Presseartikel 2015/2016

Der Patriot, 28. Juni 2016

In die Ferien gehen mit schönen „Drömmarna“

Con Brio sorgte für entspannten Saisonabschluss

Unter der Leitung von Burkhard A. Schmitt sang der Kammerchor des Städtischen Musikvereins Lippstadt, Con Brio, in der Lippstädter Jakobikirche. Foto: tuschen

Unter der Leitung von Burkhard A. Schmitt sang der Kammerchor des Städtischen Musikvereins Lippstadt, Con Brio, in der Lippstädter Jakobikirche. Foto: Tuschen

LIPPSTADT    Die akustischen Freudenausbrüche nach einem endlich mal wirklich guten Spiel der deutschen Fußballmannschaft waren auf den Straßen kaum verklungen, da wurde es schwedisch. Und das in der Jakobikirche mit dem Kammerchor Con Brio des Städtischen Musikvereins, geleitet von Burkhard A. Schmitt. Da mag denn mancher getröstet sein, dass es „Europa“ in Kunst und Sport gibt, und das schon über tausend Jahre. Akustische Wohltat also aus der Apsis der Jakobikirche mit Kompositionen aus Schweden. Dass man bei den unterschiedlich anspruchsvollen Werken die Sprache nicht verstand (wenn auch an mancher Stelle freundlich vorbereitend übersetzt) war kein Aufnahmehemmnis. Vielmehr löste sich die Sprache in Klang auf, und das gelang dem Kammerchor Con Brio unter der Leitung des intensiv die jeweiligen Kompositionen auf ihre klanglichen Besonderheiten ausdeutenden Burkhard A. Schmitt. Er hat seinen Chor zu hoher Klanghomogenität, zu klanglicher Flexibilität und insgesamt erfreulicher Intonationssicherheit geformt. Gerade letzteres ist bei der stellenweise nicht ganz selbstverständlichen Harmonik besonders anzuerkennen. „Drömmarna“ (Träume) von Jean Sibelius ist im Umkreis einer großen Zahl von Volksweisen von besonderem Intonationsanspruch und wurde ebenso sicher erfüllt wie die lockere Virtuosität der „Folksvisa“ von Olle Lindberg. Hübsche Gebrauchsmusik waren daneben etwa die „Tre trollsänger“ von Robert Sund, mit angemessenem Schwung geboten. Hier war dann auch Daniel Tappe (Klavier) der rhythmische Motor. Er hatte zuvor mit der Auswahl aus Edvard Griegs „Lyrischen Stücken“ seinen klanglichen Feinsinn für die intimen Kompositionen bewiesen und gemeinsam mit Duan Li selbst den „Norwegischen Tanz“ zu mehr als einer netten Programmeinlage gemacht. Im Zentrum des Programms aber stand die Liederreihe von Wilhelm Peterson-Berger, in der Burkhard A. Schmitt dem Chor die jeweils angemessene Emotionalität, dynamische Breite, Flexibilität, alles auf der Basis einheitlicher Artikulation, abverlangen konnte. Ein entspannter Saisonabschluss wurde also dem Publikum in die Ferien mitgegeben, entspannt, aber mit der angemessen großen künstlerischen Ernsthaftigkeit. AK

Der Patriot, 24. Mai 2016

Unendlicher Nuancenreichtum

Das Berliner Atos Trio begeistert in der Jakobikirche

LIPPSTADT   Man kann ja auch nach Berlin fahren, wo sie eine eigene Konzertreihe haben, oder nach London und in andere Großstädte. Man kann aber auch einfach in die Jakobikirche zum Kammerkonzert des Lippstädter Musikvereins gehen, um ein Ensemble von Weltruf, das Atos Trio, zu erleben. Und viele kamen, mancher mag aber auch von der gefürchteten Parkplatznot wegen sportlicher Aktionen abgehalten worden sein. Die gekommen waren, erlebten die Künstler des Atos Trios — Annette von Hehn (Violine), Stefan Heinemeyer (Violoncello) und Thomas Hoppe (Klavier) — auf selten erlebbarer Interpretationshöhe. Das Klaviertrio B-Dur (KV 502) von Wolfgang Amadeus Mozart machte schon von Beginn an deutlich, was es bedeutet, wenn Interpreten den Ausdruckswert einer Komposition ermitteln und dann vollendet musizierend hinter das Werk zurücktreten. Mozart gibt hier dem Klavier noch den vorher üblichen Führungscharakter, den Thomas Hoppe brillant auslotete. Aber die beiden Streicher haben dem Klavier gegenüber an Bedeutung gewonnen, so dass in glänzender klanglicher Detailabstimmung sowohl die naiven Momente der Komposition wie die insgesamt liebenswürdige Melodik einer Mozart’schen Hausmusik trefflich gelangen. Dass bei der interpretatorischen Vollkommenheit eine naheliegende distanzierte Kühle, den Raumtemperaturen entsprechend, vermieden wurde, verdient besondere Erwähnung. Was ist in der Musik Ludwig van Beethovens unbeschwert, wenn sie nicht zugleich einen Hintergrund von Belastung hat? Das Klaviertrio Nr. 6 Es-Dur gehört wohl zu seinen weniger beschwerten Werken, selbst bei einer gewichtigen kanonischen Einleitung und einer Reihe dunkel gefärbter Momente. Aber gerade vor dem insgesamt heiteren, tänzerischen Grundton, dem Fehlen eines langsamen Satzes, gewinnt die Komposition ihren changierenden Reiz, den das Atos Trio völlig unforciert mit schier unendlichem Nuancenreichtum erfüllte. Dieser war es dann auch, der das Klaviertrio f-Moll (op. 65) von Antonin Dvorák zu einem elektrisierenden Hörerlebnis machte. Es gibt die typische Dvorak’sche Grundstimmung, die dem Hörer vertraut ist, die in diesem Werk aber nur stellenweise, etwa im zweiten Satz oder in Passagen der Schwermut des Adagios, anklingt. Insgesamt aber wird das Werk immer wieder von einer packenden Leidenschaftlichkeit bestimmt, die temperamentvolle Ausbrüche ebenso erfasst wie die tieferfüllte Gesanglichkeit etwa des Adagios. Was hier das Atos Trio an hochmusikantischem Engagement, an sensibelster Durchleuchtung dynamischer Entwicklungsbreite bewies, das rechtfertigte jede Lobeshymne, die dem Ensemble vorauseilt. Das Publikum mochte wohl eine ähnliche Hymne nach dem Lippstädter Konzert hinterhersenden.  AK

