Presseartikel 2019/2020

Der Patriot, 09.11.2019

Symbiose aus Freigeist und Schöngeist

Am Nachmittag trug sich Giovanni Falzone, hier mit dem stellvertretenden Bürgermeister Franz Gausemeier, in das Goldene Buch der Stadt Lippstadt ein.

Es sei ein Zufall seines Lebens gewesen, dass er in Lippstadt geboren wurde, sagt Giovanni Falzone. Nur fünf Monate hat der italienische Trompeter in seiner Geburtsstadt verbracht. Dass der diesjährige „Featured Artist“ des „Jazzporträts“ im Rahmen des Festivals „Take Five – Jazz am Hellweg“ am Donnerstag in der Jakobikirche zu Gast war, ist Initiator Uli Bär zu verdanken. Es erfülle ihn umso mehr, hier spielen zu dürfen, betont Falzone, der mit einem Konzert der besonderen Art aufwartet.

Von Marion Heier

Lippstadt – Immer wieder hält er sich die Hand aufs Herz, lacht, spielt mit der Trompete, schaut nach oben. Ganz beseelt ist Giovanni Falzone von der Musik, seiner Musik, und dem Spiel der Kollegen. Immerhin ist das nicht ganz so einfach, schließlich spielt das Ensemble in der Besetzung so zum ersten Mal. Mit der gebürtigen Lippstädterin und Kontrabassistin Caris Hermes, dem Saxophonisten Matthias Nadolny, dem Pianisten Tobias Weindorf und dem Schlagzeuger Niklas Walter haben sich dort zum Teil junge Jazzer zusammengefunden, die mit Falzone eine hochkarätiges Konzert zaubern, das vor allem von seinen Kontrasten lebt. Sowohl der eigenwillige Sound Falzones als auch der „klassische“ Jazz finden sich darin.

Dass es bei dem vom Jazzclub und dem Musikverein gemeinsam präsentierten Konzert keine Pause gibt, ist wohl auch dem Fakt geschuldet, dass man sich in so einen Falzone hineinhören muss. Gerade seine Eigenkompositionen klingen bisweilen sehr „free“ und sind nicht immer einfach zu „verstehen“.

Übersetzt sind es „Der Baum, der fiel“ und „Haare aus Silber“, mit denen der Künstler Bezug auf seine Lieblingsorte nimmt, an denen er musizieret und malt. Sie sind stark beseelt vom improvisatorischen Geist und fordern jeden einzelnen Musiker auf, sich auf fragilem Fundament vollkommen autark – fast schon mit dadaistischem Anklang – zu bewegen.

Giovanni Falzone und Caris Hermes stammen beide aus Lippstadt.
Foto: Heier

Das lässt viel Raum. Der Trompeter ist voll drin in seiner Improvisation, kreist mit der Trompete, macht halbe Kniebeugen, erleichtert sich mit einem Zwischenruf. Seine Improvisation ist eher brüchig, fragmentarisch. Sie orientiert sich im Gegensatz zu den doch eher harmoniebedürftigen Pianisten und Saxophonisten nicht am gewohnt Klangschönen, sondern setzt eigenwillige Akzente.

Falzone rüttelt wach, löst sich von Altbekanntem, experimentiert, eröffnet neue Klanghorizonte. Und doch finden die Musiker immer wieder zueinander, bündeln sie sich im Thema. Inspiriert von Sax-Ikone Caleb Wheeler wird es moderater. Der Rhythmus swingt, die Melodie gleitet. Caris Hermes walkt entlang ihres Bass-Steges, Walter rollt entlang seiner Drums. Wie zärtlich und in schönster, romantischer Jazz-Attitüde erklingt da die Ballade „Azure“ von Duke Ellington. Alle lauschen – auch die Musiker – in sich hinein.

Das ist auch bei der Zugabe „Round Midnight“ von Thelonious Monk so. Ob Falzones „Hypnotic Waltz“, den er für ein Theaterstück geschrieben hat oder „Evidence“ von Monk: Hier wird die pure Lust an der Improvisation spürbar. Das Ensemble kreiert an diesem Abend eine gelungene Symbiose aus Freigeist und Schöngeist. In jedem Fall ganz wunderbar inspirierend.

Für Giovanni Falzone, der sich am Nachmittag noch ins Goldene Buch der Stadt eingetragen hat, ist der Abend noch nicht zu Ende: Seine lang nicht gesehene Verwandtschaft wartet.

Der Patriot, 15.10.2019

Meisterhaftes Busch-Trio

Man wird eine solche Reaktion auf ein Kammerkonzert in der Jakobikirche Lippstadt nicht oft erleben – wie bei dem Konzert des Busch-Trios nach der Zugabe eines Satzes aus Franz Schuberts Op. 99.

