Presseartikel 2019/2020

Der Patriot, 10.03.2020

Leidenschaftliches Musizieren auf höchstem Niveau

Die Ausnahmekünstler Fjodor Elesin und Kateryna Titova begeistern in der Jakobikirche

Die Pianistin Kateryna Titova und der Cellist Fjodor Elesin gaben ein Duo-Recital in der Jakobikirche. Foto: Duan Li

Lippstadt – Mit dem Beginn des ersten Satzes aus der Sonate für Klavier und Violoncello Nr. 2 g-Moll, op. 5/2, diesem leidenschaftlich pathetischen Einstieg, war das Programm des Duo-Recitals der beiden Ausnahmekünstler Fjodor Elesin (Violoncello) und Kateryna Titova (Klavier) in seinem Grundtenor vorgegeben. Leidenschaftliches Musizieren auf höchstem technischen Niveau, dabei doch in allem von Entspannung der musikalischen Binnenabläufe bestimmt, das zeichnete beide Interpreten bei ihrem Konzert in der Lippstädter Jakobikirche aus.

Das gelang bei den Werken des momentan im Bewusstsein vorherrschenden Komponisten Ludwig van Beethoven genauso überzeugend wie in der energiegesättigten Sonate e-Moll, op. 38, von Johannes Brahms, geschrieben für seinen Amateurmusiker- und Juristenfreund Dr. Gänsbacher. Dieser Interpretenimpetus übertrug sich aber genauso in die sarkastischen Partien der Sonate d-Moll, op. 40 von Dmitri Schostakowitsch wie in deren fast humoristisch klingenden Leerlauf.

Noch vorherrschend klingt der Klavierpart in dem Einstiegswerk des Programms bei Ludwig van Beethovens Sonate, noch beinahe wie ein Versuch der Abklärung der Klangverhältnisse zwischen Klavier und Violoncello. Das ist besonders in der von dem Interpreten gebotenen rhythmisch spielerischen Anlage besonders reizvoll.

Johannes Brahms hat in seiner Sonate schon einen weiteren Schritt des Ausgleichs zwischen dem Klavier und dem Cello gemacht, bis hin zum Wechselspiel oder sogar hin zum kontrapunktischen Meisterstück einer Schlussfuge am Ende seiner Sonate e-Moll, op. 38.

Interpretatorisch meisterhaft war einmal mehr die Sonate d-Moll op. 40 von Dmitri Schostakowitsch, die stilistisch ihren Bezug zur klassisch-romantischer Tradition nicht verbirgt und in der die beiden Künstler ihre rhythmischen Kraftreserven im Agogischen souverän und vollendet ausspielen konnten.

Einen vollendeten Beitrag zum Beethovenprogramm leistete Kateryna Titova mit einer so sensibel ausgeleuchteten „Grande Sonate Pathetique“ , die jeden der ihr vorauseilenden Lobsprüche bestätigt. Das ist Pianokultur auf höchstem Niveau, vom Publikum mit Begeisterung akklamiert. Und wie Fjodor Elesin und Kateryna Titova als Zugabe den bekannten Walzer von Dimitri Schostakowitsch zelebrierten, das ließ die beiden so sympathischen Interpreten dem Publikum ans Herz wachsen.

 

Der Patriot, 11.02.2020

„Singen Sie nicht mit der Kehle, sondern mit dem Körper“

Was passiert eigentlich unmittelbar bevor das Konzert losgeht? Ein Blick hinter die Kulissen

Von Marion Heier

Einsingen im Pfarrheim mit Chorleiter Burkhard A. Schmitt

Lippstadt – Emsiges Treiben. Noch gute eineinhalb Stunden bis zur Aufführung. Dann heißt es „Mozart pur“ in der Elisabethkirche. Die Akteure sind die Konzertchöre der Städtischen Musikvereine Lippstadt und Hamm, die Solisten Marietta Zumbült, Alexandra Ionis, Joel Scott und Konstantin Ingenpaß sowie die Philharmonie Südwestfalen.

Das Konzert ist das erste große Chor- und Orchesterkonzert des Lippstädter Musikvereins in diesem Jahr. Ende April folgt Karl Jenkins’ „The Armed Man“ in Uden und Lippstadt. Am 29. August wird zur Eröffnung des Stadttheaters gesungen, und Ende November wird Ralph Vaughan Williams’ „A Sea Symphony“ in Lippstadt, Gloucester, Hamm, Wirges und Siegen aufgeführt.

Jetzt also erst einmal Mozart. Zur Stellprobe wird es eng im Altarraum, beim Einsingen im Pfarrheim ist es noch kuscheliger. Die Chöre proben im großen Raum, Solisten und Orchester in den kleineren Räumen.

„Blomblomblomblomblomblomblomblomblom“ – einmal die Tonleiter rauf und wieder runter geht es. Christine Thiemeyer gibt die Töne vor. Dann übernimmt Burkhard A. Schmitt den Taktstock. Der Dirigent und musikalische Leiter geht noch einmal knifflige Details durch. Der große Chor kommt an diesem Abend zwar erst zum letzten Stück, den sechs Sätzen des „Vespere solennes Confessore“ zum Einsatz, umso mehr muss alles perfekt sitzen.

