltenden Beitrag leistete. So war der Flöte die charmante, hübsche Kompositionsdeutung überlassen.

Auch in Johann Sebastian Bachs Sonate e-Moll (BWV 1034) hätte man sich eine etwas virtuosere Ausführung des Generalbasses vorstellen können. Aber Virtuosität, musikantische Artikulation waren hier der prachtvollen Flötistin übertragen, die „den Mangel der Annehmlichkeit“, wie ein Schreiber 1738 an Bach-Werken meint feststellen zu müssen, in instrumentale Souveränität verwandelte.

Da hätte auch der mäkelnde Kritiker hier nicht nur des Komponisten „außerordentliche Erfahrung in der Musik der größten Verehrung“ für würdig befunden, sondern auch der Ausführenden höchstes Lob gezollt.

Welche technischen Fähigkeiten Martin Hegel hat, welchen Farbreichtum er produzieren kann, das eröffnete er mit Maximo Diego Pujols „Nubes de Buenos Aires“. Und diese rhythmische Präsenz, klangliche Vitalität bewies er auch in den Stücken der zweiten Programmhälfte, die stimmungsmäßig vom „Tres calme“ Claude Debussys und seinem „doucement expressif“ bis hin zu Astor Piazzollas gemeinsam mit der Flötistin Bianca Hase insgesamt mehr auf Farbenreichtums, schlichte Gesanglichkeit als auf interpretatorische Extravaganzen ausgerichtet war.

Das hatte alles Noblesse, hütete sich vor dem Schritt zu gepflegter Langeweile auf hohem Niveau. Ein solches Kammerkonzert ermuntert gerade in lauter Zeit zum genaueren Hinhören, und dafür ist beiden Ausführenden zu danken.   AK

 

Aus „Der Patriot“ vom 26.11.2012

Ein Kraftwerk für den Chor

Brahms-Requiem lässt den Solisten nachwirkenden musikalischen Raum

Der Gesamtchorklang des Konzertchores Lippstadt und des Chores des Musikvereins Unna war von hoher Disziplin und beachtlicher Differenziertheit.
Fotos: Tuschen

LIPPSTADT    Das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms ist in der großen Zahl von Requiem-Vertonungen eines der ergreifendsten, erschütterndsten, von einer Wirkung, der sich kein Hörer entziehen kann. Einer der Gründe dafür ist sicherlich, dass es so nahe bei dem Hörer ist, ihn begleitet durch die Erfahrung von tiefer Trostlosigkeit, Resignation hin zu einem getrösteten Aufgerichtetsein, von flehentlicher Bitte zu fugengefestigter Danksagung. Johannes Brahms hat sich nicht durch kirchlich-liturgische Formen in eine feste Vorgabe gefügt, die ja immer auch die Möglichkeit einer frommen Distanzierung schaffen kann. Er hat sich die Texte seines Requiems selbst aus Worten des Alten und des Neuen Testaments zusammengestellt. Damit wird die eigene emotionale Gestimmtheit dem Hörer zu dessen emotionaler Einstimmung vorgelegt. Er kann sich ergreifen lassen von schlichtem gläubigen Lobpreis, aber auch der frommen Überwindung eines Verlustschmerzes nachhorchen. Johannes Brahms hatte nämlich seinen Freund Robert Schumann verloren und war dazu tief getroffen vom Tod seiner Mutter.

Es ist ein großer Kreis, den das Werk abschreitet vom „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ zum alles abrundenden und zugleich tröstlichen „Selig sind, die das Leid tragen“. Und welche kompositorische Formenvielfalt kennzeichnet die vom Komponisten gefügte Textauswahl! Das nimmt die romantisch-idyllische Klangwelt ebenso auf wie die festgefügte Archaik der Fuge.

