Presseartikel 2017/2018

Der Patriot 30.5.2018

Gegen alle Widrigkeiten

Con Brio bot klangvollen Sommerauftakt

LIPPSTADT Es ist natürlich zu einfach, bei einem unter der Überschrift „Very British“ geplanten Chorkonzert alle negativen Begleitumstände gleich für tiefgreifende Symbolik zu halten. Aber wie anders kann es der Kammerchor Con Brio des Städtischen Musikvereins Lippstadt denn deuten als mit Verschwörungstheorien, wenn vor seinem Konzert in einer Hochsommerphase plötzlich ein Gewitter niederbricht, die Sopran-Solistin kurzzeitig erkrankt, der Chorsopran am Beginn des Programms, von der Gewitterglocke gedrückt, dies nicht ganz verbergen kann?

Wie gut, dass das vom Chorleiter Burkhard A. Schmitt freundlich-entspannt begrüßte Publikum nicht aus Verschwörungstheoretikern bestand und sich dem musikalischen Angebot willig öffnete. Drei der populärsten und besonders stimmungscharakterisierenden Madrigale von Thomas Morley, John Dowland und John Bennet konnte sich der Chor Con Brio durch erfreulich ausgewogenem Klang auszeichnen, wobei besonders der Alt warme Einbindung leistete.

Bedauerlicher Ausfall der Sopran-Solistin

Dieser Beitrag des 16. Jahrhunderts war wie auch in der Folge der bedeutendste des Programms. Da wurden kompositorische Maßstäbe gesetzt, die Burkhard A. Schmitt intensiv zu erfüllen wusste. Die Moderne des 20. Jahrhunderts wurde mit Klangschönheit geboten, stellte sich aber weitgehend als kompositorischen Ableger von Johannes Brahms oder Felix Mendelssohn Bartholdy dar.

Wenn der allgegenwärtige John Rutter als wichtigster englischer Komponist der Moderne gefeiert wird, dann könnte es um die englische Musik der Gegenwart schwächlich bestellt sein, gehen doch von ihm kaum irgendwelche Innovationen aus. Sie ist aber nicht so verarmt. Das wurde in diesem Programm nicht ganz so deutlich, da das geplante Lied von Benjamin Britten aufgrund der Erkrankung der Solistin ausfallen musste.

Das Publikum jedenfalls war für einen klangvollen Sommerauftakt dankbar, besonders auch dafür, dass Burkhard A. Schmitt auf den bedauerlichen Ausfall der Sopranistin Stephanie Lönne mit einem spontanem Flötensolo, begleitet von Daniel Tappe (Klavier), reagieren konnte. AK

 

Der Patriot 24.4.2018

Elektrisierende Zerbrechlichkeit

Konzertabend mit der Sinfonietta Cracovia und Susanne Hou war ein Geschenk

LIPPSTADT Man konnte es erwarten, dass eine so bedeutende Musiknation wie Polen nichts Zweitrangiges auf den Weg zu umgebenden Nationen schicken würde. Und so hatte das Ministerium für Kultur und nationales Erbe der Republik Polen mit der Sinfonietta Cracovia eine Konzertreise unterstützt, die für das Publikum des Lippstädter Musikvereins bleibende Erinnerungen schaffen konnte.

Was diese Kammermusikvereinigung, die bei aller Klangdisziplin immer Charme bewahrte, an klanglicher Homogenität bot, das nahm das Publikum von Beginn an für sich ein, ließ das Anreisegewitter und Regennässe schnell vergessen. Was für ein vom Publikum freudig honoriertes Musizieren boten die Gäste doch! Nicht von allzu viel historischer Musizierpraxis angekränkelt, wohl aber von deren straffen und dabei musikantisch lebendigen Interpretationsstil beeinflusst, wurde es ein fesselnder Konzertabend.

Das Divertimento für Streichorchester von Maciej Radziwill am Programmbeginn, schwereloses Musizieren, war zumindest ein gutes Beispiel dafür, wie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch die im politischen Wirken stark angespannten Führungskräfte selbstverständlich ihre seelische Kraft aus der Beschäftigung mit Kunst bezogen.

Von ähnlich kammermusikalischer Struktur ist Joseph Haydns Sinfonie Nr. 43, kraftvoll im Eingangs-und Schlussallegro, reizvoll in der Variation des liedhaften Adagio, in jedem Kompositionsmoment liebevoll intensiv ausgedeutet.

Ganz besondere Wirkung aber verdiente sich das Orchester mit dem sensiblen, elastisch angepassten Zusammenspiel mit der Solistin des Abends, der Geigerin Susanne Hou. Und damit ist der Star des Programms genannt, die Künstlerin aus Shanghai. So gar nicht starhaft, vielmehr mit charmanter Hinwendung zu Orchester und Publikum und mit musikalischem und musikantischem Erfülltsein.

Ihre elegante, nuancierte, von überlegener Artikulation und Dynamik bestimmte Interpretation des so beliebten D-Dur-Violinkonzerts Nr. 43 von Wolfgang Amadeus Mozart verdient es, neben die Darstellung von Henryk Szeryng gestellt zu werden, Plattenreverenz, unvergessen von mir im Konzert erlebt. Und wie die Künstlerin das nicht minder bekannte E-Dur-Violinkonzert von Johann Sebastian Bach spielte, voll innerer Erfüllung, ohne in Emotion abzugleiten, mit eine vibratolos gespielten Adagio von elektrisierender Zerbrechlichkeit, das war unvergessen, und da darf man auch als Rezensent einmal schwärmen.

Ebenso wie für die rasante Orchesterzugabe oder ein noch nie gehörtes, folkloristisches Kaleidoskop der Geigerin. Abende dieser musikalischen Vollendung sind ein Geschenk. AK

 

Der Patriot 24.3.2018

Mit Debussy in die Galaxie

Andreas Kern und Paul Cibis begeisterten mit der „Piano Battle2.0“

für Klassik

Es kann nur einen geben: Paul Cibis (l.) und Andreas Kern ziehen in die Tastenschlacht. Foto: Heier

LIPPSTADT „It’s Showtime“ rufen Andreas Kern und Paul Cibis in den vollen Saal des Lippstädter Stadttheaters. Vor ihnen sitzen rund 700 Schüler, die bei der „Piano Battle 2.0“ der beiden Pianisten die Jury stellen. Nur einer der beiden Tastenkünstler kann gewinnen. Sie beide träumen von einer eigenen TV-Show.

Es gibt mehrere Runden, der Applaus entscheidet. Der Wettkampf wird zum gelungenen Anschauungsunterricht, in dem die Jugendlichen so ganz nebenbei mit einigen Komponisten und ihren Werken vertraut gemacht machten. So etwa mit Claude Debussy, der sagte: „Wer nicht verreisen kann, soll seine Fantasie benutzen“. Seine stimmungsvollen Kompositionen wie das „Clair de Lune“ werden mehrmals angestimmt. Sergei Rachmaninow, Dmitri Schostakowitsch, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven: Sie alle werden Teil einer musikalischen Unterhaltungsshow, die zum Ziel hat, junge Menschen für die variantenreiche Klassik zu interessieren. So etwa fasziniert der galaktische Ausflug mit der von Debussy inspirierten „Star Wars“-Filmmusik. In einem Medley führen Cibis und Kern vor, wie die Klassik den Soundtrack von John Williams inspirierte.