„P steht für leise. Bitte tun Sie konsequent das, was da steht und nicht erst 100 Meter weiter“. Burkhard Schmitt ist klar in seinen Ansagen und mit wenigen Worten unmissverständlich zu verstehen. „Und singen Sie nicht mit der Kehle, sondern mit dem Körper.“

Bei gut 80 Sängerinnen und Sängern bleibt die Tür einmal auf, des Luftaustauschs wegen. Währenddessen sitzt Irmgard Sandfort im Vorraum. Die Gemeindereferentin singt eigentlich mit im Chor. Doch seit der Theatersanierung kümmert sie sich auch um die Organisation der Ersatzspielorte.

Am Sonntag gibt es zwei vordere Reihen mehr zu belegen, die Plätze müssen noch ausgewiesen werden. „Das Konzert ist besser verkauft worden als gedacht“, sagt Sandfort. Neben ihr stehen zwei Musiker. Sie tauschen Bundesliga-Ergebnisse aus, es wird in die Stulle gebissen.

Der Hammer Chorleiter Lothar R. Mayer kommt herein. Allerdings mit einer weniger erfreulichen Botschaft. Wegen des Sturmes fällt das morgige Konzert in Hamm aus. Das habe soeben der Oberbürgermeister Hunsteger-Petermann entschieden. Ui, das ist sehr, sehr schade. Darauf hatte man sich echt gefreut. „Also, geben Sie gerade deswegen heute Ihr Bestes“, spornt Mayer die Sängerinnen und Sänger an.

„Sopransolistin Marietta Zumbült, noch ganz in Zivil.

Aber da geht es auch schon Richtung Kirche, zur Stellprobe. Einige sind bereits im offiziellen Gewand, andere noch in der Steppjacke. Auch die Solisten zeigen sich noch ganz in zivil, mit Wasserflasche und Schal. Hier und da gibt es ein paar Hinweise vom Dirigenten, dem gerade das Ansingen mit der Solistin des Abends, Marietta Zumbült, sehr wichtig ist.

Sie hat tragende und koloraturenreiche Arien zu meistern. Einige Takte reichen, es sitzt alles ganz formidabel. Auch die anderen drei Solisten haben ihre Stimmen im Griff. Schmitt lächelt zufrieden. Hinten lauschen schon ein paar Besucher der Probe. Für die Akteure aber heißt es noch einmal zurück ins Pfarrheim, bis sie um kurz vor acht die Kirche betreten.

„Alles ist bereit für den großen Konzertabend.
Fotos: Heier

Auch wenn die Sängerinnen und Sänger bis zu ihrem Auftritt ein wenig warten müssen, weil die Stückvorlage es so erfordert, so meistern sie Mozarts abschließendes kirchenmusikalisches Werk, das er im Alter von 24 Jahren schrieb und mit bekannten Melodien wie dem „Laudate Dominum“ ausstattete, mit Bravour. Ganz der professionellen Künstler-Maxime entsprechend: Sie haben ihr Bestes gegeben.

 

 

Der Patriot, 11.02.2020

Glanzvoll, aber ein wenig unausgewogen

Von Alfred Kornemann

Der Konzertchor Lippstadt vereinte sich mit dem Konzertchor des städtischen Musikvereins Hamm

Lippstadt – Im geballten Ludwig-van-Beethoven-Jahr ein Chor- und Orchesterkonzert mit Werken von Wolfgang Amadeus Mozart an die Seite zu stellen, war eine gute Idee für das Konzert des Lippstädter Musikvereins in der Elisabethkirche. Die Gewichtung dabei aber war ein wenig unausgewogen, sieht man einmal ab von des Komponisten „Vesperae solennes de Confessore“ (KV 339). Dem geben das „Dixit dominus“ und das „Magnificat“ vokal wie instrumental klangprächtigen Rahmen und mit dem „Laudate dominum“ einen emotionalen Höhepunkt.

„Gestaltete den emotionalen Höhepunkt : Marietta Zumbült

Damit aber gestaltet Marietta Zumbült (Sopran) den wahren Glanzpunkt gestalterischer und empfindsamer Eindringlichkeit. Sie trug insgesamt sängerisch das Hauptgewicht des Programms an diesem Abend, musste dabei auch die kompositorischen Leichtgewichte mittragen.

Dabei aber war der musikalische Leiter des „Mozart pur“, Musikdirektor Burkhard A. Schmitt, gemeinsam mit dem Orchester eine ebenso sichere wie einfühlsame Stütze. Unter seiner Leitung sang an diesem Abend auch der Konzertchor des Musikvereins in Verbindung mit dem Konzertchor des Städtischen Musikvereins Hamm und der Philharmonie Südwestfalen.

Aber so souverän und klangsicher auch alle Ausführenden den Intentionen des Dirigenten folgten, so stellt sich doch die Frage, ob sich nicht gerade gegenüber dem schwächer besetzten instrumentalen Beitrag reizvoller gewesen wäre, die Chorgröße auf eine deutliche Durchsichtigkeit zu beschränken, besonders da, wo sich die Elastizität einer Chorfuge anbietet.

Die dynamische Ausweitung wie die sichere Gestaltung im piano-Bereich ist bei Burkhard A. Schmitt immer ebenso selbstverständlich wie überzeugend. Eindrucksvoll gelangen ihm die fast kammermusikalischen Feinheiten der Sinfonie A-Dur (KV 201), die trotz einer nur schlichten Orchesterbesetzung große Wirkung erzielten.