Die ganze Breite des Anspruchsspektrums macht die besonderen Anforderungen an jede Interpretation aus. Dem hohen Anspruch des Werkes stellten sich der Konzertchor des Städtischen Musikvereins Lippstadt und der Chor des Musikvereins Unna. Was machte dabei diese Aufführung des Brahmschen Requiems zu einer, die lange in Erinnerung bleiben wird? Es war der überzeugende Zugriff des musikalischen Leiters Burkhard A. Schmitt auf das Werk. Überraschte er zunächst durch ungewöhnlich zügige Tempi, so wurde das zum Merkmal der gesamten Interpretation. Alles war gesichert in einem festen metrischen Gerüst, das keine Weichlichkeit zuließ, das aber den Rahmen setzte für überlegte dynamische Entwicklungen, kluge, atmende Agogik, den Blick für den Gesamtaufbau des Werkes öffnete. Der Chor ließ sich von A. Schmitt konzentriert in weitaufgefächerte Dynamik führen, traf die resignativen wie die trostvollen Bereiche, war selbst in Momenten der Glaubensgewissheit nie triumphal, machte dadurch selbst Korinther 15 zu einem Glaubensangebot. Wer mochte sich da noch bei kleinen Intonationstrübungen im hochstrapazierten Chorsopran aufhalten? Der Gesamtchorklang war von hoher Disziplin und beachtlicher Differenziertheit.

Nicht weniger nuanciert spielte das Orchester der „Neuen Philharmonie Westfalen“, stellenweise von fast kammermusikalischer Intensität. Ein Sonderlob – und das ist bei dieser Komposition angemessen – dem sensibel aufspielenden Mann an den Pauken.

Das Brahms-Requiem ist ein Kraftwerk für den Chor, lässt den nur zwei Solisten wenig, aber umso nachwirkenderen musikalischen Raum. Eines der ergreifendsten Stücke des Werkes ist das nachträglich eingefügte Sopransolo, von einer Tröstlichkeit, die den Himmel aufreißt. Dieses Solo gelang Marietta Zumbült mit völlig unaufgesetzter, manchmal fast instrumentaler Stimmführung und doch menschlich warmer Erfülltheit. Ihr sich entfernenden Abschied machte das Publikum ganz still. Rolf A. Schneider (Bass-Bariron) durchmisst vom Buch der Weisheit zum Korintherbrief inhaltlich eine weite Strecke von der Vergeblichkeit menschlichen Bemühens zum Geheimnis: „Wir werden nicht alle entschlafen, aber alle verwandelt werden“.

Rolf Scheider

Der Solist wurde dabei nuanciert und mit überzeugender Farbabschattierung der Resignation wie dem Rettungsangebot gerecht.

Das Publikum konnte nach langer Stille diesem dem ehemaligen Leiter des Städtischen Musikvereins, Karlheinz Straetmanns, gewidmeten Konzert begeistert danken.   AK

 

 

 

 

 

 

Aus „Der Patriot“ vom 12.11.2012

Stimmliche Beweglichkeit

Die A-capella-Formation 6-Zylinder trafen auf der Studiobühne in die Vollen

Lippstadt   Sie gehen aufs Ganze: Die 6-Zylinder trafen am Freitagabend auf der Studiobühne mit ihrem aktuellen Programm „Alle Fünfe“ in die Vollen. Die A-capella-Formation, die sich Mitte der 80er-Jahre in Münster gründete und das Genre zu neuem Leben erweckte, ist topfit. Winne Voget, Thomas Michaelis, Matthias Ortmann, Herman-Josef Gerritschen und Henrik Leidreiter packen so ziemlich alles in ihre Nummern, was gute Gesangskultur und gute Unterhaltung ausmachen. Präziser Gesang, eine spritzige Moderation und eine bildstarke Choreografie sind die Garanten für einen launigen Abend.

„Sie sollten gleich in der Pause einen Shanty-Chor gründen“, meint Henrik. So gut macht das Lippstädter Publikum, das mitunter chorerfahren ist, mit. Es kann gar nicht anders, denn die 6-Zylinder sind so unkompliziert dreist und nahbar, dass Mitklatschen selbstverständlich ist. Hinzu kommt, dass man in Westfalen geblieben ist, Münster und Lippstadt nicht weit auseinander liegen und man moralisch-menschlich auf einer Scholle schwimmt.

„Abtau’n Girl“ oder „Auf dem Heimweg wird’s hell“ sind Titel, die die Münsteraner in Anlehnung an Pop- und Rock-Klassiker mit satirischen Zügen versehen. Ihr pointierter Gesang ist facettenreich. Die Sänger schöpfen die ganze Palette der Musikstile aus, von Country bis Blues, von der klassischen Comedian-Harmonists-Mehrstimmigkeit bis hin zum Wise-Guys-Rap und Pop-Versionen mit wummerndem Bass und rhythmischem Silben-Sound.