Der Patriot, 26. April 2016

Mit musikantischer Phantasie und Klangsinn

PKF – Prague Philharmonia begeistert im Lippstädter Stadttheater

LIPPSTADT   Was eigentlich erklärt den heutigen Erfolg der Musik des Barock, wie er uns im Instrumentalbereich begegnet? Es ist wohl, entsprechend dargeboten, ihrer Vitalität, ihre Musizierfreude, der Effekt der Wiedererkennung, womit dann der Anspruch an den Hörer nicht allzu hoch angesetzt ist. Was an kompositorischem Raffinement die Zeitgenossen erfreute, was ihnen aber auch diese Musik als ein Beitrag zur Geselligkeit bedeutete, das kann der heutige Hörer nur im Ansatz mitbekommen, wenn er sich dieser Musik mit Offenheit, ohne geistig-seelische Vertiefungserwartung hingibt. Ein ganzer Konzertabend wie der beim jüngsten Konzert des Städtischen Musikvereins im Lippstädter Stadttheater kann dann schon eine leichte Erschaffung beim Hörer erzeugen. Nicht aber, wenn es sich bei den Ausführenden um die PKF – Prague Philharmonia handelt. Dieses spritzige Kammerorchester vertrieb alle Gähn-Attacken. Da wurde nicht nur klanglich höchst diszipliniert gespielt, da war die klangliche Ausgeglichenheit durchglüht von einer Spielfreude, die sich am eigenen prachtvollen Gelingen begeisterte. Wunderbarer Oboist Ramón Ortega Quero Antonio Vivaldi, in verschiedenen Kompositionsansätzen vorgestellt, gewann bei der hier gebotenen instrumentalen Intensität, bei der dynamischen Flexibilität mitreißendes Leben. Georg Philipp Telemann, ein sesshafter und überreich schaffender Komponist, überraschte mit einer Ouvertüren-Suite „Les Nations“, ohne bildkräftige Reisereminiszenzen, aber mit musikantischer Phantasie und Klangsinn, von den Prager Musikern mit entsprechendem Witz und in Homogenität gespielt. Auch Giuseppe Sammartinis Konzert für Oboe, Streicher und B.c. (das Cembalo musste sich auch hier an der Grenze zur sichtbaren Mitwirkung bewegen) wurde nicht zum erschlaffenden Sequenzen-Bad. Denn dagegen stand der wunderbare Oboist Ramón Ortega Quero, der mit Spielwitz und technisch-spielerischer Souveränität dem Stück Leben gab. Und wie hinreißend, mit großer dynamischer Breite, verblüffendem Atemvorrat und überzeugender Verzierungssouveränität hatte er schon im ersten Programmteil Johann Sebastian Bachs a-Moll-Konzert BWV 1041 gespielt, damit das Programmgewicht gesetzt. Ähnlich überlegt machte es auch das Prager Orchester, als es an das Ende des zweiten Programmteiles mit der Sinfonie Nr. 1 G-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach auf die kommende Zeit eines uns heute schon näherstehenden Joseph Haydn verwies. Auch im 111. Jahr seines Bestehens schwingt sich der Lippstädter Musikverein mit diesem Orchester, diesem Solisten zu Konzertereignissen auf. Und das nächste steht mit dem Atos Trio bevor.  AK

Der Patriot, 12. April 2016

Eine Musik voller Vitalität

Konzert des Duos Brillaner mit dem Cellisten Emanuel Wehse

LIPPSTADT   Sollte man überlieferten Aussagen trauen, dann ist Ludwig van Beethoven die große Popularität seines Septetts op. 20 ein wenig unheimlich erschienen, sogar lästig gefallen. Das klingt ein wenig kokett, denn diese wunderbare Serenadenmusik ist von hohem klanglichen Reiz und Einfallsreichtum, großem Farbreichtum und von glänzender Zuordnung der jeweiligen instrumentalen Besonderheiten eines ein wenig ins fast Sinfonische ausgeweiteten Klangspektrum. Eingängige Musik, dem Komponisten vielleicht darum etwas verdächtig. Verständlich also die Raffung des instrumentalen Anspruchs auf die Besetzung mit Klarinette, Violoncello und Klavier, dichter, weniger serenadenhaft. Das Duo Brillaner mit Shirley Brill (Klarinette) und Jonathan Aner (Klavier) spielte es gemeinsam mit dem Cellisten Emanuel Wehse in dieser Fassung beim Kammerkonzert des Lippstädter Musikvereins als eine Musik voller Vitalität, engagiert und feinsinnig, mit Feinzeichnung in den Variationen, im Menuett etwas flüchtig, inspiriert vom pianistischen Farbreichtum des glänzendem Jonathan Aner, immer lebensvoll mit in sich ruhendem Charme. Nach der Pause dann das Klaviertrio d-Moll op. 3 von Alexander von Zemlinsky, der in der letzten Zeit seine Wiederentdeckung erfährt. Ein tiefgründiges im fast ausufernden Eingangsallegro beim dramatischen Auf und Ab mit sich und Johannes Brahms ringend, mit liedhaften Zügen im beinahe wienerischen Andante und mit lapidarem Schlusssatz. Ein packendes Stück Kammermusik, von den Ausführenden bei der kompositorischen Verwühltheit mit fast raffinierter Durchsichtigkeit besonders im Agogischen durchlichtet. Eigenartig, wie beinahe flach danach das so liebenswürdige Beethoven-Trio nachklang. Am Ende eine kleine Zugabe von Max Bruch, ein Stück zum Durchatmen, zugleich der Beweis für die großartige Interpretationsweite der Musikanten dieses beachtlichen Kammerkonzertes.   AK

Der Patriot, 15. März 2016

Ein wunderbarer Interpret
Pianist Matthias Kirschnereit begeistert im Stadttheater