Es ist die mitreißende, jugendliche Präsentation der beiden, die begeistert und die vor allem in Andreas Kern einen frechen Moderator hat, der nah an den Jugendlichen ist. Er ist der Sprücheklopfer und hat die junge Zuhörer gleich auf seiner Seite, während der eher zurückhaltende Cibis den Sensibleren spielt. Ständig muss er einstecken. „Du hast überhaupt keine Ausstrahlung, du musst mehr Risiko eingehen“, kriegt er zu hören.

Doch der aus Lippstadt stammende Pianist widmet sich lieber romantisch-sinnlichen Werken und ihrer Ausdruckskraft, der „Träumerei“ von Schumann oder Chopins „Nocturne“. Was zwar auch bei den Jugendlichen ankommt, aber eben nicht bei der Masse. Die hört lieber Kerns wendigen Johann Sebastian Bach, den er geschickt verjazzt und sich dabei sogar noch auf die Klaviatur setzt. Tosender Applaus.

In der vierten Runde geht es darum, drei Lehrerinnen zu bezirzen. Die Damen sollen bewerten, welche Art der musikalischen Verführung ihnen am besten gefällt. Knapp gewinnt Kern mit Stücken wie dem ÉdithPiaf-Chanson „La vie en rose“. In einer Runde aber punktet Cibis: Die Filmmusik hat er in der Show entschieden besser drauf. In Sekundenschnelle werden „James Bond“, „Rocky“ & Co vom Publikum erraten.

In den ersten Runden entscheidet noch das Gehör bei der Einschätzung der Applausstärke, mit der die Zuhörer die Darbietungen bewerten. Doch in der letzten, entscheidenden Runde hilft die Applausmeter-App. Es wird geklatscht, getrampelt und geschrien. 107 zu 104 Dezibel: Andreas Kern gewinnt den Lippstädter Contest. Zumindest in der Vormittagsvorstellung. Am Abend schließt sich eine weitere „Piano Battle“ an.

Debussy und „Star Wars“ — diese gelungene Kombination wird sich so mancher gemerkt haben. rio

Der Patriot 20.03.2018

Wundersam überwältigend

Dirigent Garry Walker begeistert mit dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie

Von Alfred Kornemann

LIPPSTADT Auch wenn der Blick auf Amerika im Moment noch unvermeidbar getrumpt ist, sollte nicht übersehen werden, dass eine Kulturvermeidungsstrategie — ob gewollt oder aus geistiger Verblendung — zu allen Zeiten, wo auch immer, letztlich scheitert. Gute Nachricht aus Amerika bot das Sinfoniekonzert mit dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie im Lippstädter Stadttheater, dem man ob seiner guten Akustik schon heute nachzutrauern beginnt.

Aaron Copland wird heute noch manchmal etwas naserümpfend eine vermeintlich reine Verarbeitung vorhandener Musikstile, besonders von Volksweisen vorgehalten. Das trifft nun so bis auf wenige kompositorische Einsprengsel überhaupt nicht zu. Davon konnte sich das Publikum am Programmbeginn mit Aaron Coplands Suite aus „Appalachian Spring“, seinem wohl populärsten Tanzstück, überzeugen lassen. Diese acht bruchlos gereihten kurzen Sätze sind von großem melodischen Reiz und Farbenreichtum, ebenso aber von packender rhythmischer Prägnanz, die dem Orchester mit spürbarer Spielfreude abverlangt wurde.

Wie hätte es sich auch dem Temperament, der Präzision, dem dynamischen Feingespür des Dirigenten Garry Walker entziehen können, der mit großer Emphase immer genau aus dem Zentrum der Kompositionen heraus musizierte. So gewann alles klangliche Selbstverständlichkeit, jede dynamische Entwicklung klug austarierte kompositorische Notwendigkeit. Dieser Dirigent machte alle Werke des Abends zu musikalischen Erlebnissen.

So auch Edgar Meyers Konzert für Violine und Orchester, das sich bruchlos in das Abendprogramm einfügte weil der zeitgenössische Komponist hier in ganz eigener Sprache Elemente zusammengefügt hat, die auch die beiden rahmenden Werke mitbestimmt haben, Elemente des Jazz, des Bluegrass und nicht zuletzt des Folk.

Herausgekommen ist dabei ein Stück von klanglichem und rhythmischem Raffinement, das dem Orchester mit großer Konzentration eindrucksvoll gelang. Vom Solisten verlangt es technische Bravour, klangliche Vitalität und emotionale Einfühlung, ohne doch ein rechtes Virtuosenstück zu sein. Und gerade diese Haltung dem Werk gegenüber machte die Interpretation des renommierten russischen Geigers Ilya Gringolts so eindrucksvoll, so selbstverständlich das Publikum begeisternd, so einnehmend für ein Werk der sehr gemäßigten Moderne.

Wenn man in Amerika mit Antonin Dvoráks 9 Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ geglaubt hatte, eine „nationale Musik“ bekommen zu haben, dann war das wohl ein großer Irrtum. Dazu war der kompositorische Umgang bei aller Beschäftigung mit der Musik der Indianer und der Schwarzen viel zu selbstbestimmt.

Das Ergebnis war die wohl populärste, musikalisch oft wundersam überwältigende 9. Sinfonie op. 95. Man muss nur das Largo der Interpretation von Garry Walker mit dem Staatsorcnester Rheinische Philharmonie erlebt haben, um die klangliche Sensibilität, die ausgefeilte Dynamik, die musikantisch feinsinnigen Übergänge in Erinnerung zu halten, wenn man dem mir bis zu diesem Konzert unbekannten Dirigenten ohne prophetische Anwandlung eine große Karriere anzusagen wagt.

 

Der Patriot, 13.03.2018

Melancholisch und verspielt

Mitreißendes Konzert des Azahar Ensembles in der Jakobikirche

LIPPSTADT Mit dem überraschend erfrischenden Frühlingstemperaturen wetteiferte im Kammerkonzert in der Lippstädter Jakobikirche das charmante, sympathisch junge Azahar Ensemble — Bläserinstrumentalisten, die sich vor fast zehn Jahren im Nationalen Jugendorchester Spaniens gefunden und zu einem Ensemble zusammengetan haben.

Es gibt durchaus Formationen, die aus Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Horn bestehen. Aber es sind doch immer gewisse Exoten, weil für sie die Zahl der Original-Kompositionen sehr schmal ist. Zur Hilfskonstruktion der Bearbeitungen zu greifen, ist also ebenso verständlich wie förderlich für die Verbreitung wertvoller Kammermusik.

Ein hübsches Einspielstückchen stand mit Wolfgang Amadeus Mozarts Bearbeitung seiner Fantasie für eine Orgelwalze am Beginn des Programm. Schon hier zeigten sich die künstlerischen Merkmale des Azahar Ensembles: seine unverkrampfte Spielfreude, technische Souveränität und ein musikantisches Miteinander, bei dem jedes Mitglied sich mit seinem Werkbeitrag gewürdigt weiß.

Und das wurde umso mehr bei dem D-Dur Bläserquintett op. 91 Nr.1 des Großmeisters für diese Besetzung, Anton Reicha, deutlich. Das hatte mitreißenden Spielwitz ohne Oberflächlichkeit, zeigte die ganze instrumentale Beherrschung des Komponisten, der jedem Instrument trefflichen Spielraum zuweist. Und den nutzten die Ensemblemitglieder prachtvoll: Frederic Sánchez Muñoz (Flöte), Maria Alba Carmona Tobella (Oboe), Miquel Ramos Salvadó (Klarinette), María José García Zamora (Fagott) und Antonio Lagares Abeal ( Horn).