Von Alfred Kornemann

Lippstadt – Hier herrschte fast atemlose Spannung, die sich nur zögerlich, danach aber stürmisch in begeisterten Beifall auflöste. Das Busch-Trio – benannt nach dem legendären Geiger Adolf Busch, der in Siegen geboren, jahrelang in der Schweiz gelebt und schließlich in den USA gestorben ist – setzt sich zusammen aus dem hochbegabten Trio Mathieu van Bellen (Violine), Ori Epstein (Violoncello) und Omri Epstein (Klavier). Gekommen war das Trio im Rahmen der Kammermusikreihe – veranstaltet vom städtischen Musikverein Lippstadt.

Das Trio hatte im Verlauf eines Programms mit durchaus nicht ungewöhnlicher Werkauswahl, aber mit kluger, auf inneren Zusammenhang bedachter Beziehung, eine solche Durchlichtung vorgestellt, die schon bald den Atem stocken ließ. Es waren die drei Künstler, die den drei Werken des Programms ihren deutlichen Übergangsprozess überzeugend zuwiesen. Am Beginn Joseph Haydns in England entstandenes Klaviertrio in A-Dur: Ein Beispiel für seine Aufnahmefähigkeit gegenüber Entwicklungen, die von außerhalb kommend sein Werk bestimmen konnten. Das klang dann manchmal so anmutig, dass ihm manche Kollegen die Leichtigkeit seines Schaffensprozesses vorwarfen. Sie konnten aber schon die Tonartenstruktur eines Werkes wie das Trio in A-Dur übersehen haben, die das Busch-Trio meisterhaft herausziselierte.

Feinfühligste Nuancen

Danach – als Übergang zum großdimensionierten Werk von Franz Schubert – das nicht minder anspruchsvolle Erzherzogtrio B-Dur Op 97 von Ludwig van Beethoven. Eingeleitet vom 8-taktigen Klavierthema, von der Violine aufgenommen, zu rhythmischer Lebendigkeit überführt, wurde es zuletzt in eine Reihe schwungvoller Farbgegensätze gebracht. Ausgelöst wird das immer von fast rauschhaftem Beitrag des Klaviers – so wird das in den Sätzen angelegte Gedankengut einbezogen. Welche Souveränität die Ausführenden hier bewiesen, welche Nobless im Zusammenspiel, welche Sensibilität im agogischen Miteinander, das verdient höchste Anerkennung. Das für die Entwicklung des Klaviertrios wichtige Werk war zweifellos der Beitrag von Ludwig van Beethoven – selbst wenn sein letztes Werk zur Gebrauchsmusik mutierte.

Schließlich im zweiten Programmteil das herzbewegende, die Melancholie kaum überwindende und doch bei aller Leidenschaftlichkeit von abgeklärter Grundierung bestimmte Trio Es-Dur op. 100. Wie das Busch-Trio diesem Werk bis in die feinfühligsten Nuancen nachging, wie die ganze Skala dynamisch sich erfüllte, das war in jedem Moment bis ins letzte ausgelotet. Kein Wort des Lobes kann für das Busch-Trio an diesem emotional erfüllenden Abend ausreichen. Da reichten nicht einmal Standing Ovations.

Der Patriot, 17.09.2019

Ein Erlebnis mit einem lyrischen Tenor

von Alfred Kornemann

Lippstadt – Natürlich war es nur ein kleiner Ausschnitt im Programm des Liederabends mit dem Werk von Clara Wieck – aber zwischen Liedern des unvergleichlichen Komponisten Franz Schubert und der epochalen „Dichterliebe“ ihres Mannes Robert nach Texten von Heinrich Heine kann sich gerade die Bescheidenheit von Clara Schumanns Werkfolge angemessen auszeichnen. Schließlich war es die zu ihrem 200. Geburtstag in aller Welt gefeierte bewundernswerte Pianistin, weniger eine Komponistin von Rang, womit sie ihren Mann Robert durchaus im Bewusstsein der Zeit verdrängte. Der konnte schon mal danach gefragt werden: „Machen Sie auch etwas mit Musik?“ Der hatte immerhin mit der „Dichterliebe“ den bedeutendsten Liederzyklus der Romantik geschrieben und konnte ihn neidlos neben die Zyklen von Franz Schubert stellen.

Ein Sänger, ein Pianist

So wurde Clara Schumann als Pianistin angemessen in dem Jubiläumskonzert des Lippstädter Musikvereins mit ihrem eigentlichen Metier herausgestellt. Das Erlebnis des Abends aber, in jeder Weise erinnerungswürdig, waren die Interpretationen der beiden Künstler Ilker Arcayürek (Tenor) umd Daniel Heide (Klavier).