„“.Konstantin Ingenpaß, Joel Scott und Alexandra Ionis.
Fotos: Heier

Den Solisten kommt in den geistlichen Werken bei Wolfgang Amadeus Mozart nur eine untergeordnete Rolle zu. Alexandra Ionis (Alt), Joel Scott (Tenor) und Konstantin Ingenpaß (Bass) zeichneten sich durch textspezifische Deutung aus. Marietta Zumbült verdiente sich nach anfänglicher Indisposition mit einer geschmeidig geführten Stimme von großer Ausgeglichenheit größte Anerkennung.

„Mozart pur“ war einen angemessenen Versuch wert. Aber etwas markanter hätte er schon ausfallen können, und das trotz einer wahrhaft gelungenen „Exsultate jubilate“-Motette (KV 165). Zu Recht wurden alle Ausführenden am Ende mit lang anhaltendem Applaus bedacht.

 

Der Patriot, 28.01.2020

Das ganze Klangspektrum zweier Violinen

The Twiolins setzten in der Jakobikirche auf aktuelle Werke in ungewöhnlicher Besetzung

von Alfred Kornemann

Lippstadt – Es gibt einen alten Musikerwitz: Was ist schlimmer als eine Klarinette? Zwei Klarinetten. Ob man diesen Scherz auf zwei Violinen übertragen kann? Sicherlich nicht, denn das Klangspektrum zweier Violinen ist doch erheblich größer, besonders dann, wenn zwei Künstler dieses Instrumentes auftreten – wie das Geschwisterpaar Marie-Luise und Christoph Dingler, das am Samstag im Kammerkonzert des Städtischen Musikvereins Lippstadt in der Jakobikirche aufwartete.

Es war schon eine breite Werkauswahl auf der Skala von Alexandr Gonobolin (geboren 1953) bis Benedikt Brydern (geboren 1966), mit dem das Duo The Twiolins das Programm des Konzertes gestaltete. Unter dem Thema „Secret Places“ reichte damit die von den Künstlern selbst angeregte Werkauswahl über einen Erscheinungszeitraum von mehr als zehn Jahren hinweg. Das ließ sich stimmungsmäßig nicht immer einheitlich gestalten. Wenn zum Beispiel aus Geräuschen eine reale Situation heraushörbar wurde, blieb das weitgehend den Fantasiemöglichkeiten der Hörers überlassen.

Ein besonderer Reiz ging in diesem Konzert von der ungewöhnlichen Besetzung aus, allerdings auch ein gewisse instrumentale Begrenztheit. Dabei waren beide Künstler hochgradig qualifiziert und von technischer Bravour. Die meisterhafte Doppelgriffbeherrschung ließ allein schon den Eindruck aufkommen, als hätte man es hier mit einem ganzen Orchestrion zu tun.

Da das Künstlerpaar jährlich eine Ausschreibung von Kompositionen für die eigene Besetzung vorgenommen hat, führt das nicht in allem zum kompositorisch gleichgewichtigen Qualitätsanspruch, ist aber auf jeden Fall verdienstvoll, weil es die Auswahl für ein vielgestaltiges Publikum erweitert. Dass Marie-Luise und Christoph Dingler in der zweiten Hälfte des Programms das Publikum in der Jakobikirche zu rhythmischen Aktionen bewegen konnte, war ebenso überraschend wie erfreulich.

Im Rahmen der insgesamt zeitgenössischen Programmfolge löste der Satz „Der Sommer“ aus dem Konzert „Die vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi besondere Begeisterung aus. Damit zeigte das Duo The Twiolins zusätzlich die gesamte klangliche Breite zweier Violinen, und das war hinreißend.

Der Patriot, 02.01.2020

Konzert so prickelnd wie Champagner

„Im Feuerstrom der Reben“, so lautete das sinnige Motto des Silvesterkonzerts, mit dem der Städtische Musikverein in der Aula der Gesamtschule Lippstadt das alte Jahrzehnt auf musikalisch schwungvolle Art abschloss.

Von Lothar Brode

Sopranistin Nathalie de Montmollin begeisterte mit Arien aus Oper und Operette. Foto: Brode

Lippstadt – Zu Gast war wieder die Großpolnische Philharmonie Kalisch unter der bewährten Leitung von Hermann Breuer: Durchweg junge Musiker, die in bester Spiellaune musikalische Sektkorken am laufenden Band knallen ließen. Was wäre dazu besser geeignet als die Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß als „Silvester-Operette“ schlechthin?