Das ist schon ein Geschenk an die Besetzung von einem Komponisten, der in Paris eine große Zahl bedeutender Schüler ausgebildet hat, von dem aber Frédéric Chopin tief enttäuscht in einem Brief feststellte, dass er die Musik nicht liebe, nicht einmal in die Konzerte des berühmten Pariser Konservatoriums gehe. Gemeinsam mit Luigi Cherubini unterlag er dem Chopin-Urteil: „Diese Herren sind nur eingetrocknete Mumien, auf die man mit Verehrung zu blicken und aus deren Werken man zu lernen hat.“ Aber wer sagt denn, dass große Künstler, Komponisten oder Dichter, auch besonders sympathisch sein müssen? Schrieben sie nur solche Werke wie Anton Reicha und würden sie dann so prachtvoll interpretiert wie hier vom Azahar Ensemble.

Ansprechende Miniaturen von Joaquín Turina bestimmten den zweiten Programmteil: „Mujeres españolas“ op. 73, charmant gespielt, charakteristisch melancholisch wie verspielt, immer mit zupackender Dynamik.

Am Schluss dann Carl Nielsens Bläserquintett A-Dur op. 43, eine Komposition bildreich erzählender Musik, die in den Variationen dem Ensemble glänzende Soloauftritte anbot. Und die wurden mitreißend erfüllt, wie das gesamte Programm, und so konnte das Publikum beschwingt in den Frühling gehen. AK

Der Patriot, 26.02.2018

Bis an die Grenzen

Konzertchöre von Lippstadt und Wirges beeindrucken in Dvoraks Requiem


Das Solistenquartett: Marek Gasztecki (Bass), Anton Saris (Tenor), Monica Mascus (Mezzosopran ) und Camilla Nylund (Sopran).

LIPPSTADT Für den Konzertsaal hat Antonin Dvorák sein „Requiem“ geschrieben. Das mag ein wenig verwundern, entspricht aber durchaus einer englischen Chortradition. In London hat der böhmische Komponist schließlich sein letztes großes Chorwerk vollendet. Und gegen alle Erwartungen von Kennern und Liebhabern „böhmelt“ hier nichts, sondern hier zeigt sich ein Komponist, dessen Musikstil seine musikalische Herkunft nicht verbiegt, wenn auch viele Erwartungen durch ausgedehnte Auslandsaufenthalte besonders in England, wo er 1890 das Requiem vollendete, in Amerika und Russland an seinen Kompositionsstil gerichtet wurden.

Aber er hatte ja einen Johannes Brahms an seiner Seite, wahrlich ein Komponist von anderer schöpferischer Statur, der ihn für seinen unverkrampften Einfallsreichtum liebte und mit Wohlwollen begleitete. Und Antonin Dvorák hat seinen Freund tief verehrt und ihn bis in seine letzte Lebenszeit begleitet.

Beide haben ein großes Requiem geschrieben, und doch wie anders. Der Protestant Brahms stellte sich dazu einen eigenen Text zusammen, schuf sich so das eigene emotionale Kompositionsfeld. Antonin Dvorák blieb bei dem alten lateinischen Requiem-Text. Und doch bekommt der strenge Text trotz mancher kompositorischer Aufgewühltheit einen besänftigen Charakter voll mildem Gebetscharakter.

Und das hat seinen Grund in der schon am Beginn anklingenden und das ganze Werk im Hintergrund begleitenden oder beherrschenden Floskel „Kyrie eleison“, wie es in Johann Sebastian Bachs „Kyrie“ in seiner h-Moll-Messe angesprochen wird.

Burkhard A. Schmitt, der Leiter des Antonin-Dvorák-Requiems im Lippstädter Stadttheater, versuchte diesen Bezug mit großem Engagement herzustellen. Und diese Assoziation erscheint mir bei einem Komponisten, dem in kurzen Abständen drei Kinder starben, nicht unverständlich. Das Orchester der Bergischen Symphoniker folgte dem Dirigenten bei hier hörbar sensibel, es dichtete aber besonders in den Soli die vier Solisten klanglich ab.

Die Konzertchöre von Lippstadt und Wirges trugen das Hauptgewicht der Requiem-Aufführung.
Fotos: Tuschen

Das lag aber auch an dem nicht ausgeglichenen Solistenensemble. Die Sopransolistin Camilla Nylund ist eine Sängerin von außerordentlichem Niveau, ein begeisternder Gewinn auch in kleinen Partien wie Antonin Dvoráks Requiem. Ihr zur Seite stand der wunderbar in allen Lagen ausgeglichene Mezzosopran Monica Mascus. Der Tenor Anton Saris blieb im Volumen unauffällig, der polnische Bassist Marek Gasztecki verdient den Dank, den erkrankten Basskollegen Peter Lobert mit stimmlicher Zurückhaltung vertreten zu haben. Ein ausgeglichenes Solo-Quartett kam so im „Recordare“ zustande.

Größten Eindruck aber hinterließen die Konzertchöre von Lippstadt und Wirges, die ja auch das Hauptgewicht der Requiem-Aufführung trugen. Burkhard A. Schmitt trieb den ausgewogenen Chorklang an die Grenzen der Kraftreserven. Anerkennenswert war, dass die klangliche Binnenspannung nicht verloren ging. Frauen und Männer verdienten sich aber besonderes Lob in den A-cappella-Chören. Das war Balsam für die große Zahl der sensiblen Oratorienbegeisterten. AK

 

Der Patriot, 19.02.2018

Kurvenreich und modulierend

Echoes of Swing interpretieren zum 20. Bühnengeburtstag viele Klassiker


Die Echoes of Swing feierten am Freitag ihren 20. Bühnengeburtstag mit dem Publikum in der Jakobikirche. Foto: Marion Heier

LIPPSTADT Fast 20 Jahre ist es her, dass die Echoes of Swing in Lippstadt zum ersten Mal gespielt haben – und seit fast 20 Jahren spielen Bernd Lhotzky (Klavier), Chris Hopkins (Alt Saxophon), Colin T. Dawson (Trompete, Vocals) und Oliver Mewes (Schlagzeug) in unveränderter Besetzung zusammen. Am Freitagabend feiert das Ensemble in der Jakobikirche also einen echten, runden Geburtstag mit dem Lippstädter Publikum.

Mitgebracht hat es zum Gemeinschaftskonzert von Jazzclub und Städtischem Musikverein sein aktuelles Konzertprogramm „Travelin’ – Celebrating 20 Years on Tour“. Die Jakobikirche ist prächtig gefüllt, es hat Jazz- wie Klassik-Fans hergelockt, die sich von dem swingenden, feinnervig interpretierten Jazz der 20er- bis 50er-Jahre anstecken lassen. Es passt gut.

Das Quartett bewegt sich mit seinem gepflegten, gefälligen Swing innerhalb traditioneller Genres zwischen Bop, Dixie und Mambo-Sound, zum Teil sogar Ragtime und Blues. Vieles davon sind Klassiker aus dem „Great American Songbook“. Im wohl überlegten Repertoire sind Stücke, die alle etwas mit dem Reisen zu tun haben und in denen viel passiert. So etwa interpretiert das Quartett neben Eigenkompositionen und bekannten Jazz-Stücken in ausgeklügelten Arrangements Dean Martins „Volare“, Swing-Balladen wie Cole Porters „Dream Dancing“, Sidney Bechets „Southern Subset“ oder Coleman Hawkins „Disorder At The Border“.