Ihre stimmliche Beweglichkeit und Ausdrucksstärke kommt beim temperamentvollen „Camino“ aus dem Buena Vista Social Club voll zur Geltung. Dabei lassen die 6-Zylinder nichts auf ihre Heimatstadt kommen. „Münster ist nicht die Welt“ ist ihr persönliches Heimatlied. In ihm geben sie unmissverständlich zu verstehen, dass sie ihre Stadt lieben; den kleinen Hafen, die weiße Fähre auf dem Aasee, die Radfahrer, Katholiken und Bauern. Der tritt mit Thomas Michaelis als Bauer Karl-Heinz Holkenbrink in Aktion. Holkenbrink macht in Mastschweine und Kartoffeln und träumt nach seinem gescheiterten Auftritt bei „Bauer sucht Frau“ weiter vom Sonnenuntergang im Heu mit seiner Liebsten. Es ist diese Verbindung von Konzert und Kabarett, die dem Programm mächtig Schwung verleiht.

Mal frotzeln sie zu dritt als Senioren in Waldorf-Stadler-Manier im Altersheim herum, springen bei „Horse with no Name“ wie die Pferdchen in der Quadrille oder sitzen bei Kerzenschein zusammen, um sich in einem „Moment der Einkehr“ dem deutschen – nicht gesungen, sondern rezitiert – Volkslied zu widmen. Dass die Formation am Freitag vom großen Haus auf die Studiobühne ausweichen musste, war in diesem Fall ein Glücksgriff. Denn hier kam aufgrund der Nähe zwischen Publikum und Sängern, die im Anschluss in der Garderobe jedem die Hand schüttelten, richtig Spaß auf. Klasse Abend.    rio

 

Aus „Der Patriot“ vom 7.11.2012

Fulminanter Auftakt

Beethoven-Duo eröffnete Kammermusikreihe des Musikvereins

LIPPSTADT    Das war wahrlich ein fulminanter Auftakt der Kammermusikreihe des Städtischen Musikvereins. Gleich zwei Veranstaltungen mit Kompositionen für Violoncello und Klavier an einem Tag, sämtliche Werke für diese Besetzung von Ludwig van Beethoven, vormittags seine Variationen zu Werken von Wolfgang Amadeus Mozart und Georg Friedrich Händel, am Abend dann die fünf Cello-Sonaten.

Der Konzertabend in der Jakobikirche war lang, vielleicht etwas zu lang. Erstaunlich aber, dass sich keine Erschöpfung breitmachte, bei den Zuhörern nicht, die das Beethoven Duo am Ende frenetisch feierten, und schon gar nicht bei den beiden Ausführenden. Aber die glühten ja förmlich vor Engagement und Spielwitz, vor Vitalität und musikalischer Sensibilität. Und so wurde der Gang durch die kompositorische Entwicklung Beethovens ebenso erhellend wie lustvoll.

Fjodor Elesin ist ein prachtvoller Cellist voller Spielfreude, bei dem die perfekte Technik nur selbstverständliches Mittel ist, die ganze Breite der kompositorischen Anforderungen mit höchster Sensibilität zu erfüllen. Das reicht von dem weitgespannten Allegro der Sonate Nr. 1 bis hin zum fast spröden Schlussallegro des Werkes 102 Nr. 2, verliert nie an Spannung, bei den sanglichen Partien nicht, bei den leidenschaftlichen sowieso nicht.

Alles verbindet sich zu dem großen musikalischen Atem in der wunderbaren Sonate 69 A-Dur, ihrem fast hymnischen Ausdruck und Farbenreichtum. Das wird von Fjodor Elesin oft nur fast unmerklich ausgeformt durch den variablen Einsatz von Vibrato und Non-Vibrato. Eine großartige Leistung.

Einen nicht minder beachtlichen Anteil am Gelingen des Konzertabends hatte die Pianistin Alina Kabanova, immer in absoluter interpretatorischer Übereinstimmung mit dem Cellisten. Bewundernswert ihre dynamische Abschattierungsbreite, ihre bei aller Vitalität große klangliche Sensibilität und eindeutig prägnante Rhythmik, die selbst den rhapsodischen Teilen der Beethoven-Sonaten ein festes Gerüst verlieh.