LIPPSTADT   Mit dem Kammerorchester des Nationaltheaters Prag war zum Sinfoniekonzert des Städtischen Musikvereins ein Gast geladen, der sich durch hohe Klangkonzentration, Präzision und agogische Geschmeidigkeit auszeichnete. Und Burkhard A. Schmitt hat als musikalischer Leiter offenbar einen guten Zugriff auf dieses Orchester, das ihm sehr konzentriert, bis in die feinsten dynamischen Wendungen folgte. Wenn dennoch die schmissige Ouvertüre zu Gioachino Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ ein wenig saftlos klang, dann lag das nicht an mangelnder rhythmischer Straffheit, sondern eher daran, dass das Orchester sehr im Bühnenhintergrund aufgestellt war, zudem noch vom großen Flügel abgedeckt wurde. Das wiederum war ein Gewinn für das so dialogisch angelegte Klavierkonzert Nr. 4 op. 58 von Ludwig van Beethoven, wo nicht Kräfte aufeinanderprallen, sondern wo sich – und das gelang Burkhard A. Schmitt bestens zu koordinieren – liebevolle Zuwendung zwischen Solist und Orchester abspielt. Matthias Kirschnereit ist der wunderbare Interpret für diesen Kompositionsstil. Und er gibt ihn schon mit den ersten wiederkehrenden Takten dieses Klavierkonzertes vor, in denen er den Romantikern mit Ludwig van Beethoven anzudeuten scheint, in welche Richtung sie sich kompositorisch zu bewegen haben. Schwungvoll und klangbewusst Völlig überzeugend aber, wie Matthias Kirschnereit dieses lyrische Eingangsmoment immer mehr in einen Herrschaftston entwickelt, wie er in den Kadenzen seinen Solistenanspruch souverän ausspielt – über technische Kompetenz ist auf der Höhe Kirschneit’scher Interpretenliga ja nicht mehr zu sprechen –, um dann völlig in den gemeinsamen Dienst am großen Werk zurückzukehren. Wenn heutzutage oft so willig unkritisch Beifall ausgegossen wird, hier war er wirklich berechtigt, bei der Beethoven-Interpretation von Matthias Kirschnereit ebenso wie nach seiner distanziert-tiefempfundenen Schubert-Zugabe. Dass der Beifall nicht in unerträgliches Moskauer Parteitagsgeklatsche mündete, spricht für das Publikum. Nach der Pause dann die Sinfonie D-Dur op. 24 von Jan Václav Vorisek. Es wird nicht viele Zuhörer gegeben haben, die diesen Komponisten kannten, ich jedenfalls kannte ihn nicht. Und was für inspirierte, liebenswürdige Musik hat dieser böhmische Komponist geschrieben, dessen Talent sich bei seinem frühen Tod wirklich nicht ausleben konnte. Wie schwungvoll und klangbewusst wird in seiner Sinfonie das Gegenüber von Streichergruppe und Bläsern (ein Sonderlob dem Horn) ausgereizt, dieses entscheidende Kompositionsmoment, das Burkhard A. Schmitt prachtvoll herausarbeitete. Und das Orchester spielte mit solchem Engagement, als wollte es seinem Landsmann hier endlich die Bühne bereiten. Das ist bestens gelungen. Dank an den musikalischen Leiter, Dank an die Gäste aus Prag. Es ist nie zu spät, sich Unbekanntes bekannt zu machen, wie der Applaus bewies.  AK

Der Patriot, 01. März 2016

Kraftvoll und sensibel
Eindrucksvolle „Elias“-Auffürhung des Städtischen Musikvereins

Beeindruckendes Solistenensemble: Dirigent Burkhard A. Schmitt (M.) mit Hanna Ramminger und Kai-Li Hsin (Sopran), Susanne Stingl und Monica Mascus (Alt) sowie Hans Bernhard Bröker, Markus Krause (Bass), Stephan Zelck und Klaus Stuckenschneider (Tenor; v.l.)

Beeindruckendes Solistenensemble: Dirigent Burkhard A. Schmitt (M.) mit Hanna Ramminger und Kai-Li Hsin (Sopran), Susanne Stingl und Monica Mascus (Alt) sowie Hans Bernhard Bröker, Markus Krause (Bass), Stephan Zelck und Klaus Stuckenschneider (Tenor; v.l.)

LIPPSTADT  Es war eine höchst eindrucksvolle Aufführung des Oratorien-Dramas „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy im Lippstädter Stadttheater. Die Bedingungen dafür waren für den Städtischen Musikverein auch besonders günstig. Ein großer Chor, bestehend aus dem Lippstädter Konzertchor, aus Mitgliedern des Konzertchores Wirges und im ersten Teil des Oratoriums aus dem Vokalpraktischen Kurs der Marienschule (gerade für ihn wohl ein besonderes musikalisches Erlebnis) — aus dieser Sängerfülle konnte der Leiter des Abends Burkhard A. Schmitt für das breite Anspruchsspektrum der Oratorienpartitur schöpfen. Und er tat dies nicht nur mit selbstverständlich hochkonzentrierter Präzision, sondern mit einem feinen Gespür für die Stimmungsbreite der Partitur, der Verbindung von liedhaftem mit choralhaftem, von lyrisch-heiterem mit streng dramatischem Ausdruck. Der Chor folgte dabei mit klanglicher Disziplin, Elastizität und glänzender Artikulation. Zur Darstellung augenfälliger Bildhaftigkeit, zum raschen Umschalten der Stimmungswerte war die Nordwestdeutsche Philharmonie ein engagierter, besonders in den anspruchsvoll geforderten Holz- und Blechbläsern verlässlicher Partner, wobei die Orchesterpräzision in den Rezitativen besondere Anerkennung

Der Konzertchor Lippstadt wurde verstärkt durch Mitglieder des Konzertchores Wirges und im ersten Teil des Oratoriums auch durch den Vokalpraktischen Kurs der Marienschule. Fotos: Tuschen

Der Konzertchor Lippstadt wurde verstärkt durch Mitglieder des Konzertchores Wirges und im ersten Teil des Oratoriums auch durch den Vokalpraktischen Kurs der Marienschule. Fotos: Tuschen

verdiente. Was aber wäre die Interpretation des „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy ohne einen herausragenden Elias-Sänger. Und der war mit Markus Krause (Bass) gewonnen. Er konnte nicht nur mit kraftvoll-dramatischem Stimmvolumen prunken, er war vielmehr der hochsensible Gestalter einer alle stimmlichen Facetten fordernden Partie. So machte er die große Arie „Es ist genug“ (und nicht nur in diesem Stück wurde die Nähe des Komponisten zum verehrten Johann Sebastian Bach deutlich) zum musikalischen Zentrum des Abends. Hanna Ramminger war mit beweglich geführtem, klangintensiven Sopran ein überzeugendes Gegenüber zum Elias. Die Ansprüche der Tenor-Partie erfüllte Stephan Zelck mit stimmschöner Differenzierung. Monica Mascus (Alt) fehlte es in den Solopartien an Volumen, sie war aber zusammen mit dem ausbaubedürftigen Sopran von Kai-Li Hsin eine sensible Ensemblesängerin. Wie denn überhaupt die Ensembles besonders beeindruckten, in die sich die Chorsolisten Susanne Stingl (Alt), Klaus Stuckenschneider (Tenor) und Hans-Bernhard Bröker (Bass) bestens einfügten. Mit ihnen gewann das Ensemble die lyrische Klangschönheit des Schmuckstücks des Werkes „Denn er hat seinen Engeln befohlen“, wenn dem auch die innere Ruhe fehlte. Der Anspruch von Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Elias“ ist an alle Ausführenden sehr hoch. Ihm wurde in der Aufführung durch den Musikverein Lippstadt glänzend entsprochen. AK