So spann sich ein musikalisch interessanter Bogen von der Ouvertüre über Walzer und Arien bis hin zum berühmten Champagnerlied, das als Konzertmotto diente. Eingelagert waren so beliebte Orchesterstücke wie der Blumenwalzer und der feurige Trepak-Tanz aus dem Ballett „Der Nussknacker“ von Peter Tschaikowsky, aber auch die witzig gestaltete, von den Streichern brillant gezupfte Neue Pizzicato-Polka von Johann Strauß sowie der „Tanz der Stunden“ aus der Oper „La Gioconda“ von Amilcare Ponchielli. Dirigent Hermann Breuer hat nach eigenem Bekunden ein Faible für den US-Erfolgskomponisten Leroy Anderson, dem „amerikanischen Johann Strauß des 20. Jahrhunderts“, wie Breuer ihn bezeichnete. In seinem schnellen Walzer „Belle de Balle“ (die Schönste des Balls) erklangen reichlich jazzige Elemente. Noch witziger ging es zu bei der „Verrückten Uhr“. Das Orchester interpretierte mit Noblesse und hinreißendem Temperament. Für vokalsolistischen Glanz sorgte die Schweizer Sopranistin Nathalie de Montmollin. Gesegnet mit hervorragenden stimmlichen Qualitäten bewies sie ihre Domäne nicht nur im Opernfach, sondern auch im heiteren Operetten-Genre. In Anlehnung an das Konzertmotto begeisterte sie mit ungarischem Kolorit beim Czárdas „Klänge der Heimat“ aus der Fledermaus-Operette und gab sich komödiantisch beim Schwips-Lied aus der Operette „Nacht in Venedig“ von Johann Strauß, begleitet von adäquater Mimik und Gestik. Das kam natürlich gut an beim Publikum. Und selbst bei der obligatorischen Zugabe blieb man dem Konzertmotto mit dem Trinklied aus der Verdi-Oper „La Traviata“ treu, bevor sich das Orchester traditionell mit dem Radetzky-Marsch von Johann Strauß verabschiedete.

Der Patriot, 18.12.2019

Dogma Chamber Orchestra begeistert

Von Alfred Kornemann

Lipperbruch – Das war ein zielgerichteter Ausklang des Konzertjahres mit dem Dogma Chamber Orchestra im Forum der Marienschule. Und einen inneren Bezug zwischen den italienischen Komponisten, Wolfgang Amadeus Mozart und Peter Tschaikowsky gab es zweifellos auch. Auf die angekündigte „zeitgerechte Interpretation“ klassischer Musik mit moderner Konzertgestaltung“ war so allerdings zu verzichten, wie man es von den „Echo“- Preisträgern erhoffen durfte. Aber was mit sensibelster Musizierlust von den Mitgliedern des Kammerorchesters geboten wurde, das entsprach in hoher Vollkommenheit dem Niveau der in diesem Jahr vorzüglichen Kammermusikreihe des Musikvereins.

In großer Fülle hat Antonio Vivaldi Opern, Oratorien und Madrigale geschrieben, zudem verschiedene Concerti grossi für zwei Violinen und Streicher. Bezeichnend für ihn ist, dass er selbst dem Violinkonzert als herausragender Virtuose die klassische Prägung gab. Auf barocke Klangpracht versteht er sich selbst bei beschränkter Streicherbesetzung wie auf sensibelste Farbnuancen. Von beidem wusste das Dogma Chamber Orchestra sowohl in der Agogik wie in seiner gestalterischen Dynamik wunderbar zu überzeugen.

Kaum ein Werk aus der Reihe der Concerti grossi in g-Moll von Arcangelo Corelli ist so bekannt wie das „Fatto per la notte di Natale“, obwohl kaum für den Weihnachtsabend gedacht. Aber diese Gegenüberstellung von zwei Geigen und Violoncello, diesem im Largo pastorale sich bündelnde Wiegenlied kann sich kaum ein Hörer entziehen.

Auch Mozart konnte sich dem Einfluss von Corelli nicht widersetzen. Sein Divertimento für Streichorchester F-Dur mag das belegen. Dass das Dogma Chamber Orchestra mit höchster Delikatesse spielte, dabei aber nie in klanglicher Selbstverliebtheit versank, das war das Ergebnis höchster Konzentriertheit bei großer Spielfreude.

Ein Höhepunkt war die 1880 entstandene Serenade C-Dur op. 48 von Tschaikowsky, wozu er sich auf das Gut seiner Schwester zurückgezogen hatte, wenn ihm Schwermut und Unzufriedenheit mit dem großstädtischen Leben eine Depression ankündigten. Ab 1880 gehörte seine besondere Neigung Mozart, die ihm Schaffenskraft zurückbrachte. So gelang die Streicherserenade op. 48, von der der in ständigem Selbstzweifel gefangene Komponist einmal schreiben konnte: „Ich schrieb sie aus innerem Antrieb. Das ist ein Stück vom Herzen“. Und das St. Petersburger Publikum jubelte ihm zu und forderte die Wiederholung des Walzers.

Das Lippstädter Publikum jubelte nicht minder, bekam aber nicht die Wiederholung des Walzers sondern eine schwungvoll verspielte Zugabe, um auf neuen Wegen „die geistigen und emotionalen Gehalte der Musik aus dem Blickwinkel unserer Zeit freizulegen“, wie der Programmzettel signalisierte. Aber sicherlich haben die wunderbaren Musiker zu diesem Versprechen beigetragen.

Der Patriot, 26.11.2019

Der Eindruck tiefen Empfindens

Das Konzert des Aris Quartetts war ein Geschenk an die Besucher

Von Alfred Kornemann

Lippstadt – Für viele Musikliebhaber gilt das Streichquartett als die höchste kammermusikalische Ausdrucksform überhaupt. Kaum anderswo sind die Ansprüche so hoch gesteckt wie in dieser Kombination von vier Streichinstrumenten. Aber es ist immer wieder erstaunlich, wie sich Instrumentalisten zu dieser Formation zusammenfinden und künstlerisch ein oft jahrelanges „Eheverhältnis zu viert“ eingehen, wobei der Reiz oft gerne in der Schwierigkeit des inneren Ausgleichs liegt.