Jugendlich überschäumendes und doch künstlerisch gebändigtes Temperament in der Zugabe eines Satzes aus Dmitri Schostakowitschs einziger Cello-Sonate, und zum Abschluss eine schmalzfreie Tango-Bearbeitung – kaum endenwollender Beifall.   AK

 

Aus „Der Patriot“ vom 8.10.2012

Werkschau von Dirk Raulf fasziniert mit Bass-Saxophon-Quartett

Dirk Raulf
Zusammen sind sie die sonargemeinschaft „All Aboard“: Dirk Raulf mit seinen Saxophonen nd dem Elektronik-Musiker Frank Schulte (r.) Foto: Heier

Lippstadt   Es ist eine Werkschau ohne viele Worte. Alles erklärt sich aus der Musik heraus. Es ist ein breites Spektrum, das Dirk Raulf, Musiker und Komponist für Bühne, Film, Fernsehen und Hörspiel, am Freitagabend beim Gemeinschaftskonzert des Jazz-Clubs und des Städtischen Musikvereins unter dem Titel „1,2,3,4“ dem Publikum auf der Studiobühne vermittelt.

Es ist gut 30 Jahre her, dass der Kölner in seiner Heimatstadt Lippstadt gespielt hat. Als professioneller Musiker ist es hier sein erstes Konzert. Das vierteilige Premieren-Programm widmet der künstlerische Leiter der „Lichtpromenade Lippstadt“ dem Thema „Wasser“. Es ist alles andere als eine homogene Präsentation. Es ist ein außergewöhnliches Spiel mit Klängen.

Raulf beginnt mit der Solo-Performance „Last Ship Home“. Es ist sein aktuelles Projekt, für das er die Musik zur Film-Dokumentation „Um alles in der Welt“ erstellt. Im Hintergrund sieht man Männer auf einem Segel-Törn. Raulf improvisiert dazu, es klingt abstrakt. Bruchstückhafte Phrasierungen verbindet er mit heiser klingenden Ton-Fragmenten; dann nimmt die Musik rhythmisch an Fahrt auf, es entwickelt sich eine liebevolle Melodieführung und plötzlich befindet sich der Zuhörer auch akustisch im Film. Kabelrauschen, Knacksen: Man meint, jemand suche Funkkontakt. Frank Schulte ist dazugekommen. Er und Raulf sind die Sonargemeinschaft „All Aboard“.

Saxofonklänge gehen eine Symbiose mit elektronisch erzeugten Tönen ein. Es entsteht ein Zufalls-Sound, der eine Unterwasserwelt beschreibt, sphärisch und bizarr ist. Mit Raulf offenbart sich ein vielschichtiger Musiker, ein Multiinstrumentalist an Bassklarinette, Klavier, Bass- und Sopransaxophon. Manchmal spielt er auch auf zwei Saxophonen gleichzeitig. Als die Sängerin Agnes Mann und Gitarrist Thorsten Drücker die Bühne betreten, taucht „Undine“ auf. Mann singt von Raulf arrangierte Lieder von Björk, France Gall oder Rammstein. Es groovt, es swingt. Das Trio wird chansonhaft, funky, balladesk, poppig und mit einer Interpretation zu Schuberts „Des Baches Wiegenlied“ sogar klassisch.

Mit Deep Schrott schließlich präsentiert sich das einzige Bass-Saxophon-Quartett der Welt. Wollie Kaiser, Andreas Kaling, Jan Klare und Dirk Raulf legen kräftig los, es wird staccatoartig hinein geblasen in die Saxophone. Es ist ein Wechselspiel zwischen vierstimmigem und präzisem Unisono-Klang. Die Eigenkompositionen und Arrangements zu Stücken von Fleetwood Mac und Bob Dylan sind raffiniert angelegt. Eine stoische Basslinie, Melodieführung und Mittelstimmen ergeben ein stark vom Rhythmus geprägtes Klangbild, das dennoch jeder Stimme Raum lässt, autark zu sein.