In ihnen zelebrieren sie ihr geübtes Zusammenspiel, wobei ihnen die kompakte und zugleich flexible Formation mit zwei Bläsern, einem Schlagzeug und einem Klavier viel Spielraum gewährt, kreativ zu werden. Lhotzke entrückt zu „Over The Rainbow“ mit diametralem Spiel von rechter und linker Hand, die geradezu autark sowohl das rhythmische Thema in der Basslinie als auch rechts die Improvisation spielen.

Mit Duke Ellingtons „On A Turquoise Cloud“ ist es der am Schlagzeug mit Besen begleitete Romantic-Swing, dem Dawson an seiner Trompete die entsprechende Färbung verleiht. Auch bringt er mit seiner Komposition „Going Home“ gesanglich neue Klangfarben ins Spiel.

In Stücken wie „Stardust“ von Hoagy Carmichael, „Vom Wrack der guten Hoffnung“ oder Mambo präsentieren sich die ausgezeichneten Instrumentalisten als eingefleischte Jazzer mit kurvenreichen, modulierenden Improvisationen, die gerade auch Hopkins am Saxophon gekonnt ausspielt. rio

 

 

Der Patriot, 13.02.2018

„Hausmusik“ auf hohem Niveau

Prachtvolles Kammerkonzert des Parfenov-Duos in der Jakobikirche

LIPPSTADT So ungefähr könnte man sich heute das früher so beliebte Genre der „Hausmusik“ vorstellen, das dem allgemeinen akustischen Lärm hat weichen müssen. Das Kammerkonzert des Städtischen Musikvereins hat es wieder aufleben lassen.

Zwei begabte Musikanten stellen sich einem erwartungsvollen Publikum mit einem Programm, das nicht vorweg bekannt gemacht wurde. Man freut sich über die Klänge, die einem entfernt bekannt vorkommen, man lässt sich vom musikalischen Einfallsreichtum der Interpreten überraschen. So ungefähr war das auch beim Kammerkonzert in der Lippstädter Jakobikirche mit dem prachtvollen Duo Juliana Münch (Violine), und André Parfenov (Klavier), das die Hörer ebenso irritieren wie zu dem beliebten Musikrätseln ermuntern konnte.

Das begann schon mit dem Eingangswerk des „Vier Jahreszeiten in vier Jahrhunderten“ betitelten Programms. Ouvertüre und Rezitativ aus Joseph Haydens Oratorium „Die Jahreszeiten“, auf Violine und Klavier gebracht? Das war emotional erfülltes Musizieren, aber das Werkarrangement des Pianisten Andre Parfenov doch souverän über die Wiedererkennbarkeit des Werkausschnitts aus Joseph Haydns Oratorium hinausgetrieben.

Ähnlich erging es den beiden Nummern aus dem Klavierzyklus „Die Jahreszeiten“ von Peter Tschaikowski. Wer den Klavierzyklus kennt, konnte sich aber auch hier daran erfreuen, mit welchem Feinsinn und welcher musikalischen Ernsthaftigkeit der arrangierende Pianist zu Werke gegangen war. Antonio Vivaldis „Sommersturm“ aus dessen „Vier Jahreszeiten“ ließ sich die Geigerin Juliana Münch zur Demonstration ihrer glänzenden technischen und musikantischen Fähigkeiten natürlich nicht entgehen.

Die zweite Programmhälfte kehrte sich nun gar nicht um das Motto des Abends, und das tat ihr sehr gut. Hier störten keine etwas willkürlich gesetzten Lyrik- oder Prosatexte, hier wurde ebenso munter geplaudert wie hinreißend gejazzt. Da konnte ein Satz der 1. Sinfonie von Ludwig van Beethoven ebenso den Jazz-Auslöser anbieten wie beschwerliche Erfahrungen im häuslichen Umfeld.

André Parfenov ist ein höchst angeregter wie anregender Jazzer und Juliana Münch musste sich als charmante und interpretatorisch einfühlsame Geigerin dahinter nicht verstecken. Wenn es stimmt, dass sich eine Gehirnhälfte von klassischer Musik, die andere vom Jazz ansprechen lässt, dann waren die Hörer des Kammerkonzertes mit dem Parfenov-Duo in Hirngänze angesprochen, in ihrem Herzen sowieso. AK

Der Patriot, 30.01.2018

Das ganze Gefühlstableau

Neue Philharmonie Westfalen widmete sich „Romeo und Julia“

LIPPSTADT „Sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief.“ Hier ist einmal das Wasser der Hinderungsgrund für ein liebevolles Zusammenkommen. In der Literatur gibt es dafür eine Fülle verschiedener Begründungen. Das kann von der scharfäugigen Stiefmutter über soziale Abhängigkeiten, von erpresserischen Normen bis zu konfessioneller Verbissenheit reichen. Selbst Todesssehnsucht aus tiefer Liebe führt in alle denkbaren psychologischen Tiefenschichten.

Da ist es denn kaum verwunderlich, wenn solche Mächte sich in allen denkbaren Kunstformen niederschlagen. An erster Stelle wohl in der Musik, die die unterschiedlichsten Assoziationen beim Hörer freisetzt, ohne das ihm die Denk- oder Gefühlsrichtung vorgeschrieben würde. Nicht alles ist heute in vermeintlich aufgeklärter Zeit schon überholt, wenn vieles davon auch kaum noch sonderlich zu erschüttern vermag.

Eine Geschichte aber hat die Kunstwelt doch immer wieder tief getroffen, und das hat William Shakespeare mit seinem Drama „Romeo und Julia“ auf dem Gewissen. „Romeo und Julia“ hieß dann auch das Sinfoniekonzert der Neuen Philharmonie Westfalen im wieder sturmresistenten Lippstädter Stadtttheater, veranstaltet vom Städtischen Musikverein.

Und das Programm erstellte musikalisch die ganze Gefühlsbreite, die der Dramenstoff inhaltlich vorgibt. Die „Fantasie-Ouvertüre“ des emotional immer wieder zerrissenen Peter Iljitsch Tschaikowsky stand am Programmbeginn mit der empfindungstiefen, choralartigen Introduktion, die ihr Gegenbild in den erregten Synkopen der verfeindeten Adelsgeschlechter Veronas erfährt. Generalmusikdirektor Rasmus Baumann, Leiter der Neuen Philharmonie Westfalen bewies schon hier, was sein Dirigat den ganzen Abend bestimmen sollte: das sichere Einfühlungsvermögen in die stimmungshaft wie rhythmisch bestimmten Partiturelemente.

Das macht auch die ganze Stimmungsskala in Sergeij Prokofjews Suite aus, von der Gespreiztheit des ersten Satzes, über die Innigkeit von „Das Mädchen Julia“ bis schließlich hin zur aggressiven Wucht der Dissonanzen in „Tybalts Tod“. Rasmus Baumann konnte überzeugend das ganze Gefühlstableau ausbreiten, weil ihn das Orchester mit großer Klangdisziplin, hoher rhythmischer Präzision und Konzentration folgte.