Der Patriot, 17. Februar 2016

Erfrischend unverbraucht
Das Duo Stark überzeugt mit Werken von Beethoven, Schumann und Schubert

LIPPSTADT  Zwei junge, hochbegabte Kammermusiker, Nurit Stark (Violine) und Cédric Pescia (Klavier): Mit einem Programm erfrischend unverbrauchter Werke der Kammermusik, das musste ja ein erfreulicher Abend des Lippstädter Musikvereins in der Jakobikirche werden. Und so einer wurde es. Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier und Violine op. 96 ist nicht der Programmrenner für Interpreten. Dafür ist sie doch zu fein gesponnen, besonders im Eingangsallegro. Zudem überließ hier die Geigerin durch übergroße Klangdezens dem Pianisten das musikalische Feld, was er temperamentvoll bestellte. In den beiden Schlusssätzen wurden dann gemeinsam die Konturen der Sätze herausgespielt, die Uneinheitlichkeit des Finales mit seinen überraschenden Schattierungen auch im Dynamischen überzeugend herauspräpariert – eine einleuchtende Interpretation. Ein großer, ein leidenschaftlicher, ein stellenweise verwühlter erste Satz bestimmt die Sonate op. 105 von Robert Schumann. Und genau diesen Charakter trafen die beiden Künstler vortrefflich, indem sie die vermeintlich auseinanderstrebenden formalen Gegensätzlichkeiten immer wieder zusammenzubinden wussten. Schönsten Nuancenreichtum eines auch im Rhythmischen bravourös aufeinander eingespielten Duos zeigten einmal mehr das liedhafte Allegretto und das Finale, mit seinem großen Erinnerungsbogen zum ersten Satz zurückblickend. Robert Schumann soll seine Sonate nicht gefallen haben. Die Interpretation des Duo Stark hätte ihn seine Meinung revidieren lassen. Wie konnte es 1828 zu so vernichtender Beurteilung von Franz Schuberts „Fantasie für Violine und Klavier D 934“ kommen? Dass bei einer Aufführung dieser Fantasie ein Interpret zeigten musste, „wie viel ihm noch zum soliden Violinspieler mangle“, das ist bei den technischen Anforderungen dieses Werkes verständlich. Weniger schon, dass ein Referent „gesteht, dass auch er vom Ausgang dieses Musikstückes nicht zu sagen weiß“. Es hatte sich für ihn wohl zu lang ausgedehnt. Ganz unverständlich aber ist uns heute, die Ansicht einer Leipziger Musikzeitschrift: „Man könnte darüber füglich das Urteil fällen, der beliebte Tonsetzer habe sich hier geradezu verkomponiert.“ Und was sagen wir heute? Dieses Werk ist eine Liebeserklärung an die Musik, immer wieder kreisend um das Liedzitat „Sei mir gegrüßt“, voller dezent tänzerischer Momente, dynamisch glänzend ausgewogen zwischen Duo-Partnern, mit rhythmischem Witz, innerlich drängend auf einen fast triumphalen Schluss zu. Und genau diese Kriterien erfüllte das Duo Stark bravourös, mit einem mitreißendem musikalischen Impetus. Da wurde dieses ausgedehnte Werk niemandem zu lang. Der Beifall, eine Schumann-Zugabe gewinnend, war darum angemessen stark. Ein Kammermusikabend mit hohem Erinnerungswert. AK


Der Patriot, 02. Februar 2016

Schwerelos und voller Poesie
Herausragendes Sinfoniekonzert mit der Geigerin Tanja Becker-Bender

Tanja ecker Becker-Bender (hier vor dem Konzert) bewies in Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-Moll op. 64 ein feines Gespür für die emotionalen Werte des Werkes Foto: Tuschen

Tanja Becker-Bender (hier vor dem Konzert) bewies in Felix Mendelssohn Bartholdys. Violinkonzert e-Moll op. 64 ein feines Gespür für die emotionalen Werte des Werkes Foto: Tuschen

LIPPSTADT   Zwei Komponisten im jüngsten Sinfoniekonzert des Städtischen Musikvereins, zwei Komponisten mit höchst unterschiedlichen Biographien, unterschiedlichen kompositorischen Ansätzen. Felix Mendelssohn Bartholdy, das Wunderkind, das schon in seiner Jugend als Komponist anerkannt war, und Anton Bruckner, der aus der Klassik sich fortentwickelnde, selbstzweifelnde Komponist, den Zeitgenossen wahrlich nicht aufbauen konnten mit ihren Kommentaren wie „Traumverwirrter Katzenjammerstil der Zukunft“ oder „Bruckner komponiert wie ein Betrunkener“. Die Nordwestdeutsche Philharmonie Herford, geleitet von Thomas Dorsch, spielte zwei markante Werke dieser beiden Komponisten. Felix Mendelssohn Bartholdy mit seinem Violinkonzert e-Moll op. 64 am Programmbeginn, ein Renner der Konzertprogramme, nicht wie oftmals angenommen förmlich aus dem Hut gezaubert, sondern durchaus kompositorisch den „Mühen der Ebene“ verhaftet. Aber was für ein schwereloses, fast luftiges Werk voller Poesie, klanglichem Witz und liedhafter Verbindung ist da entstanden. Tanja Becker-Bender (Violine) spielte auf einem nicht sonderlich klangvoluminösem Instrument, traf damit aber genau den Ausdrucksgehalt dieses Werkes. So spielte sie mit feinem Gespür für die emotionalen Werte, verströmte Liedhaftigkeit ebenso wie volle Anmut im Schlusssatz, immer eingebettet in den Gesamtklang. Thomas Dorsch erstellte ihr dazu mit den Herfordern einen angemessenen Klangraum, alles sehr einfühlsam. Wie sehr sich bei der Geigerin die Freude an technischen Anforderungen eines Paganini-Capriccios mit der tiefen Verinnerlichung eines Suiten-Satzes von Johann Sebastian Bach verbinden, das bewiesen ihre Zugaben. Klanglich völlig ausgeglichen Was war in Anton Bruckners 3. Sinfonie Nr. 3 so überwältigend für das Publikum, dass danach ein hier nicht so üblicher enthusiastischer Beifall ausbrach? Da ist die für die Ausdruckskraft der Komposition nötige, fast raumsprengende Orchesterbesetzung. Da sind die ständigen, die musikalischen Kräfte sammelnden, großangelegten Steigerungen, gewaltige Wellenberge, die ausschlaggebendes Merkmal der Sinfonien von Anton Bruckner sind. Da ist der überwältigend einleuchtende, werkstrukturierende Einsatz der Instrumentalfamilien. Und da ist der musikalische Bogen, der sich über die ganze Komposition zieht und die oft so hart gegeneinander gesetzten Partien des Werkes bindet. Dies alles fordert ein hochkonzentriertes, klanglich völlig ausgeglichenes Orchester. Die Nordwestdeutsche Philharmonie Herford entsprach überzeugend diesen Anforderungen. Und vor dem Orchester stand mit Thomas Dorsch ein Dirigent, der die 3. Sinfonie von Anton Bruckner zu packender Wirkung brachte. Sein Sinn für die unterschiedlichen Stimmungswerte, seine rhythmische Präzision für die dynamischen und agogischen Entwicklungen, seine deutliche Herausarbeitung der Binnenstrukturen auch bei größter klanglicher Turbulenz, das verdient hohe Anerkennung. Ein großer Abend.  AK