Das Aris Quartett musizierte in der Jakobikirche. Foto: Li

Es gibt heute eine größere Zahl von Streichquartetten, die sich mit ihrer Musizierkunst auf höchstem Niveau bewegen. Man mag sie kaum gegeneinander auszuspielen, weil sie sich oftmals geradezu artistisch spezialisieren und damit ihre Spitzenstellung eindeutig markieren. Als eine Ausnahmeerscheinung mag das Zusammenwachsen in einem gerade mal ein Jahrzehnt langen Miteinander gelten, verglichen mit dem oft deutlich längeren Miteinander anderer Quartettgrößen.

Das Konzert des erst 2009 gegründeten Aris Quartetts war ein Geschenk des Städtischen Musikvereins an seine auch im kleineren Raum der Jakobikirche unverdrossen Kammermusikbegeisterten. Es hätte kaum nachdrücklicher sein können als am Beginn des Programms mit dem Werk des noch jugendlichen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy und seinem a-Moll-Quartett op. 13. Dazu das a-Moll-Quartett op. 41 von Robert Schumann und das gewaltige 1. Streichquartett c-Moll op. 51/1 von Johannes Brahms.

Dass diesem Programm als Zugabe die erste Fuge aus Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ folgte, war nicht nur ein Zeichen für das Stilbewusstsein des Aris Quartetts, sondern zugleich ein Beispiel für die Fähigkeit, sich im Bereich neuer Spielformen mit fast vibratofreiem Spiel, dabei aber lebensvoller Agogik erfüllt zu sehen.

Anna Katharina Wildermuth (1. Violine), Noemi Zipperling (2. Violine), Caspar Vinzens (Viola) und Lukas Sieber (Violoncello) sind Künstler von großem Feingespür für die Nuancen der jeweiligen Partitur, was umso deutlicher wird, wenn man bedenkt, dass alle aufgeführten Kompositionen des Programms aus dem Umkreis Ludwig van Beethovens kamen, in ihrer Eigenständigkeit aber von allen drei Komponisten erfahrbar gemacht werden wollen.

Dem noch am Anfang seiner kompositorischen Laufbahn stehenden Felix Mendelssohn Bartholdy scheint das nach Meinung des Pariser Publikums noch nicht ganz gelungen zu sein, obwohl sein Quartett a-Moll op. 13 durchaus selbstständige Züge von seinem „Lehrmeister“ aufzuweisen wusste.

Einen Schritt weiter in der Kunst des Streichquartetts machte Robert Schumann mit seinem Streichquartett a-Moll op. 1. Was das Aris Quartett von der stimmungsmäßigen Abtönung der Introduktion über den Eindruck tiefen Empfindens im Adagio bis hin zum fröhlichen Coda-Ausklang, vom Perdendosi bis zur Hörgrenze und doch immer an dynamischer Durchleuchtung anbot, das war in seiner Klangdifferenzierung faszinierend.

Welche Gestaltungskraft das erste Streichquartett c-Moll von Johannes Brahms an Leidenschaftlichkeit, an der ganzen Weite seelischer Empfindung abverlangt, das war im zweiten Teil des Programms beispielhaft deutlich. Da war „süße Melancholie“ ebenso Ziel der musikalischen Deutung wie das große Ringen um den harten Satzausklang.

Und das alles fand im Spiel des Aris Quartetts eine Tiefendimension, die allein aus vollendet künstlerischem Einverständnis kam und durchaus eine Ernsthaftigkeit bei aller Leichtigkeit eines fast spielerischen Miteinanders einschloss. Ein Quartettabend solcher Qualität wird im Gedächtnis bleiben.

Der Patriot, 13.11.2019

„Mit dem himmlischen Licht verknüpft“

Fast 200 Jahre trennt die beiden Werke, die der Konzertchor des Städtischen Musikvereins Lippstadt am Sonntag in der Elisabethkirche aufgeführt hat. Auf dem Programm standen das fünfsätzige Chorwerk „Lux Aeterna“ des US-amerikanischen Komponisten Morten Lauridsen aus dem Jahr 1997 und die 1802 geschriebene „Harmoniemesse“ in B-Dur von Joseph Haydn. Das Publikum bedankte sich mit viel Applaus.

Von Alfred Kornemann

Lippstadt – Es gehört zu den in Europa eher selten aufgeführten Werken des Komponisten Morten Lauridsen, das vom Konzertchor Lippstadt mit Begeisterung aufgeführte „Lux Aeterna“. Thematisch „mit dem himmlischen Licht verknüpft“, so versuchte Lauridsen die Zusammenstellung seiner Texte aus unterschiedlichen lateinischen Quellen zu begründen.

Das ist natürlich legitim und so durchaus mehrfach von Komponisten verwendet. Lauridsen hat eine solche Fassung gewählt, die, wie es ihm scheint, für die Chorsänger in jeder Chorstimme einen lyrischen Grundansatz gestattet. Das eröffnet ihm in einem Chorwerk der USA einen großen Zuspruch, bleibt aber hinter den Entwicklungen moderner musikalischer Ansprüche doch erheblich zurück.

Überzeugte durch große Differenziertheit: der Konzertchor des Städtischen Musikvereins
Fotos: Heier

Das muss keinen Mangel bedeuten, macht es doch den Beitrag der Musik der Spätromantik und ihrer musikalischen Entwicklung umso eindeutiger. Das gelingt besonders aber auch dann, wenn chorisch so überzeugend, so differenziert gesungen wird wie vom Konzertchor Lippstadt, mit großer Intensität geführt, durch Burkhard A. Schmitt, auch durch ungewohnte Gelände der Partitur.