So wurden auch die „Sinfonischen Tänze“ aus der „West Side Story von Leonard Bernstein“ zu einem mitreißenden Orchestervergnügen, souverän bis in die heikelsten rhythmischen Wendungen, nie aus der gelösten Körpersprache des Dirigenten entlassen. Überraschend für viele Hörer aber mag das Intermezzo aus „A Village Romeo und Julia“ von Frederik Delius gewesen sein, Komposition des ausgewanderten gebürtigen Bielefelders, emotionales Stimmungsstück im Programm, mit großer Sensibilität gespielt und so für den Komponisten einnehmend. Das Publikum war von dem facettenreichen Programm hochgestimmt. AK

Der Patriot, 16.01.2018

Werbung für kleine Werke

Das Meininger-Trio sorgte in der Jakobikirche für einen entspannten Jahresauftakt

Von Alfred Kornemann

LIPPSTADT Nun hat also auch der Lippstädter Musikverein dem neuen Jahr seinen musikalischen Anschub gegeben. Mit schöner atmosphärischer Entspannung trug das Meininger-Trio in der Jakobikirche dazu bei — drei Musikanten von nicht nur professioneller Einstellung, sondern mit musikantischer Hingabe: Christiane Meininger (Flöte), Milos Mlejnik (Violoncello) und Rainer Gepp (Klavier). Und wenn sie dabei mit Ausnahme des g-Moll-Trios op. 63 von Carl Maria von Weber weitgehend überschaubare einsätzige Kompositionen spielten, dann diente auch das dem entspannten Jahresauftakt.

Das Trio g-Moll war allerdings das gewichtigste der Werke des Programms. Es hat die weiteste Stimmungsbreite, vom Ländler im Scherzo bis zum schwungvollen Finale, hat aber ebenso das emotionale Moment des Trios mit dem Allegro-Eingangssatz und dem Andante espressivo über „Schäfers Klage“ eingebracht. Gerade die Erfüllung der jeweiligen Stimmungswerte war das überzeugende Kennzeichen des Meininger-Trios, das völlig unverkrampft auch auf die folgenden Werke des Programms übertragen wurde, die von sehr unterschiedlichen Ansprüchen waren.

Keine der Kompositionen, welcher Entstehungszeit auch immer, löste sich aus dem Einflussbereich der Romantik oder Spätromantik. Selbst die beiden Werke unseres Jahrhunderts von Elif Ebru Sakar und Blaz Pucihar waren nicht davon bestimmt, neue klangliche Vorstellungen zu verwirklichen.

Es spricht allerdings nichts dagegen, dass drei vorzügliche Interpreten — die klanglich überaus einfühlsame Flötistin Christiane Meininger, der jede kleinste Nuance mit seinem prachtvollen Instrument erfüllende Cellist Milos Mlejnik und der temperamentvoll-sensible Musikant Rainer Gepp (Klavier) — auch für die kompositorisch rückwärtsgerichteten Werke von Elif Ebru Sakar oder Blaz Pucihar mit gleichem Interpretationsernst eintreten wie etwa bei einer Debussy-Zugabe.

Die zwei klangvollen Werke von Amy Beach, die emotional erfüllte Romanze op. 23 für Violoncello und Klavier und „Dreaming“ für Klavier, das aus dem Schatten von Chopin kaum heraustritt, sie waren Beispiele für die höchst anerkennenswerte Ausgrabungsarbeit bezüglich relativ unbekannter Komponistinnen. So etwa Lili Boulanger mit ihrem stimmungsgesättigten „Nocturne“ oder Elena Kats-Chernin mit ihrem netten Rausschmeißer am Programmende.

Aber es gab auch noch männliche Programmbeiträge mit hübschen Klangfarben von Philippe Gaubert und Theodor Kirchner. Insgesamt also boten die sympathischen Interpreten einen feinsinnigen Jahresauftakt, den das Publikum entspannt und beifallfreudig aufnahm. Und da konnte sich auch die anwesende junge türkische Komponistin Elif Ebru Sakar einer solch aufgeschlossenen Atmosphäre gerne erfreuen.

 

Der Patriot, 02.01.2018

Mit Opernball ins neue Jahr

Silvesterkonzert füllt Lippstädter Stadttheater bis auf den letzten Platz

Opernsängerin Miriam Sharoni und die Mährische Philharmonie begeisterten im Silvesterkonzert. Foto: Brode

Lippstadt Musikalische Pralinen in den letzten Stunden des Jahres: Im traditionellen Silvesterkonzert des Städtischen Musikvereins ließen die Sinfoniker der Mährischen Philharmonie im ausverkauften Stadttheater die musikalischen Sektkorken knallen. Im Gegensatz zu vergangenen Konzerten führte Dirigent Hermann Breuer diesmal nicht selbst durchs Programm. Diese Aufgabe übernahm in humorvoller Form Gastmoderator Andreas Beutner.

Die sympathischen Gäste aus dem tschechischen Olomouc (Ölmitz) eröffneten ihren bunten Melodien-
strauß mit Giuseppe Verdis Ouverture zur Oper „Sizilianische Vesper“. Ähnlich wie bei der nachfolgenden Ouverture zu Gioacchinos Rossinis Oper „Semiramis“ überwogen hier die leisen Töne, angefangen von hauchdünnen Pianissimo über eindrucksvolle Crescendi bis hin zu schmissigen Forte-Passagen. Bei Pietro Mascagnis sinfonischem Intermezzo aus der Oper „Cavalleria rusticana“ hatten die Bläser Pause, als das Streichensemble dem melodiösen Thema, das als Vorlage für manche Filmmusik diente, mit homogenen Streicheridyllen einen sentimental-meditativen Stempel verpasste. Flotter Rhythmus mit dem Cantus Firmus der Trompete lag dagegen der Tarantella „La Danza“ von Rossini zugrunde, von Dirigent Hermann Breuer in einer eigenen Orchesterfassung neu arrangiert.

Das Motto des Silvesterkonzertes „Opernball“ wurde nach der Pause mit der Ouverture zur gleichnamigen Operette von Richard Heuberger zitiert: Hier gefielen besonders die verarbeiteten Walzerrhythmen. Mit perlenden Läufen der Geigen ging es im Dreiviertel-Takt weiter mit den Ballszenen von Josef Hellmesberger. Naturgemäß gehörte auch mitreißende Walzerseligkeit von Johann Strauß (Sohn) zum Programm, hier in Form der „Rosen aus dem Süden“.

Auch fröhlicher Polka-Rhythmus wurde vom Orchester intoniert, das mit der „Tritsch-Tratsch-Polka“ von Johann Strauß den sinfonischen Teil beendete. Vokale Glanzlichter setzte die schwedisch-israelische Opernsängerin Miriam Sharoni mit ihrer angenehm resonierenden Sopranstimme. Herausragend nahm sich der Bolero in der Arie der Herzogin Elena „Mercé, dilette amiche“ in Giuseppe Verdis Oper „Sizilianische Vesper“ aus, während die Arie „Casta Diva“ aus der Oper „Norma“ von Vincenzo Bellini mit Koloraturen und Solokadenzen eher innig erklang.

Auch im Operettenfach ist Sharoni „zu Hause“, wie die Arien „Ich schenk mein Herz“ aus „Die Dubarry“ (Carl Millöcker) und „Heia, in den Bergen“ aus Emmerich Kálmáns „Csárdásfürstin“ bewiesen. „Du sollst der Kaiser meiner Seele sein“– mit diesem Robert Stolz-Song verabschiedete sie sich von ihrem Publikum. Mit dem unverwüstlichen „Radetzkymarsch“ von Johann Strauß (Vater) entließ das Orchester dann sein Publikum frohgelaunt in die Silvesternacht. LB

 

Der Patriot, 18.12.2017

Meisterhaft und ausgefeilt

Pianist Alexander Melnikov brilliert in Konzert des Lippstädter Musikvereins

Lippstadt Ein Kammerkonzert kann für den Veranstalter wahrlich nervenzerrend sein. Kann der erwartete Künstler überhaupt kommen, wo allerorten Flüge kurzzeitig gecancelt wurden? Ein Ersatzflug glückte. Der Veranstalter holt den Gast an einem anderen Flughafen ab. Doch er muss auf der Rückfahrt noch eine Autobahnvollsperrung weiträumig umfahren.