Eine Uraufführung erfährt das Publikum mit Raulfs „Sieben Lieder von Hanns Eisler“, die er zum 50. Todestag des Komponisten arrangiert hat. Bekannte Melodien werden abstrahiert, doch finden immer wieder zurück in ihr Notenbett.

Das einzige Bass-Saxophon-Quartett der Welt mit (v.l.) Dirk Raulf, Jan Klare, Andreas Kaling und Wollie Kaiser Foto: Heier

Die Werkschau ist keine seichte Präsentation. Auffällig ist, dass alle Musiker äußerst präsent und höchst konzentriert bei der Sache sind. Dabei wird es auch humorvoll: Andreas Kaling „flippt“ für einen Moment aus. In seiner Komposition „When You Think of Me“ prustet, stößt und schreit er in sein Mundstück hinein. Solche Improvisationen machen Spaß. Technisch holen die Bläser alles raus. Überraschungsgast ist Guido Schlegel. Gemeinsam tragen er und Raulf das Stück vor, das sie seit dem Abi-Ball am Ostendorf-Gymnasium und in der Band „Kunst-Dünger“ begleitet hat – „Moaning“ von Bob Timmons. Hier lässt Raulf den lässigen Jazzer raus. „Vielen Dank, Sie sind sehr tapfer“, lobt Raulf sein Publikum, das um viele musikalische Einblicke reicher geworden ist.   rio

 

Aus „Der Patriot“ vom 17.09.2012

Überzeugende Eröffnung der Konzertsaison des Städtischen Musikvereins

Der Gitarrist Goran Krivokapic nahm das Publikum völlig für sich ein.
Foto: Krumat

LIPPSTADT  -  Natürlich hat Johann Wolfgang Goethe wieder einmal recht: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“. Darin sah man sich bestätigt beim ersten Sinfoniekonzert des Städtischen Musikvereins Lippstadt mit dem Folkwang Kammerorchester Essen.

Ein Programm muss ja nicht immer tiefschürfende Werke enthalten, kann sogar mit musikalischen Belanglosigkeiten durchaus erfreuen. Besonders dann, wenn ein so sensibel leitender Dirigent wie Johannes Witt immer wieder deutlich macht, dass Musik immer nur aus der Stille wächst. Das nimmt ihm das Orchester hochengagiert mit großer Konzentration ab, folgt ihm zu ausgefeilter Dynamik, und nur selten führt die übereifrige Intensität in den ersten Geigen zu klanglichen Härten.

Ausgefeilte Dynamik war also das Merkmal dieses Konzertabends, eine Dynamik, die sich in allen Kompositionen meisterlich fand und die (manchmal) ein wenig eingeschränkte Eleganz überhören ließ. Zudem konnte das Orchester mit erfreulichen Einzelkönnern aufwarten, so den Bläsern, ganz besonders aber einem Solo-Cellisten, der nicht nur in Max Regers „Lyrischem Andante“ durch klangliche Innenspannung überzeugte.

Manches andere im Programm war kompositorisch erheblich, so die Sinfonie Nr. 17 A-Dur von Luigi Boccherini oder sein wirklich geistvoller Fandango aus seinem D-Dur-Quintett. Hübsch die Serenade op. 7 von Gabriel Pierné und nur als Klangdemonstration wesentlich die Habanera von Emmanuel Chabrier.

Und dann war da noch der Gitarrist Goran Krivokapic, ein wirklicher Musikant, der dasPublikum völlig für sich einnahm. Im Konzert für Gitarre und Orchester von Heitor Villa-Lobos, einem rhythmisch präzise angegangenem Werk, nahm ihm das Orchester aus eigener Begeisterung noch ein wenig die klangliche Luft. Im Gitarrenkonzert A-Dur op. 30 von Mauro Giuliani noch stärker in Luigi Boccherinis Quintett-Satz „Fandango“ aber konnte er seine ganze sichere Grifftechnik, seine blendende Klangvariabilität ausspielen und das Publikum begeistern.