Allerdings sind hier einige leichte Einschränkungen der chorischen Leistung zu machen, die der Akustik in dem begrenzten Raum der Elisabethkirche zuzurechnen sind. So war der Gesamtklang zwischen Sopran und Männerstimmen nicht ganz ausgewogen, waren die Soprane, wohl auch aufstellungsbedingt, zu präsent und ein wenig aus dem klanglichen Zusammenhang herausfallend. Tief verinnerlicht aber besonders das „Agnus Dei“ mit dem abschließenden „Amen“.

Burkhard Schmitt leitete das Konzert mit großer Intensität.

Dies aber schloss unmittelbar an die klangliche Einheitlichkeit an, die Burkhard A. Schmitt erreichte bei der letzten von Joseph Haydn vollendeten Komposition, der „Harmoniemesse“. Hier nämlich war der Chor voll eingebunden in den Gesamtkomplex der Instrumente – von der großen Bläserbesetzung bis hin zu den sensiblen Streichern.

Dem folgten in Joseph Haydns Schaffen nur noch ein letztes Streichquartett, eine Fülle von Ehrungen von Paris bis nach St. Petersburg und zum letzten Mal in der Öffentlichkeit die Aufführung seiner „Schöpfung“. Das Leben des am 31. März in Niederösterreich geborenen Komponisten hatte sich von dem seiner schönen Stimme wegen gefeierten (im späteren Leben aber ebenso häufig „gefeuerten“) kleinen Dorfjungen ohne besondere Bildung bis zum weltweit gefeierten Komponisten zu gänzlicher Erschöpfung erfüllt.

Die Solistinnen Monica Mascus (l) und Estelle Kruger

Was hier der Chor besonders in den ausgefeilten und elastischen Partien leistete, das war sehr bemerkenswert und trug zum Maestoso der Bläser ebenso wie die Sensibilität der Streichergruppe der Bochumer Sinfoniker entscheidend bei. Estelle Kruger hat in Joseph Haydns „Harmoniemesse“ die dankbarste Partie, und sie erfüllte diese mit der geforderten Verhaltenheit ebenso wie mit der ganzen Strahlkraft ihres Soprans. Monica Mascus hat einen Alt voller Wärme und ebensolcher Ausdrucksstärke.

Für den erkrankten Tenor Andreas Karasiak war Uwe Gottswinter von der Staatsoper Hannover eingesprungen, und er tat dies mit Bravour. Der Bass-Solist Ulf Bästlein ergänzte das Solistenquartett mit klanglich vornehmer Zurückhaltung.

Das Publikum zeigte sich beifallsfreudig und dankte mit herzlichem Applaus.

Der Patriot, 09.11.2019

Symbiose aus Freigeist und Schöngeist

Am Nachmittag trug sich Giovanni Falzone, hier mit dem stellvertretenden Bürgermeister Franz Gausemeier, in das Goldene Buch der Stadt Lippstadt ein.

Es sei ein Zufall seines Lebens gewesen, dass er in Lippstadt geboren wurde, sagt Giovanni Falzone. Nur fünf Monate hat der italienische Trompeter in seiner Geburtsstadt verbracht. Dass der diesjährige „Featured Artist“ des „Jazzporträts“ im Rahmen des Festivals „Take Five – Jazz am Hellweg“ am Donnerstag in der Jakobikirche zu Gast war, ist Initiator Uli Bär zu verdanken. Es erfülle ihn umso mehr, hier spielen zu dürfen, betont Falzone, der mit einem Konzert der besonderen Art aufwartet.

Von Marion Heier

Lippstadt – Immer wieder hält er sich die Hand aufs Herz, lacht, spielt mit der Trompete, schaut nach oben. Ganz beseelt ist Giovanni Falzone von der Musik, seiner Musik, und dem Spiel der Kollegen. Immerhin ist das nicht ganz so einfach, schließlich spielt das Ensemble in der Besetzung so zum ersten Mal. Mit der gebürtigen Lippstädterin und Kontrabassistin Caris Hermes, dem Saxophonisten Matthias Nadolny, dem Pianisten Tobias Weindorf und dem Schlagzeuger Niklas Walter haben sich dort zum Teil junge Jazzer zusammengefunden, die mit Falzone eine hochkarätiges Konzert zaubern, das vor allem von seinen Kontrasten lebt. Sowohl der eigenwillige Sound Falzones als auch der „klassische“ Jazz finden sich darin.

Dass es bei dem vom Jazzclub und dem Musikverein gemeinsam präsentierten Konzert keine Pause gibt, ist wohl auch dem Fakt geschuldet, dass man sich in so einen Falzone hineinhören muss. Gerade seine Eigenkompositionen klingen bisweilen sehr „free“ und sind nicht immer einfach zu „verstehen“.

Übersetzt sind es „Der Baum, der fiel“ und „Haare aus Silber“, mit denen der Künstler Bezug auf seine Lieblingsorte nimmt, an denen er musizieret und malt. Sie sind stark beseelt vom improvisatorischen Geist und fordern jeden einzelnen Musiker auf, sich auf fragilem Fundament vollkommen autark – fast schon mit dadaistischem Anklang – zu bewegen.