Der Patriot, 19. Januar 2016

Gelungenes Wagnis

Lange Klaviernacht mit vier abendfüllenden Programmen

LIPPSTADT   Die lange Klaviernacht mit vier abendfüllenden Programmen, die der Städtische Musikverein auf mutige Anregung seines Musikdirektors Burkhard A. Schmitt in der Jakobikirche angeboten hat, war von der belebenden Wirkung eines Wagnisses. Hier ging es nicht um einen Wettbewerb an einem klangvollen, in den Tiefen leicht nachgebenden Flügel. Dafür hätten ja auch die entscheidenden Kategorien gefehlt. Vielmehr stellte das Gesamtprogramm verschiedene Künstlerpersönlichkeiten mit ihrer spezifischen Sicht auf die interpretierten Kompositionen vor. Da geht es nicht darum, nach technischen Fertigkeiten zu fragen, würde es daran mangeln, wäre die Zeit in dieser Lippstädter Klaviernacht verspielt. Das 19. Jahrhundert lieferte entscheidend die Werkauswahl, Zentralpunkt dabei Robert Schumann, geerdet alles durch Johann Sebastian Bach, und wer bezöge sich nicht auf ihn. Nini Finke aus Wien eröffnete den Klavierreigen mit Ludwig van Beethovens „Waldsteinsonate“, ein klangvolles, Virtuosität forderndes Werk. Diese Virtuosität hat die Pianistin. Aber die wirkt auch verführerisch und führt dazu, dass etwa im ersten Satz „Allegro“ das „con Brio“ doch überzogen wurde. Hohes Tempo fordert innere Absicherung, wenn nicht vieles in Flüchtigkeit verrutschen soll. Die Auswahl aus den „Lyrischen Stücken“ von Edward Grieg überzeugte dagegen durch Temperament ebenso wie durch Sentiment, das wohlwollend nie die Grenze zum Sentimentalen streifte – eine völlig überzeugende Interpretation mit der Herbheit norwegischer Herkunft. Dem höchst anspruchsvollen „L’isle joyeuse“ von Claude Debussy verlieh sie den   angemessenen Klangrausch, ein etwas weniger dicker Pinsel hätte allerdings das Farbmoment stärker verdeutlichen können. Bei der Auswahl aus den „Années de Pelerinage“ fand Nini Funke bei aller geforderten Dynamik zu hoher klanglicher Sensibilität – ein beachtlicher Auftakt zur Konzertreihe der Klaviernacht. Die fand dann ihren ersten Höhepunkt in den „Phantasiestücken“ op. 12 und der Sonate Nr. 3 f-Moll von Robert Schumann. Franz Vorraber ist ein erzählender Pianist. Er gibt allen den Einzelbildern, denn es sind trotz einiger Bezüge jeweils einzelne Bilder, einen spezifischen Ausdruckswert, durchleuchtet die unterschiedlichen Stimmungswerte in jedem Moment, bewahrt in leidenschaftlichen wie in poetischen Partien die Durchsichtigkeit der Komposition. Tiefes Verständnis für das biographisch begründete fast resignative Moment zeichnete danach die Interpretation von Robert Schumanns f-Moll-Sonate op. 14 aus. Die klangliche Differenzierung durch Franz Vorraber, die bis an impressionistische Grenzen führen konnte, war atembeklemmend. Danach berechtigt großer Beifall. Auf höchstem Interpretationsniveau ging es dann im zweiten Konzertteil weiter. Klaus Sticken war der Pianist, bei dessen Musizieren sich auf überwältigende Weise Herz und Hirn verbinden. Diese Tatsache wurde gleich im ersten Werk seiner Programmauswahl deutlich: Johann Sebastian Bachs Partita Nr. 5 (BWV 829) aus den Klavierübungen Teil I. Kein trockenes Musizieren, dagegen phantasievolle Verspieltheit, musikantisches Leben durch phasenweise Inegalität, so erklang J.S. Bach als Bezugspunkt aller Komponisten. Danach die ersten neun der „Davidsbündler Tänze“ von Robert Schumann, in denen Klaus Sticken mit höchster Einfühlung und Charakterisierungslust dem Verlauf der Entwicklung von Florian und Eusebius, den Vertretern des „Poetischen“, nachzeichnete. Mit welchem Nuancenreichtum danach die „Valses nobles et sentimentales“ von Maurice Ravel auf breiter Klangskala je ihren spezifischen Ort fanden, das verblüffte. Und der Programmschluss mit dem Mephisto-Walzer Nr. 1 überwältigte nun vollends mit seinem klanglichen und agogischen Raffinement. Das war fulminant und wurde vom Publikum zu recht gefeiert. Zum Schluss dann – das Tagesende war nicht mehr weit – die in Lippstadt bekannten und hochgeschätzten Anna und Ines Walachowski, ein Klavierduo, das mit musikantischer Feinabstimmung den weitgehend als Kammermusiker unbekannten Stanislaw Moniuszko vorstellte. Eine Auswahl aus den „Ungarischen Tänzen“ von Johannes Brahms gab dem Abend in intensiver und dabei charmant beschwingter Interpretation noch ein befreiend-freundliches Gesicht. Danach, in dieser Fassung sicherlich ungewöhnlich und sehr schwer auf das dynamische Niveau der Orchesterfassung zu heben, in einer Transkription für Klavier zu vier Händen der bekannte „Bolero“ von Maurice Ravel. Der bot den Geschwistern Walachowski die bravourös genutzte Gelegenheit, auf notwendig differenziertem Hören zu bestehen in einer Welt akustischer Umweltverschmutzung. „Lange Klaviernacht in Lippstadt“ – ein Wagnis, ja, aber vom Publikum vielleicht etwas strapaziert aber mit Begeisterung akzeptiert.   ak