Das Folkwang Kammerorchester musizierte im Lippstädter Stadttheater hoch engagiert. Foto: Krumat

Eine Orchesterzugabe gab es am Schluss auch noch, un das war ein prachtvoller Abschluss. Mit dem Quartettsatz von Dimitri Schostakowitsch leistetenOrchester und Dirigent das Meisterstück des Abends. Und so war nach Vielgebrachtem auch noch manchem etwas gebracht.-AK

 

 

 

 

 

Aus „Der Patriot“ vom 13.09.2012

Zusätzliches Konzert von Con Brio

Der Städtische Musikverein Lippstadt hat ein zusätzliches Konzert seines Kammerchors Con Brio in sein Programm aufgenommen. Am Samstag, 8. Dezember, erklingen in der Jakobikirche unter dem Titel „Frohlocket ihr Völker auf Erden“ adventliche und weihnachtliche Chöre und Arien. Als Vokalsolistin wirkt Carola Göbel mit. Am Klavier ist Kumiko Watzinger zu hören. Die Leitung hat Burkhard A. Schmitt. Am Sonntag, 14. April, singt Con Brio noch einmal in der Jakobikirche. Unter dem Titel „Es lacht der Mai“ präsentieren die Sängerinnen und Sänger Lieder, die dem Frühling, dem Wachsen der Natur und der Liebe gewidmet sind. Beide Veranstaltungen beginnen um 19 Uhr. Karten sind in der Kulturinformation im Rathaus erhältlich.

 

Aus „Der Patriot“ vom 12.09.2012

Temperamentvoller Auftakt mit Goran Krivokapic

Für die Saisoneröffnung des Lippstädter Musikvereins am 16. September gibt es noch Karten. Unter dem Motto „Temperamentvoll“ unternehmen der Gitarrist Goran Krivokapic und das Folkwang Kammerorchester Essen ab 19.00 Uhr im Stadttheater einen „Streifzug durch die Musik Lateinamerikas im Dialog mit klassischen Meisterwerken der europäischen Musiktradition“.

 

Aus „Der Patriot“ vom 8.9.2012

Der Musikverein geht mit gestiegenen Zuhörerzahlen in die neue Saison

Dr. Peter Knop und Burkhard A. Schmitt freuen sich auf die neue Saison.    Foto: Balzer

LIPPSTADT   „Temperamentvoll“ ist nicht nur das Konzert überschrieben, mit den der Städtische Musikverein am Sonntag, 16. September, in die neue Saison geht.Temperamentvoll und äußerst gut gelaunt wirken auch der musikalische Leiter Burkhard A. Schmitt und der Vorsitzende Dr. Peter Knop im Pressegespräch über das neue Konzertjahr. Dabei hatte es eine Weile gar nicht so gut ausgesehen. Überdurchschnittliche Zuschusskürzungen im Zuge der städtischen Sparmaßnahmen hatten beim Musikverein die Alarmglocken schrillen lassen und eine Einschränkung des Angebotes befürchten lassen.

Doch die vergangene Saison ist so gut gelaufen, dass Burkhard Schmitt und Peter Knop sehr optimistisch in die Zukunft blicken, obwohl die kürzungsbedingten Probleme immer noch sehr präsent sind. 5729 Zuhörer hatte der Musikverein in der Saison 2011/2012 insgesamt „Das sind 780 mehr als im Vorjahr“, betont der Vorsitzende Peter Knop. „200 davon alleine bei den Kammerkonzerten“.

Zu den Rennern gehörte insbesondere der ausverkaufte Opernabend mit der Sopranistin Camilla Nylund sowie die ebenfalls ausverkauften Abende mit Roger Willemsen (in Zusammenarbeit mit dem Kunst- und Vortragsrings und der KWL) und der klassischen Band Spark (in Kooperation mit dem Jazzclub). Nochmal erfolgreicher als in den Vorjahren waren außerdem die Silvesterkonzerte.

Ein ähnlicher Erfolg dürfte in der kommenden Saison mit dem Abend „Die Europäische Weihnacht“ mit Senta Berger und den Tölzer Knabenchor am Samstag, 15. Dezember, vorprogrammiert sein. Doch über solche Veranstaltungen, die auch ein vielleicht nicht so Klassik-affines Publikum in die Konzerte locken sollen, vernachlässigt der Musikverein nicht sein „Kerngeschäft“.