Arcayürek ist ein Sänger von geschmeidiger Ausgeglichenheit, klanglicher Bruchlosigkeit und Souveränität in allen einem lyrischen Tenor abverlangten Lagen. Sein Timbre lässt jede klangliche Variation zu bis zu dem von selbstverständlichem Textbezug und einleuchtender Textausdeutung. Es galt, einen lyrischen Tenor zu bewundern, dessen Texterfassung bei Franz Schuberts weitem Anspruch ebenso überzeugte wie in der etwas melancholischen „Dichterliebe“ von Robert Schumann.

Vollkommen aber wurde der künstlerische Eindruck durch den Pianisten Daniel Heider. Was ihm als Impulsgeber, als Erfüllung gerade in den Nachspielen von Robert Schumann ebenso gelang wie in den breiter gefächerten Liedern von Franz Schubert, das verdiente große Anerkennung. Von tiefer Empfindung die beiden Zugaben von Franz Schuberts „Nacht und Träume“ und „Wanderers Nachtlied“ – tief beeindruckend.

 

Der Patriot, 31.08.2019

„Das erzeugt besondere Emotionen“

Moment mal, das gab es doch gerade erst! Genau, Karl Jenkins’ musikalische Messe „The Armed Man: A Mass for Peace“ hatte der Städtische Musikverein Lippstadt erst im April 2017 mit großem Erfolg aufgeführt. Warum sich das opulente Werk jetzt wieder im Programm befindet und was der Konzertchor Lippstadt in der Saison 2019/2020 außerdem vorhat, erklärt der Städtische Musikdirektor Burkhard A. Schmitt im Gespräch mit dem Patriot.

Von Andreas Balzer

Burkhard A. Schmitt

Lippstadt – Der Impuls zur Wiederaufführung des Jenkins-Werkes kam zumindest indirekt aus der niederländischen Partnerstadt Uden. Der Koor Karakter habe bezüglich eines gemeinsamen Konzerts in Lippstadt angefragt, berichtet Burkhard Schmitt. „Da war aber das Programm noch völlig offen.“ Die bereits vom Musikverein für die Spielzeit geplanten großen Chorkonzerte hätten sich jedoch für eine Kooperation nicht so gut geeignet, „weil das von der Vorbereitungszeit für den Chor nicht möglich gewesen wäre, sich da einzuklinken“. Und da als Termin der April 2020 ins Auge gefasst wurde, kam schnell die Idee auf, etwas zum Ende des Zweiten Weltkriegs zu machen, das sich im nächsten Jahr zum 75. Mal jährt. „Und da hieß es im Vorstand sofort: Da wäre der Jenkins noch mal was, vielleicht haben die Udener den drauf“, sagt Schmitt.

Und tatsächlich, der Udener Chorleiter Alex Wiersma hatte „The Armed Man“ auch schon mal aufgeführt, und zumindest einige Sänger seines Koor Karakter waren daran beteiligt gewesen. Beste Voraussetzungen also für das Kooperationsprojekt. „Sofort war die gemeinsame Idee geboren, mit großer Begeisterung“, sagt Schmitt. „Es soll nicht einfach nur ein Gedenkkonzert sein, das das Ende des Zweiten Weltkriegs betrifft, sondern wir möchten in erster Linie – auch als Ergebnis der ganzen Nachkriegsgeschichte – Völkerverständigung, Frieden, Freiheit, Demokratie und Kulturaustausch betonen. Diese Schlagworte sind gewissermaßen die Überschriften für dieses gemeinsame Chorprojekt. Und ich freue mich riesig darauf.“

Konzertchor Lippstadt Fotos: Tuschen

 

Das Konzert findet am Samstag, 25. April, zunächst in Uden statt, unter der musikalischen Leitung von Burkhard A. Schmitt. Die zweite Aufführung gibt es dann am Sonntag, 26. April, in der Aula der Lippstädter Gesamtschule. Hier wird voraussichtlich – anders als bisher angekündigt – der Udener Chorleiter Alex Wiersma den Taktstock schwingen.