Das war nötig, um einen wunderbaren Klavierabend des Lippstädter Musikvereins mit dem vielgelobten Pianisten Alexander Melnikov in der Jakobikirche möglich zu machen. Dem jedenfalls war nichts anzumerken von der beschwerlichen Anreise. Mit großer Konzentration stellte er zu Beginn das Hauptthema der „Zwölf sinfonischen Etüden in Variationsform“ op. 13 von Robert Schumann vor, mit dem sich der Komponist in seinen Variationen auf je sehr spezifische Weise einlässt. Er geht nicht nur hier seine kompositorisch eigenen Wege, die ihm oft das Unverständnis seiner Kollegen oder gar seiner Frau Clara bescherten.

Was er in den „Sinfonischen Etüden“ dem recht einfachen Thema seines Beinaheschwiegervaters Baron von Fricken abgewinnt, zeigt völlig ungewöhnliche kompositorische Spuren. Und gerade diesen geht Alexander Melnikov mit großer Intensität und Feingespür für die Vielgesichtigkeit und das weitgespannte Farbspektrum nach.

Das zweite Werk des Programms, die „Sieben Phantasien op. 116“ von Johannes Brahms, scheinen wie eine Fortsetzung der „Sinfonischen Etüden“ des Freundes Robert Schumann. Sie sind von gleicher Leidenschaftlichkeit, kraftvoll und von emotionaler Tiefe. Alexander Melnikov spielte sie mit energiegeladener Intensität, ohne Effekthascherei immer aus der Musik selbst schöpfend mit höchster Anschlagskultur. So gelingen ihm die unterschiedlichsten Stimmungswerte der aufbegehrenden Capricci ebenso eindrucksvoll, wie die klingenden Gefühlswelten der Intermezzi. Auf diese Weise entsteht der Einblick in die geschlossene formale Anlage der Komposition von Johannes Brahms.

Größte Begeisterung (und Erschöpfung) des Publikums aber erspielte der begnadete Pianist mit der Auswahl von zwölf „Präludien und Fugen“ von Dmitrij Schostakowitsch. Vorbild dazu ist (auch biographisch belegt) das „Wohltemparierte Klavier“ von Johann Sebastian Bach und ist doch von einer hochkünstlerischen Selbständigkeit. So ist ein Werk entstanden, dessen innere Spannungsbreite, Vielfarbigkeit und emotionale Tiefe Alexander Melnikov mit ebensolchem hinreißenden Engagement wie einer bei dieser Komposition notwendigen künstlerischen Distanz spielte.

Auf dieser Höhe völlig unaufgesetzter technischer Brillanz und musikalischer Durchdringung des kompositorischen Geflechts spielen heute wenige Interpreten seiner Generation – ich kenne nur Bernd Glemser. Es ist lohnend, sich mit dem Komponisten Dmitrij Schostakowitsch und seinem Umfeld bei der Entstehung seiner „Präludien und Fugen“ zu befassen, wozu ich den jüngst erschienenen Roman „Der Lärm der Zeit“vonJulian Barnes empfehlen kann. Und danach noch einmal die CD des live noch hinreißenderen Alexander Melnikov. Die Zuhörer in der Jakobikirche schienen sich jedenfalls bewusst zu sein, ein musikalisches Ereignis erlebt zu haben. AK

Der Patriot, 05.12.2017

Klug und mitreißend

Publikum feiert Nordwestdeutsche Philharmonie im Lippstädter Stadttheater
Von Alfred Kornemann
LIPPSTADT Pompös-zeremoniell begann das Konzert mit Johann Sebastian Bachs Orchestersuite Nr. 3, mit Trompeten und Paukengruppe gegen die Holzbläser und Streicherklanggruppe. Und festlich-auftrumpfend endete das Programm der Nordwestdeutschen Philharmonie beim Konzert des Lippstädter Musikvereins mit Felix Mendelssohn Bartholdys sogenannter „Reformationssinfonie“ Nr. 5.
Das war eine klug gebaute Werkauswahl, bedenkt man die kompositorischen Innenbezüge. Aber was ist ein kluges Programm ohne die angemessene künstlerische Ausführung? Die Nordwestdeutsche Philharmonie gehört sicherlich in weitem Umkreis zu den führenden Orchestern, und es unterstrich seinen guten Ruf durch ein meisterliches Konzert im Lippstädter Stadttheater, bei dem die klangliche Disziplin und Nuancierung, die rhythmische Präzision und dynamische Flexibilität zu einem orchestralen Glanzpunkt der Saison führte.
Fesselndes Dirigat von Simon Gaudenz
In kammermusikalischer Besetzung begann es mit der 3. Orchestersuite von Bach, heute schon üblich, nachdem sich in einem halben Jahrhundert die historische Aufführungspraxis durchgesetzt hat. Welcher Gewinn daraus zu ziehen ist, bewies bravourös der musikalische Leiter des Abends, Simon Gaudenz. Sein Dirigat ist so fesselnd, dass sich dem die Zuhörer ebenso wenig entziehen konnten wie die hochkonzentrierten Instrumentalisten.
Dynamische Ausdeutung bis in die feinsten Wendungen (etwa im Binnensatz der Gavotte mit ihren dynamischen Gegensätzen), völlige Ruhe und Besinnlichkeit des bekannten Air (vielleicht ein wenig zu genüsslich), heiter die beiden Schlusssätze — Simon Gaudenz forderte von sich und dem auf Klangdurchsichtigkeit angelegten Orchester höchste Intensität bei der Ausdeutung der jeweiligen Stimmungswerte.
In der anspruchsvollen Solo-Kantate „Jauchzet Gott in allen Landen“ von Bach konnte die Sopranistin Christina Rümann nicht in gleicher Weise überzeugen wie die bravouröse Anne Heinemann (Trompete). Sie sang technisch gekonnt, in der Mittellage etwas kontrastarm, insgesamt aber leicht distanziert.
Wie anders war es dann aber in der dramatischen Konzertarie „Infelice“ von Felix Mendelssohn Bartholdy. Da gelang ihr stimmlich die große Personen- und Stimmungszeichnung, prachtvolle Nuancierungsbreite. Hier im Opernfach, da ist sie zu Hause.
Am Programmende dann Felix Mendelssohn Bartholdys Kummerkind. Zwar in der Berliner Singakademie uraufgeführt, aber von ihm nie zur Drucklegung freigegeben. Das Werk des 23-Jährigen wurde erst posthum veröffentlicht.
Hätte er eine Aufführungsintensität wie die unter Simon Gaudenz miterlebt, hätte er wahrscheinlich nicht die Sorge geäußert, er dürfe eine solche Jugendarbeit nicht aus dem Gefängnis seines Notenschranks entwischen lassen. Die Reformationssinfonie wurde gottlob wieder eingefangen, und das nicht nur für den Martin-Luther-Gedächtnisrausch des vergehenden Jahres.
Klangliche Wucht ohne Klangqualm
Gaudenz gestattete seiner Interpretation dieser Sinfonie klangliche Wucht, aber keinen Klangqualm, machte sie durchsichtig, als wäre historische Aufführungspraxis mitgedacht, differenzierte, als wäre alles an Gesang orientiert. Das Publikum feierte ihn gebührend.