Dazu gehören insbesondere die eigenen Chor- und Orchesterkonzerte. Unter Leitung des Städtischen Musikdirektors Burkhard A. Schmitt führt der Konzertchor Lippstadt mit Gästen am Samstag, 24. November, das „Deutsche Requiem“ von Brahms und am Freitag, 29. März, Bachs „Johannes-Passion“ auf. Das Bach-Werk war in der Amtszeit von Schmitt noch nicht in Lippstadt zu hören. Die „Johannes-Passion“ sei ein sehr anspruchsvolles Werk und „eine Herausforderung“, betont der Städtische Musikdirektor, es besitze ein „höhere Dichte und ist viel komprimierter“ als die unter seiner Leitung bereits zweimal aufgeführte „Matthäus-Passion“. „Für mich war es schon seit Jahren keine Frage mehr des Ob, sondern nur des Wann, das hier mal zu machen“, betont der Chorleiter.

Erst fünf Jahre ist es dagegen her, dass das Brahms-Requiem in Lippstadt zu hören war. Dass es jetzt schon wieder auf dem Programm steht, sei nicht zuletzt einer persönlichen Neigung geschuldet, räumt Schmitt ein. „Ich wollte es gerne wieder machen.“

Hinzu kam, dass der Konzertchor Unna, der das Werk im vergangenenen Jahr aufgeführt hatte, seine Unterstützung anbot. „Das heißt, wir haben einen sehr voluminösen, schönen großen Chor — diesem Werke angemessen“, betont Peter Knop.

Ein weiteres Argument für das Brahms-Werk, daraus macht Schmitt keine Hehl, war die Tatsache, dass es beim Musikvereins-Publikum vermutlich gut ankommt. Das Programm „HeXeN hExEn“ habe zum Ende der vergangenen Saison mit eher unbekannten Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy und Niels Wilhelm Gade zwar ein „tolles Programm“ geboten, „aber der Verkauf war denkbar schlecht“. Deshalb, so Schmitt, musste „jetzt etwas her für unser Publikum“.

Zusätzliches Konzert von 6-Zylinder

Die guten Zahlen der vergangenen Saison können tatsächlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass keineswegs alles gut angenommen wird. „Wir haben Probleme, das wollen wir nicht verschweigen, mit unseren Chorkonzerten und unseren Symphoniekonzerten“, sagt Peter Knop.

Um neue Zuhörer an das Programm heranzuführen, soll es auch künftig immer wieder publikumsträchtige Veranstaltungen geben. Allerdings nur in einem bestimmten Rahmen. „Es ist ja nicht unsere Aufgabe, populär zu sein“, betont Knop. „Man muss den richtigen Mittelweg finden.“

Zu den Veranstaltungen, die in den Bereich der „gehobenen Unterhaltung“ fallen oder den engen Klassik-Rahmen sprengen, gehört neben dem Senta-Berger-Abend in der nächsten Saison ein weiterer Abend mit dem Musikkabarettisten Lars Reichow am Freitag, 24. Mai. Ebenfalls in diese Kategorie fällt ein Konzert, das in der Sommerpause kurzfristig ins Programm aufgenommen worden ist. Am Freitag, 9. November tritt das populäre A-cappella-Ensemble 6-Zylinder mit dem neuen Programm „Alle Fünfe!“ im Stadttheater auf. „Die sind ja in den letzten Jahren alle zwei, drei Jahre hier gewesen“, betont Burkhard Schmitt. „Und die haben hier wirklich sehr, sehr viele Fans.“

In der nächsten Saison wird auch die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Jazzclub fortgesetzt, wenn der aus Lippstadt stammende Musiker und Komponist Dirk Raulf am Freitag, 5, Oktober, auf der Studiobühne zu Gast ist. Als Folge der massiven Kürzungen war 2010 aus Kostengründen zunächst sowohl die Zusammenarbeit mit dem Jazzclub als auch die Fortführung des Kinderkonzerts abgesagt worden.