Der Patriot

02. Januar 2016

Jede Menge Ohrwürmer

Silvesterkonzert im Stadttheater: Philharmonie und Solisten läuten 2016 ein

Facettenreiche Interpretationen gab es von der Philharmonie Tschenstochau, die unter Leitung von Hermann Breuer spielte

Facettenreiche Interpretationen gab es von der Philharmonie Tschenstochau, die unter Leitung von Hermann Breuer spielte

Die Wiener Symphoniker machen’s, und auch das Lippstädter Publikum liebt diese Tradition, dass auf das Pflichtprogramm als Nachschlag noch der „Radetzkymarsch“ folgt. Dabei versteht es der Dirigent Hermann Breuer die Stimmung aufzuheizen. Schwungvoll schmissig macht sich unter seinem Dirigat die Philharmonie Tschenstochau über diese Komposition her. Erklärende Worte gegenüber dem Publikum braucht Breuer, der bei den Silvesterkonzerten im Stadttheater launig unterhaltsam durch das Programm führt, nicht. Dem Auditorium zugewandt schwingt er seinen Dirigentenstab und animiert das Klatsch-Publikum zum Mitmachen, und so schwelgen die Leute zum Abschluss der beiden Konzerte in „Radetzkymarsch“-Seligkeit, bevor sie durch die Theatertore gen Silvesterfeier entschwinden. Prickelnd wie frisch entkorkter Sekt lässt Breuer das Orchester schon vorher tanzen. Walzer- und Polkaklänge, etwas fürs Gemüt und jede Menge Ohrwürmer hat er im Gepäck. Die Reise führt gen Italien. „Dein ist mein ganzes Herz“ lautet das Motto der Aufführung, die Gassenhauer wie unter anderem Eduardo di Capuas „O sole mio“ mit gefühlsbeladenen Stücken wie zum Beispiel Giacomo Puccinis „O soave fanciulla“ aus der Oper „La Boheme“ vereint. Und natürlich gehört zu einem klassischen Silvesterkonzert auch etwas von Johann Strauß. Mit der „Champagner Polka“ lassen die Musiker schon weit vor Mitternacht die Sektkorken knallen, denn in dieser mitreißend mit Tempo und Temperament gespielten Polka sind etliche „Plopps“ zu hören, so als würde das Orchester gleich dutzendweise die Champagnerflaschen entkorken. Nicht gewichtig, sondern federleicht kommt auch sonst Vieles daher. Dabei entlockt Breuer den Musikern viele Facetten. Lust und Leidenschaft zeichnen ihre Interpretationen aus – wie bereits zum Auftakt des Konzerts die Ouvertüre zu Giuseppe Verdis „Nabucco“ zeigt, wo die Philharmonie Tschenstochau große Themen dieser Oper bereits im Kleinen andeutet und die Musiker zwischen romantisch weichen Klängen und heiter schnellen Rhythmen wechseln. Doch ein Silvesterkonzert ist letztlich nichts ohne seine Solisten. Souverän und mit beeindruckender Tiefe und Weite meistert die Sopranistin Ulrika Maria Maier ihre Arien.

Als Solisten traten beim Silvesterkonzert Ulrike Maria Maier und Angelos Samartzis auf. Fotos: Maeschede

Als Solisten traten beim Silvesterkonzert Ulrike Maria Maier und Angelos Samartzis auf. Fotos: Maeschede

In ihrer Stimme ist alles drin – Wehmut, abgründiger Schmerz, Dramatik, Wärme, aber auch das heiter Leichte und keck Souveräne. Das beweist sie in Giacomo Puccinis Arie „Un bel di verdremo“ aus der Oper „Madame Butterfly“ sowie in Gerhard Winklers Arie „Komm, Casanova küss mich“. Die Stimme des Tenors Angelos Samartzis ist solide. Seinen Interpretationen zu Stücken wie beispielsweise Giuseppe Verdis „La donna è mobile“ und Franz Lehárs „Dein ist mein ganzes Herz“ würde allerdings mehr Herz und Seele guttun. Am schönsten ist es natürlich, wenn Maier und Samartzis im Duett singen. Da ergänzen sich ihre Stimmen perfekt, und so erlebt man ein rundum stimmiges Konzert.   mes