Giovanni Falzone und Caris Hermes stammen beide aus Lippstadt.
Foto: Heier

Das lässt viel Raum. Der Trompeter ist voll drin in seiner Improvisation, kreist mit der Trompete, macht halbe Kniebeugen, erleichtert sich mit einem Zwischenruf. Seine Improvisation ist eher brüchig, fragmentarisch. Sie orientiert sich im Gegensatz zu den doch eher harmoniebedürftigen Pianisten und Saxophonisten nicht am gewohnt Klangschönen, sondern setzt eigenwillige Akzente.

Falzone rüttelt wach, löst sich von Altbekanntem, experimentiert, eröffnet neue Klanghorizonte. Und doch finden die Musiker immer wieder zueinander, bündeln sie sich im Thema. Inspiriert von Sax-Ikone Caleb Wheeler wird es moderater. Der Rhythmus swingt, die Melodie gleitet. Caris Hermes walkt entlang ihres Bass-Steges, Walter rollt entlang seiner Drums. Wie zärtlich und in schönster, romantischer Jazz-Attitüde erklingt da die Ballade „Azure“ von Duke Ellington. Alle lauschen – auch die Musiker – in sich hinein.

Das ist auch bei der Zugabe „Round Midnight“ von Thelonious Monk so. Ob Falzones „Hypnotic Waltz“, den er für ein Theaterstück geschrieben hat oder „Evidence“ von Monk: Hier wird die pure Lust an der Improvisation spürbar. Das Ensemble kreiert an diesem Abend eine gelungene Symbiose aus Freigeist und Schöngeist. In jedem Fall ganz wunderbar inspirierend.

Für Giovanni Falzone, der sich am Nachmittag noch ins Goldene Buch der Stadt eingetragen hat, ist der Abend noch nicht zu Ende: Seine lang nicht gesehene Verwandtschaft wartet.

Der Patriot, 15.10.2019

Meisterhaftes Busch-Trio

Man wird eine solche Reaktion auf ein Kammerkonzert in der Jakobikirche Lippstadt nicht oft erleben – wie bei dem Konzert des Busch-Trios nach der Zugabe eines Satzes aus Franz Schuberts Op. 99.

Von Alfred Kornemann

Lippstadt – Hier herrschte fast atemlose Spannung, die sich nur zögerlich, danach aber stürmisch in begeisterten Beifall auflöste. Das Busch-Trio – benannt nach dem legendären Geiger Adolf Busch, der in Siegen geboren, jahrelang in der Schweiz gelebt und schließlich in den USA gestorben ist – setzt sich zusammen aus dem hochbegabten Trio Mathieu van Bellen (Violine), Ori Epstein (Violoncello) und Omri Epstein (Klavier). Gekommen war das Trio im Rahmen der Kammermusikreihe – veranstaltet vom städtischen Musikverein Lippstadt.

Das Trio hatte im Verlauf eines Programms mit durchaus nicht ungewöhnlicher Werkauswahl, aber mit kluger, auf inneren Zusammenhang bedachter Beziehung, eine solche Durchlichtung vorgestellt, die schon bald den Atem stocken ließ. Es waren die drei Künstler, die den drei Werken des Programms ihren deutlichen Übergangsprozess überzeugend zuwiesen. Am Beginn Joseph Haydns in England entstandenes Klaviertrio in A-Dur: Ein Beispiel für seine Aufnahmefähigkeit gegenüber Entwicklungen, die von außerhalb kommend sein Werk bestimmen konnten. Das klang dann manchmal so anmutig, dass ihm manche Kollegen die Leichtigkeit seines Schaffensprozesses vorwarfen. Sie konnten aber schon die Tonartenstruktur eines Werkes wie das Trio in A-Dur übersehen haben, die das Busch-Trio meisterhaft herausziselierte.

Feinfühligste Nuancen

Danach – als Übergang zum großdimensionierten Werk von Franz Schubert – das nicht minder anspruchsvolle Erzherzogtrio B-Dur Op 97 von Ludwig van Beethoven. Eingeleitet vom 8-taktigen Klavierthema, von der Violine aufgenommen, zu rhythmischer Lebendigkeit überführt, wurde es zuletzt in eine Reihe schwungvoller Farbgegensätze gebracht. Ausgelöst wird das immer von fast rauschhaftem Beitrag des Klaviers – so wird das in den Sätzen angelegte Gedankengut einbezogen. Welche Souveränität die Ausführenden hier bewiesen, welche Nobless im Zusammenspiel, welche Sensibilität im agogischen Miteinander, das verdient höchste Anerkennung. Das für die Entwicklung des Klaviertrios wichtige Werk war zweifellos der Beitrag von Ludwig van Beethoven – selbst wenn sein letztes Werk zur Gebrauchsmusik mutierte.

Schließlich im zweiten Programmteil das herzbewegende, die Melancholie kaum überwindende und doch bei aller Leidenschaftlichkeit von abgeklärter Grundierung bestimmte Trio Es-Dur op. 100. Wie das Busch-Trio diesem Werk bis in die feinfühligsten Nuancen nachging, wie die ganze Skala dynamisch sich erfüllte, das war in jedem Moment bis ins letzte ausgelotet. Kein Wort des Lobes kann für das Busch-Trio an diesem emotional erfüllenden Abend ausreichen. Da reichten nicht einmal Standing Ovations.