Ganz so schlimm kam es dann nicht. Dass die Jazz-Veranstaltungen weiter fortgesetzt werden konnten, ist Schmitt zufolge nur „der wirklich guten Zusammenarbeit“ mit dem Jazzclub und insbesondere mit dem Vorsitzenden Martin Heimeier zu verdanken. Dass Kinderkonzert fiel dagegen tatsächlich einmal komplett aus. Am Dienstag, 29. Januar wird es allerdings mit „Peter und der Wolf“ wieder aufgenommen. Die sei allerdings nur möglich durch die Kooperation mit der Conrad-Hansen-Musikschule und dem Jeki-Projekt, stellt Schmitt klar. „Sonst wäre auch das nicht machbar.“

Dass die Kürzungen sich nicht ganz so massiv auswirkten, ist auch zwei großzügigen Spenden zu verdanken. Die Volksbank reagierte auf die Zuschussbeschneidung mit einer Spende in Höhe von 15 000 Euro, bezogen auf drei Jahre. Hinzu kam eine private Spende in Höhe von 4000 Euro.

Darüber hinaus war der Musikerverein aber auch gezwungen, die Ausgaben zu senken. Und das bedeutete nicht zuletzt Kürzungen bei den Künstlerhonoraren — „an die Schmerzgrenze heran“, wie der Vorsitzende Peter Knop betont. „Da ist nicht mehr Luft, das muss man wirklich sagen“, sagt auch Burkhard Schmitt, „Irgendwann ist der Punkt erreicht, wo man nicht mehr Entgegenkommen einfordern kann.“    bal

 

Aus „Der Patriot“ vom 18.07.2012

Städtischer Musikverein ehrt langjährige Mitglieder

LIPPSTADT  Der Städtische Musikverein Lippstadt hat in seiner Mitgliederversammlung auf eine erfolgreiche Saison zurückgeblickt. Die Zahlen seien sehr erfreulich, stellte der Vorsitzende Dr. Peter Knop fest. So habe sich die Besucherzahl für die Kammerkonzerte in der Jakobikirche um circa 200 Zuhörer erhöht.

Die Konzerte im Stadttheater seien sogar mehrfach ausverkauft gewesen. So zum Beispiel bei der gemeinsam mit dem Kunst- und Vortragsring und der KWL veranstalteten Spielzeiteröffnung mit Roger Willemsen, bei der Operngala „parla mi d’amore“ mit Camilla Nylund und dem Silvesterkonzert „Von der Puszta an die Moldau“ unter der Leitung von Hermann Breuer. Ausverkauft war zufolge auch das in Zusammenarbeit mit dem Jazzclub veranstaltete Konzert der Band Spark auf der Studiobühne.

Der musikalische Leiter Burkhard A. Schmitt gab einen Ausblick auf die kommende Saison, zu deren Highlights die Veranstaltung „Die Europäische Weihnacht“ mit Senta Berger und dem Tölzer Knabenchor gehört. Die Silvesterkonzerte laufen diesmal unter dem Motto „Viva Espana“ und sind laut Schmitt auf vielfachen Wunsch zeitlich etwas vorverlegt worden.

Für langjährige Mitgliedschaft ausgezeichnet wurden Friedrich Jehn, Ingeborg Hecht, Sabine Hasler, Andrea Hilgemeier, Evelyn Maas, Ulrike Knop, Rainer Hoffmann, Eugenie Friesenhausen, Achim Gerth, Margarete Wilke und Winfried Verhoff (v.l.) sowie Gertrud Felten-Landwehr, Hildegard Klann, Dr. Karl-Heinz Luig und Gilda Luig (nicht im Bild).

Im Rahmen der Mitgliederversammlung bedankte sich der Musikverein bei vielen treuen Mitgliedern. Für ihre langjährige Zugehörigkeit wurden geehrt: Friedrich Jehn (55 Jahre), das Ehepaar Dr. Karl-Heinz und Gilda Luig (40 Jahre), Ingeborg Hecht, Ulrike Knop und Margarete Wilke (jeweils 30 Jahre), Winfried Verhoff (25 Jahre), Eugenie Friesenhausen, Rainer Hoffmann und Hildegard Klann (jeweils 20 Jahre) sowie Achim Gerth, Gertrud Felten-Landwehr, Sabine Hasler und Andrea Hilgemeier (jeweils zehn Jahre). Für besonderes Engagement dankte der Vorstand außerdem Evelyn Maas, die sich in der vergangenen Saison für die besonders dekorative Ausstattung der Konzerträume verantwortlich gezeigt habe.

Das Programm der Saison 2012/2013 ist im Internet zu finden.