Der Patriot, 21.11.2017

Bildkräftiger Klang

Musikverein gelingt packende „Paulus“-Aufführung

von Alfred Kornemann

LIPPSTADT

Im Dramatischen packend, dann wieder in textbestimmter Zurückhaltung höchst sensibel: Bassist Markus Krause. Fotos: Tuschen

Er ist das unvergleichliche Wunderkind der Musikgeschichte, Felix Mendelssohn Bartholdy. Sicherlich ist es dasjenige, welches den weitesten Horizont in die unterschiedlichsten Künste gewonnen hat. Ihm wurde von den Eltern, nachdem seine unfassliche Begabung erkannt war, jeder Raum zu geistiger Entwicklung eröffnet, so konnte er seine Fähigkeiten weitgehend unbelastet ausbreiten. Wie anders war es denkbar, dass bereits der 19-Jährige sämtliche Sinfonien Ludwig van Beethovens auswendig auf dem Klavier spielen oder sich mit seinem Oktett op. 20 erst 16-jährig als einer der großen Komponisten Europas beweisen konnte. Dass der in seinen jungen Jahren heftig ausgenutzte Wolfgang Amadeus Mozart eine ähnlich wundersame Entwicklung nehmen konnte, bleibt ein weiteres Geheimnis der Musikgeschichte. Felix Mendelssohn Bartholdy war darüber hinaus auch für das Erstarken des Musiklebens nicht nur in Deutschland von Bedeutung. England fühlte er sich nicht nur durch seine Studienzeit sehr verbunden. Eine „Pioniertat“ seiner frühen Jahre in Berlin war die Vorbereitung und erstmalige Aufführung von Johann Sebastian Bachs „Matthäuspassion“, die er allerdings für das Publikum mit einigen Eingriffen versehen musste. Seine tiefe Verbindung zu Johann Sebastian Bach fand dann in seinen beiden Oratorien „Paulus“ und „Elias“ durchaus einen Niederschlag. Dramaturgisch aber auch musikalisch konnte das sein, wie in der Aufführung des „Paulus“ durch den Lippstädter Musikverein deutlich wurde. Burkhard A. Schmitt traf mit dem Konzertchor Lippstadt die Atmosphäre der Komposition, dieses Changieren zwischen dramatischen und lyrischen Momenten überzeugend, hatte mit dem Chor einen elastischen, bildkräftigen Klang vorbereitet, der mühelos, intonationssicher, im Lyrischen klanglich einheitlich und im Dramatischen sicher zupackend war. Eine besondere Erwartung an einen Choralklang auf dem schmalen Grad zwischen Gemeindegesang und kunstvollem Konzertgesang wurden dabei erfreulich erfüllt: Insgesamt eine hochanerkennenswerte Leistung des konzentriert agierenden Chorleiters und des Chors. Dass eine durch klangliche Sensibilität gekennzeichnete Aufführung zustande kam, lag auch an den einfühlsamen Beiträgen des Solistenquartetts: Marietta Zumbült, obwohl leicht angeraut, hat einen ebenso klangsicheren wie lebensvollen Sopran. Sandra Schares waren in der vom Komponisten vernachlässigten Altpartie nur wenige charaktervolle Töne anzubieten. Hinzu kamen Marcus Ullmann mit schlankem, beweglichem Tenor, und Markus Krause (Bass), der seine große Stimme im Dramatischen packend, in textbestimmter Zurückhaltung höchst sensibel einsetzte. Als Chorsolisten konnten Klaus Stuckenschneider und Hans-Bernhard Bröker rollendeckend eingesetzt werden. Das Orchester der Bergischen Symphoniker, am Beginn klanglich etwas spröde und unelastisch, gewann im Verlauf immer mehr an souveräner Intensität, hatte prachtvolle Solo-Instrumentalisten und trug damit wirkungsvoll zu einer beeindruckenden Aufführung eines anspruchsvollen Oratoriums bei.

Marietta Zumbült überzeugte mit einem ebenso klangsicheren wie lebensvollen Sopran.

Die Aufführung des Konzertchores Lippstadt changierte gekonnt zwischen dramatischen und lyrischen Momenten. Den Instrumentalpart übernahmen wirkungsvoll die Bergischen Symphoniker.

 

 

 

 

 

 

Der Patriot, 07. November 2017

Techno-Klänge in Klassiksphären

Die Formation Spark begeistert mit ihrem eigenwilligen Sound

Von Dagmar Meschede

Lustvoll, leidenschaftlich und immer punktgenau: Die Band Spark beeindruckte die Zuhörer bei ihrem Gastspiel auf der Lippstädter Studiobühne.
Foto: Meschede

Lippstadt   Zum Schluss heißt’s „On the Dancefloor“. Da zeigt die Formation Spark, dass sie selbstverständlich auch den Techno-Sound klassisch mit Flöten, Cello, Geige und Konzertflügel aufbereiten kann. Die fünf Musiker drehen voll auf. Das Spiel lädt sich emotional auf. Und es wummert ordentlich auf der Studiobühne des Stadttheaters. Da wähnt man sich schon in einem der angesagten Berliner Szenepartyschuppen aus den 1990er Jahren. Man spürt, dass die Musiker ihren Spaß haben. Sie treiben ihr Spiel auf die Spitze. Ein wahrlich großer Rausch ist dieser Ausflug in die Techno-Welt, so wie auch das Konzert ein einziger endloser Rausch ist. „Yesterday once more“ lautet das Motto des vom Musikverein und dem Jazzclub initiierten Gastspiels der „klassischen Band“ Spark, die aus den Musikern Daniel Koschitzki (Flöte), Andrea Ritter (Flöte), Stefan Balzsovics (Violine, Viola), Victor Plumettaz (Violoncello) und Arseni Sadykov (Klaiver) besteht. Dabei ist der Titel Programm. So schöpft die im Jahr 2011 mit dem „Echo Klassik“-Preis ausgezeichnete Formation aus einem reichen Repertoire, blickt aber auch weit über den Tellerrand der klassischen Musik hinaus. Uraufführung auf der Studiobühne Mitunter bedeutet das eine Uraufführung. In diesem Fall ist es das Stück „Oceans Message“, das der Pianist der Band, Arseni Sadykov, komponiert hat. Die Komposition hat den typischen Spark-Sound — ein bisschen Folk, ein bisschen Klassik, aber auch etwas Modernes zwischen New Age, Rock-Pop und Minimal Music. Im Tempo ist das Spiel der Musiker schnell und kraftvoll, gleichwohl lässt es Platz für romantisch zarte Momente. Alles klingt sehr sinnlich. Schließlich kommt Salykovs Komposition als ein sich ins Unendliche erstreckendes Wabern daher, das an die Bewegungen der Wellen erinnert. Mitten im Stück meint man gar Möwenschreie zu hören. Überhaupt steckt in den musikalischen Auslegungen von Spark viel Experimentierfreude. Eine Blockflöte ist nicht bloß eine Blockflöte: Immerhin stehen knapp 20 solcher Instrumente auf der Bühne, und sie werden alle im Laufe des Konzerts eingesetzt. Auch Cello und Violine sind nicht einfach die gewohnt klassischen Streichinstrumente, sondern Balzsovics und Plumettaz zweckentfremden sie als gitarren-, ukuelen- oder mandolinengleiches Zupfinstrumente. Als ganz unkonventionell entpuppen sich entsprechend auch die Interpretationen. Dabei ist keine Stimme nur Begleitung. Flöten, Violine, Cello und Klavier — gleichwertig stehen die einzelnen Instrumente nebeneinander und behaupten sich. Das verleiht dem Spiel des Quintetts seine Spannung. Was in einem großen Tohuwabohu enden könnte, fügt sich bei Spark zu einer geordneten Harmonie mit einem eingängig frischen und leidenschaftlichen Spiel. Selbst wenn man meint, dass da auf der Bühne nur noch reine Ekstase ist, greift ein Rädchen ins andere. Gepimpte Orgelpfeifen Und die Band überrascht ihr Publikum mit ungewohnten Instrumenten wie beispielsweise dem mannshohen Pätzold-Bässen — das sind gepimpte Orgelpfeifen —, die an eine überdimensionale frühneuzeitliche Flöten-Robotermaschine erinnern. Wer von diesem Instrument wuchtige Töne erwartet, irrt. Denn es sind dunkel gefärbte, tuckernde Töne, mit denen der Flötist Koschitzki Michael Nymans Komposition „Jack“ einen ganz eigenen groovenden Sound verleiht. Damit aber nicht genug. Wenig später setzen Ritter und Koschitzki beim selben Stück ihr Spiel mit zwei Flöten im Mund fort. Sie lassen es neben den Streichern Balzsovics und Plumettaz sowie dem Pianisten Sadykov ordentlich rocken. Aber auch Klassiker wie Vivaldis „G-Moll-Konzert“ bleiben bei Spark faszinierend – jenseits abgedroschener Interpretationspfade. Und so jagen die Musiker gleichermaßen lustvoll wie spielerisch durch die Takte. Das bereitet außerordentliches Vergnügen – nicht nur für die Musiker, sondern auch für das Publikum.