Der Patriot

24. November 2015

Von tiefem Ernst getragen

Beeindruckendes Chorkonzert des Städtischen Musikvereins zum Totensonntag

LIPPSTADT   Es war ein Programm der gedeckten Klangfarben, des Aufbegehrens und der Ergebung, mit dem der Städtische Musikverein gemeinsam mit den Bochumer Symphonikern unter der Leitung von Burkhard A. Schmitt den Totensonntag beging. So waren es deutlich die tiefen Streicher, die den Klangcharakter des Abends bestimmten, besonders deutlich die Bratschen, aber auch das Cello, das Josef Weinheber in einem Gedicht sagen lässt „Ich warne nicht. Ich weine mit. Ich tröste.“ Johannes Brahms gab mit seiner dramatischen, dabei von tiefem Ernst getragenen „Tragischen Ouvertüre“ op. 81 die Grundstimmung eines Programmes vor, das den Opfern und den Überlebenden der Anschläge von Paris und des Airbus-Absturzes über der Sinai-Halbinsel gewidmet war, das aber an keiner Stelle, und dafür muss man ja gerade heute sehr dankbar sein, irgendeine Form von Verängstigung verbreitete. Wenn die Violinen in diesem Orchesterwerk noch etwas scharf, kantig klagen gegenüber dem runderen Klang der Holzbläser und des Belch, so verstanden sie sich gemeinsam mit den führenden Violen zu wunderbar geschlossenem Klang in der verständlicherweise meistaufgeführten Alt-Rhapsodie für Alt-Solo, Männerchor und Orchester op. 53 von Johannes Brahms. Diese zutiefst aufgewühlte, aufwühlende Komposition bedarf einer emotional betroffenen, zugleich aber auch den Goethe-Text als Kunstwerk vermittelnden Künstlerin. Welch ein Gewinn, dass Burkhard A. Schmitt in Monica Mascus eine Sängerin gefunden hatte, die der Komposition mit einer durch alle Lagen ausgeglichenen, sensibel geführten Stimme auf wunderbare Weise entsprach. Der musikalische Leiter selbst schuf mit dem Orchester einen einfühlsamen, erfüllten Begleitklang und gab mit klangvoller Schlichtheit des Männerchores dem Werk eine „herzquickende“ inhaltliche Wendung. Mit dieser Interpretation gewann der Abend sein Zentrum. Dass danach der Psalm 13 für Frauenchor und Streichorchester op. 27 trotz intensivsten Einsatzes, von Schmitt (er ist ein glänzender Chordirigent) eigentlich belanglos wirkte, trotz des bestens präparierten Frauenchores, ist der nicht hochinspirierten Komposition geschuldet. Wie konzentriert in der orchestralen Verdichtung, wie eindringlich und stimmungssicher ist dagegen die „Nänie“ op. 82, in der der Chor des Musikvereins seine ganze Klangdifferenziertheit verbunden mit hoher Elastizität einbringen konnte. Prachtvolle dynamische Breite zeichnete den Chor auch im „Schicksalslied“ op. 54 aus. Das Orchester begeisterte besonders in dieser Komposition durch hohe Einfühlsamkeit, aber auch ein klangliches Selbstbewusstsein, das die ganze Bildhaftigkeit des Textes bravourös nachzeichnete. Gustav Mahlers bekanntes Adagietto aus seiner 5. Sinfonie gab Burkhard A. Schmitt Raum für ein engagiertes, in den dynamischen Steigerungen suggestives, höchst eindrucksvolles Orchesterdirigat. Und wenn Monica Mascus in Richard Wagners erstem der „Wesendoncklieder“ den Engel nieder- und aufwärts schweben lässt, dann ist das Hörerglück vollkommen. So war der Totensonntag voll des Trostes. AK


Der Patriot
03. November 2015

Mit hintergründigem Witz

Das Monet-Quintett überzeugte in Jakobikirche

In einen wunderschönen Herbsttag mit einem Bläserorchester einzusteigen, dazu verhalf am Sonntagvormittag das Kammerkonzert des Städtischen Musikvereins in der Jakobikirche mit dem Monet-Quintett. Und die Freude daran war groß, auch wenn das Zitat „Dass du nicht enden kannst, das macht dich groß“ (vermutlich von Johann Wolfgang Goethe) hier zumindest nicht bei allen Kompositionen des Programms zutraf. Etwa nicht bei den klanglich durchaus aparten Partien der folkloristisch beeinflussten Variationen im Bläserquintett des Dänen Carl Nielsen, das aber insgesamt doch ein wenig ausgewalzt wirkt. Eine breite Kompositionspalette bietet Franz Danzi, die einflussreich bis hin zur Romantik wird und dessen Opus 56 ein Beispiel ebenso klangvoll wie instrumental ausgewogenen Musizieren bietet. Das in seinen klanglichen wie rhythmischen Komponenten eindrucksvollste Werk des Programms aber waren die „Sechs Bagatellen“ für Bläserquintett von György Ligeti. Kein Wunder, dass dieses ebenso stimmungstiefe wie geistvolle Stück von keinem entsprechenden Ensemble ausgelassen wird und in Lippstadt nicht zum ersten Male erklang. Temperamentvoll und souverän Höchste Anerkennung dafür, mit welch technischer Bravour, welcher Einfühlung in die unterschiedlichen Stimmungswerte das Monet-Quintett das Werk spielte. Temperamentvoll, technisch souverän auch für den hintergründigen Witz der Partitur, so spielten die prachtvollen Instrumentalisten Anissa Baniahmad (Flöte), Johanna Stier (Oboe), Nemorinio Scheliga (Klarinette), Marc Gruber (Horn) und Theo Plath (Fagott). Differenziertheit und agogische Souveränität bestimmten auch Anton Reichas Bläserquintett op. 91 und das etwas altfränkische Bläserquintett von Paul Taffanel. Mit diesem Konzert der noch jungen Künstlervereinigung konnte das Publikum musikalisch in den farbfrohen Herbstsonntag eintauchen.  n  AK


Der Patriot
6. Oktober 2015

Präzision und Poesie

Die Philharmonie Pilsen überzeugte mit einem ungewöhnlichen Programm

Glänzende Solistin: Die junge amerikanische Geigerin Tai Murray

Glänzende Solistin: Die junge amerikanische Geigerin Tai Murray

LIPPSTADT    In einer Zugabe – welches Orchester gibt schon eine Zugabe wie im jüngsten Konzert des Städtischen Musikvereins die Philharmonie Pilsen – darf es ruhig auch mal tänzerisch lärmend zugehen. Besonders dann, wenn Antonin Dvoráks „Amerikanische Suite op. 98b“ am Ende des eigentlichen Programms mit so viel agogischer Lebendigkeit, liedhafter Poesie und überlegter, sensibler Dynamik gespielt worden war, wo folkloristische Elemente so wenig aufgetragen waren, dass die Suite weniger amerikanisch als smetana’sch klang. Hoher Sinn für Publikumswirksamkeit Hier auch hatte der musikalische Leiter Tomas Brauner die fast spielerische Souveränität, die dem Orchester jede klangliche Verspanntheit nahm. Die hatte sich im ersten Programmteil ein wenig eingestellt weil – völlig verständlich – der Dirigent hier bei den Werken von George Gershwin und Leonard Bernstein zunächst rhythmisch absolute Präzision einfordern musste. Dass dabei in Gershwins „Kubanischer Ouvertüre“ besonders mit unterschiedlicher Klangpalette gespielt wurde, begeisterte das Publikum, und der Komponist hat nun mal hohen Sinn

Die von Tomas Brauner geleitete Philharmonie Pilsen erwies sich als ein in allen Bereichen ausgeglichen klingendes Orchester Fotos: Tuschen