Deshalb, so Schmitt, sei es durchaus auch möglich, dass sich beide Aufführungen des Jenkins-Werkes etwas unterscheiden, je nach dem individuellen künstlerischen Zugriff des jeweiligen musikalischen Leiters. Auch seine eigene Interpretation werde sich vermutlich etwas von der 2017er-Aufführung unterscheiden. „Ich kann mir gut vorstellen, dass es andere Ansätze gibt.“ Nicht zuletzt „aus einer gewissen Emotionalität heraus“, weil das Werk „einen geschichtlichen Hintergrund gerade im nächsten Jahr erfährt“, so Schmitt. „Besonders spannend wird natürlich, wie Herr Wiersma das macht. Jeder Chorleiter, jeder Dirigent hat andere Ansätze, ist ein anderer Mensch und geht anders an Musik heran.“

Das Kooperationsprojekt werde „sicher sehr, sehr spannend und auch sehr emotional“, sagt Schmidt, „denn gerade mit den Holländern als Nachbarn ein solches Friedenskonzert zu gestalten, das erzeugt in mir jetzt schon ganz besondere Emotionen.“

Die Lippstädter Veranstaltung findet in Kooperation mit der KWL statt, die das Konzert in ihr Abo-Programm aufgenommen hat, während sie beim Musikverein als freies Konzert im Programm steht. Und auch sonst läuft „The Armed Man“ gewissermaßen außerhalb der Reihe, findet es doch zusätzlich zu den beiden üblichen großen Chor- und Orchesterkonzerten pro Saison statt.

Zum ersten Mal in der Spielzeit präsentiert sich der Konzertchor des Musikvereins am Sonntag, 10. November, in der Elisabethkirche mit dem Programm „Harmonie im Licht“. Der Titel verbindet die beiden Werke des Abends, das fünfsätzige Chorwerk „Lux Aeterna“ des US-amerikanischen Komponisten Morten Lauridsen aus dem Jahr 1997 und die „Harmoniemesse“ in B-Dur von Joseph Haydn.

Diese Kombination entspreche dem Ansatz des Musikvereins, in seinen eigenen Programmen immer wieder auch Kontraste auf die Bühne zu bringen, betont der künstlerische Leiter. „Und das ist in diesem Konzert ganz besonders gravierend.“ Die „Harmoniemesse“ sei Haydns letzte große Messe und seine am größten besetzte überhaupt. „Sie zeigt einen Joseph Haydn, der zurückblickt auf Vergangenes, auf sein eigenes Schaffen, auf seine kompositorischen Ziele und Methoden. Aber er blickt in Form unglaublich gewagter Harmonien, mit dem Dissonanzreichtum und seinen chromatischen Endungen auch Jahrzehnte in die Zukunft.“ Hier sei „Papa Haydn“ wirklich „der Vater der Wiener Klassik. Ohne ihn hätten Mozart, Beethoven, Schubert nie so schreiben können.“

Lauridsens „Lux Aeterna“ habe er dagegen erst vor drei Jahren kennengelernt, sagt Schmitt. „Und mir war sofort klar, dass muss in Lippstadt auf die Bühne. Das ist ein requiemartiges Werk, bei dem sich die ganz eigene, unglaublich intensive dissonante Tonsprache immer wieder auflöst in sphärischen, lichtartigen Aufhellungen, so dass die Hoffnung und die Erlösung immer wieder ganz groß über diesem Werk steht.“ Direkt gegenübergestellt seien „beide Werke gar nicht so weit entfernt voneinander, wie man denken könnte“.

Am Samstag, 8. März, steht dann ebenfalls in der Elisabethkirche „Mozart pur“ auf dem Programm. Auch dies ist ein Kooperationsprojekt, diesmal mit dem Konzertchor des Städtischen Musikvereins Hamm und dessen Leiter Lothar R. Mayer. Burkhard A. Schmitt ist erklärter Mozart-Fan. Es war aber sein Kollege Meier, der unbedingt die „Vesperae solennes de Confessore“ (KV 339) im Programm haben wollte. Flankierend erklingen unter anderem die Motette „Exsultate, jubilate“ (KV 165) und die Sinfonie A-Dur (KV 201).

Der Choreinsatz bleibt bei diesem Abend, an dem unter anderem auch die Sopranistin Marietta Zumbült mitwirkt, auf die gerade mal halbstündige Vesper beschränkt. Das ist kein Zufall. Denn im Herbst 2020 steht mit „The Sea Symphony“ des amerikanischen Komponisten Edward Williams (1921-2013) ein ebenso umfangreiches wie anspruchsvolles Werk an, das der Konzertchor Lippstadt ebenfalls gemeinsam mit den Hammer Kollegen singt.

„Das wird den Chor sehr fordern“, sagt Burkhard Schmitt. „Und deshalb haben wir gesagt, wir müssen aufpassen, dass wir unsere Chöre im ersten Halbjahr nicht überlasten mit neuen Stücken, damit wir schon parallel auf die ‚Sea Sympony‘ hinarbeiten können.“