Der Patriot, 07. Juli 2017

Bewährte Kräfte

Musikverein bestätigt Vorsitzenden Dr. Peter Knop im Amt

Dr. Peter Knop (r.) ehrte die Jubilare Franz Ulrich Lücke, Eugenie Friesenhausen, Ulrike Kaiser, Christiane Schäfer (v.l.)

LIPPSTADT  Dr. Peter Knop ist von den Mitglieder des Städtischen Musikvereins Lippstadt als Vorsitzender bestätigt worden. Ebenso bestätigten sie den zweiten stellvertretende Vorsitzende Friedhelm Arnoldt sowie Schatzmeister Winfried Verhoff in ihren Ämtern. Neu im Vorstand ist Beate Mainka, die als stellvertretende Vorsitzende Miriam Steinbüchel ablöst. In der Position der Schriftführerin folgt Nicola Gerold auf Maria Hobbie. Als weitere Mitglieder des Gesamtvorstands wurden Wilhelm Börskens, Heiko Held, Franz-Ulrich Lücke, Isabell Markgraf-Seubert, Christian Schwade, Dr. Olav Freund und Wolfgang Streblow wiedergewählt. Der künstlerische Leiter Burkhard A. Schmitt blickte im Rahmen der Mitgliederversammlung nicht nur auf die Höhepunkte der Konzertsaison 2016/2017 zurück, sondern widmete sich auch den kommenden musikalischen Projekten. Als nächstes eigenes Chor- und Orchesterkonzert steht Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Paulus“ an, das der Konzertchor des Musikvereins am Samstag , 18. November, im Stadttheater aufführt. Der Vorsitzende Peter Knop ehrte vier Jubilare. Eugenie Friesenhausen und Ulrike Kaiser zeichnete er jeweils für 25-jährige Mitgliedschaft, Franz Ulrich Lücke und Christiane Schäfer für zehnjährige Mitgliedschaft aus.

Der Patriot, 24. Juni 2017

„Luther“ als musikalisches Abenteuer

Stephan Graf von Bothmer begeistert mit Stummfilmkonzert

Das Spiel mit verbundenen Augen beherrscht Stephan Graf von Bothmer aus dem Effeff. Foto: Meschede

Lippstadt  Nun gut, dieser Gag muss sein. Bevor Stephan Graf von Bothmer am Konzertflügel den Stummfilm „Luther“ begleitet, gibt’s auf der Studiobühne ein Vorspiel mit Zeichentrick-Werbefilm, Trailern und einem autonomen Stück, sprich: einer solistischen Musikeinlage. Dazu spielt Bothmer mit verbundenen Augen Sergei Rachmaninows „Präludium Nr. 5“. So viel zunächst einmal zur Einstimmung zu diesem vom Städtischen Musikverein Lippstadt initiierten Stummfilmkonzert. Klar ist nach dieser unterhaltsamen Einlage: Bothmer beherrscht alles aus dem Effeff. Das ist gut so, denn beim anschließenden Hauptfilm „Luther“ ist äußerste Konzentration gefordert. 111 Minuten und zwölf Sekunden dauert der 1927 entstandene Stummfilm, von dem es seit kurzem eine restaurierte Fassung gibt. Gezeigt wird alles an einem fortlaufenden Stück ohne Pause. Damit tourt der Komponist und Pianist durchs Land. Man könnte deshalb meinen, dass Bothmer alles routiniert spielt, aber keine Minute dieses Konzerts hinterlässt solch einen Eindruck. Das Gegenteil ist der Fall: Ungemein präsent, lebendig und auf den Punkt gebracht untermalt Bothmer mit seinem Klavierspiel den Film, der entscheidende Lebensstationen Luthers expressiv, allerdings auch plakativ nachzeichnet. Gewittererlebnis, Pilgerreise nach Rom, die 95 Thesen, Luthers Auftritt vor Kaiser Karl V. in Worms und natürlich die Bibelübersetzung sind im Film angerissene Themen. Geradezu klassisch verhält sich dazu Bothmers Komposition. Streng-steif wird’s nie. Dazu geben sich seine Interpretationen zu lustvoll-spielerisch. Wie Kommentare zu den einzelnen Filmszenen lesen sie sich und unterstreichen Eigenheiten der Charaktere. So erscheint Luther – im Film von Eugen Klöpfer verkörpert – reichlich verklärt als strahlender, deutscher Held und Revolutionär. Bothmer kennzeichnet dies musikalisch überspitzt mit heroisch-erhabenen Akkorden. Aber Klöpfers Luther kann auch nachdenklich sein. Für diesen Charakterzug Luthers findet Bothmer ruhige, melancholische Moll-Klänge. Natürlich wird’s mitunter auch dramatisch – etwa wenn man das Volk in Aufruhr gegen die Mächtigen sieht und sie Heiligenstatuen und Kirchenschätze niederreißen. Dann macht sich ein geradezu raumgreifendes, dramatisches Wabern breit. Der „Luther“-Stummfilm fordert Bothmer und dem Publikum viel ab. Fulminant meistert der 46-jährige Komponist und Pianist diese Herausforderung. Doch auch vom Publikum wird viel gefordert. Hin- und hergerissen ist es zwischen der Musik und dem Film. Wem soll man mehr Aufmerksamkeit schenken? Schließlich beeindruckt Beides, aber es plättet nun einmal auch. Bei einem zweieinhalbstündigen Non-Stop-Stummfilmkonzert kommt man an seine Grenzen. Nichtsdestotrotz lohnt sich dieses Abenteuer. mes

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