Die von Tomas Brauner geleitete Philharmonie Pilsen erwies sich als ein in allen Bereichen ausgeglichen klingendes Orchester
Fotos: Tuschen

für Publikumswirksamkeit. Im Mittelpunkt des Programms aber stand die „Serenade für Violine, Streichorchester, Harfe und Schlagzeug“ von Leonard Bernstein. Dieses Platons „Gastmahl“ nachempfundene Werk ist so voll von klanglichem Raffinement, verbindet tänzerische Momente mit fast plaudernden Sprachelementen, ist von sensibler Szenerie, dass sich die angelegte Personenregie selbstverständlich verdeutlicht. Wunderbare Geigerin Und dann ist da die wunderbare Geigerin Tai Murray, höchst werkzutreffend eingesetzt, welche die emotionalen Momente ebenso erfüllt, wie sie mit energischem Zugriff und bravuröser Bogentechnik dramatische Elemente durch die Doppelgriffe jagt. Im „Poème“ für Violine und Orchester von Ernest Chausson konnte sie danach in völliger stimmungsmäßiger Übereinstimmung mit Dirigent und Orchester die durch russische Literatur ausgelöste Komposition bis in die feinsten lyrischen Verästelungen vorstellen. So wurde es ein Konzertabend, an dem ein ungewöhnliches Programm, eine glänzende Solistin, ein in allen Bereichen ausgeglichen klingendes Orchester der Philharmonie Pilsen und ein inspirierender Dirigent Tomas Brauner das Publikum begeisterten.   AK


Der Patriot
5. Oktober 2015

Der Klang der Stille

Das „Fjord“-Projekt sorgte für ein intensives Konzerterlebnis

Musizieren mit dem ganzen Körper Gitaristin Susan Weinert und Sängerin Torun Eriksen Foto: Balzer

Musizieren mit dem ganzen Körper Gitaristin Susan Weinert und Sängerin Torun Eriksen
Foto: Balzer

Von Andreas Balzer LIPPSTADT    Es versetzt einen ja nicht unbedingt in Hochstimmung, wenn man zur großen Geburtstagsparty lädt und kaum jemand kommt. Zumal, wenn man sich einige Mühe gegeben hat, um den Gästen richtig was zu bieten. Sehr verständlich also, dass auch beim Lippstädter Jazzclub etwas Enttäuschung herrschte angesichts des geringen Publikumsandrangs beim Konzert zum 60-jährigen Bestehen. Standen doch mit der deutschen Jazzgitarristin Susan Weinert, ihrem Ehemann, dem Kontrabassisten Martin Weinert, und der norwegischen Sängerin Torun Eriksen drei sehr hochkarätige Musiker auf der Bühne. Doch obwohl mit dem Musikverein und der Conrad-Hansen-Musikschule noch zwei weitere Veranstalter mit an Bord waren, musste die Veranstaltung kurzerhand vom Großen Haus des Stadttheaters auf die Studiobühne verlegt werden, und auch die war keineswegs rappelvoll. Was die Veranstalter schmerzen mag, erwies sich für die, die gekommen waren, als Segen. Denn die sehr ruhige, oft fragil wirkende Musik des Trios kommt in der intimen Atmosphäre der Studiobühne sehr viel besser zur Geltung. Im großen Saal wäre von der ungeheuren Intensität des Auftritts einiges verloren gegangen. Musizieren mit dem ganzen Körper Das sehen offenbar auch die Musiker so. „Wir fühlen uns pudelwohl“, betont Bassist Martin Weinert und findet auch sehr lobende Worte für den Sound und die Lichtsetzung. Überhaupt merkt man den Musikern an, dass sie mindestens so sehr wie für das Publikum auch für sich selbst spielen. Die drei mögen Profis mit langjähriger Erfahrung sein, Routiniers sind sie ganz sicher nicht. „Fjord“ heißt das CD-Projekt, das die drei Künstler zusammengeführt hat. Und es klingt so, wie in der Vorstellung die „melancholische Weite und sehnsuchtsvolle Tiefgründigkeit des Nordens“ (so der Pressetext) wohl zu klingen hat — sofern man dabei nicht infernalischere Klänge à la Gorgoroth oder Darkthrone im Ohr hat. Dominierend ist das äußert prägnante, rhythmisch sehr akzentuierte und doch melodische Gitarrenspiel Susan Weinerts. Die aus dem Saarland stammende Gitarristin hat eine ganze Latte von Effektgeräten vor sich, die sie jedoch sehr zurückhaltend einsetzt — um zum Beispiel sphärische Sounds zu erzeugen. Ihr prägnantes Spiel muss keine Geschwindigkeitsrekorde brechen, um seine Virtuosität unter Beweis zu stellen. Weinert gibt den Tönen Raum, um sich zu entfalten. Die Stille ist bei den von ihr erzeugten Klangwelten ein wesentlicher Faktor. Die Gitarristin musiziert dabei mit dem ganzen Körper. Sie scheint regelrecht mit dem Instrument verwachsen zu sein. Auf dem Gesicht hat sie mal ein verklärtes Lächeln, mal ein koboldhaftes Grinsen. Immer wieder begleitet sie ihr Spiel mit Scat-Gesang, Lachen, Jauchzen oder Schnaufen. Ehemann Martin unterlegt ihre Klanggemälde mit seinem zurückhaltenden, sehr melodischen Spiel. Dass er sehr viel mehr ist als ein versierter Begleiter, zeigt er bei den beiden Instrumentalstücken, insbesondere bei seiner eigenen Komposition „Tanz der Schmetterlinge“. Das als unaufdringliches Bass-Solo beginnende Stück ist unüberhörbar inspiriert von einer Algerienreise, bedient sich dabei aber geschickt orientalischer Sounds und Rhythmen, ohne in musiktouristische Klischees zu verfallen. Einen ganz eigenen Akzent fügt Torun Eriksen mit ihrer hellen, schwebenden Stimme hinzu. Während sie bei den Ansagen, wie ihre Kollegen auch, äußerst charmant und humorvoll mit dem Publikum plaudert, wirkt sie bei den Gesangspassagen fast entrückt, so, als schwebe sie in ihren eigenen Sphären, während sie ihre menschenfreundlichen Texte über das Leben, die Liebe und die Einsamkeit singt. In Skandinavien mag es zuweilen sehr kalt sein. Doch an diesem Abend wird es deutlich wärmer.