Der Patriot, 17.09.2019

Ein Erlebnis mit einem lyrischen Tenor

von Alfred Kornemann

Lippstadt – Natürlich war es nur ein kleiner Ausschnitt im Programm des Liederabends mit dem Werk von Clara Wieck – aber zwischen Liedern des unvergleichlichen Komponisten Franz Schubert und der epochalen „Dichterliebe“ ihres Mannes Robert nach Texten von Heinrich Heine kann sich gerade die Bescheidenheit von Clara Schumanns Werkfolge angemessen auszeichnen. Schließlich war es die zu ihrem 200. Geburtstag in aller Welt gefeierte bewundernswerte Pianistin, weniger eine Komponistin von Rang, womit sie ihren Mann Robert durchaus im Bewusstsein der Zeit verdrängte. Der konnte schon mal danach gefragt werden: „Machen Sie auch etwas mit Musik?“ Der hatte immerhin mit der „Dichterliebe“ den bedeutendsten Liederzyklus der Romantik geschrieben und konnte ihn neidlos neben die Zyklen von Franz Schubert stellen.

Ein Sänger, ein Pianist

So wurde Clara Schumann als Pianistin angemessen in dem Jubiläumskonzert des Lippstädter Musikvereins mit ihrem eigentlichen Metier herausgestellt. Das Erlebnis des Abends aber, in jeder Weise erinnerungswürdig, waren die Interpretationen der beiden Künstler Ilker Arcayürek (Tenor) umd Daniel Heide (Klavier).

Arcayürek ist ein Sänger von geschmeidiger Ausgeglichenheit, klanglicher Bruchlosigkeit und Souveränität in allen einem lyrischen Tenor abverlangten Lagen. Sein Timbre lässt jede klangliche Variation zu bis zu dem von selbstverständlichem Textbezug und einleuchtender Textausdeutung. Es galt, einen lyrischen Tenor zu bewundern, dessen Texterfassung bei Franz Schuberts weitem Anspruch ebenso überzeugte wie in der etwas melancholischen „Dichterliebe“ von Robert Schumann.

Vollkommen aber wurde der künstlerische Eindruck durch den Pianisten Daniel Heider. Was ihm als Impulsgeber, als Erfüllung gerade in den Nachspielen von Robert Schumann ebenso gelang wie in den breiter gefächerten Liedern von Franz Schubert, das verdiente große Anerkennung. Von tiefer Empfindung die beiden Zugaben von Franz Schuberts „Nacht und Träume“ und „Wanderers Nachtlied“ – tief beeindruckend.

 

Der Patriot, 31.08.2019

„Das erzeugt besondere Emotionen“

Moment mal, das gab es doch gerade erst! Genau, Karl Jenkins’ musikalische Messe „The Armed Man: A Mass for Peace“ hatte der Städtische Musikverein Lippstadt erst im April 2017 mit großem Erfolg aufgeführt. Warum sich das opulente Werk jetzt wieder im Programm befindet und was der Konzertchor Lippstadt in der Saison 2019/2020 außerdem vorhat, erklärt der Städtische Musikdirektor Burkhard A. Schmitt im Gespräch mit dem Patriot.

Von Andreas Balzer

Burkhard A. Schmitt

Lippstadt – Der Impuls zur Wiederaufführung des Jenkins-Werkes kam zumindest indirekt aus der niederländischen Partnerstadt Uden. Der Koor Karakter habe bezüglich eines gemeinsamen Konzerts in Lippstadt angefragt, berichtet Burkhard Schmitt. „Da war aber das Programm noch völlig offen.“ Die bereits vom Musikverein für die Spielzeit geplanten großen Chorkonzerte hätten sich jedoch für eine Kooperation nicht so gut geeignet, „weil das von der Vorbereitungszeit für den Chor nicht möglich gewesen wäre, sich da einzuklinken“. Und da als Termin der April 2020 ins Auge gefasst wurde, kam schnell die Idee auf, etwas zum Ende des Zweiten Weltkriegs zu machen, das sich im nächsten Jahr zum 75. Mal jährt. „Und da hieß es im Vorstand sofort: Da wäre der Jenkins noch mal was, vielleicht haben die Udener den drauf“, sagt Schmitt.

Und tatsächlich, der Udener Chorleiter Alex Wiersma hatte „The Armed Man“ auch schon mal aufgeführt, und zumindest einige Sänger seines Koor Karakter waren daran beteiligt gewesen. Beste Voraussetzungen also für das Kooperationsprojekt. „Sofort war die gemeinsame Idee geboren, mit großer Begeisterung“, sagt Schmitt. „Es soll nicht einfach nur ein Gedenkkonzert sein, das das Ende des Zweiten Weltkriegs betrifft, sondern wir möchten in erster Linie – auch als Ergebnis der ganzen Nachkriegsgeschichte – Völkerverständigung, Frieden, Freiheit, Demokratie und Kulturaustausch betonen. Diese Schlagworte sind gewissermaßen die Überschriften für dieses gemeinsame Chorprojekt. Und ich freue mich riesig darauf.“

Konzertchor Lippstadt Fotos: Tuschen

 

Das Konzert findet am Samstag, 25. April, zunächst in Uden statt, unter der musikalischen Leitung von Burkhard A. Schmitt. Die zweite Aufführung gibt es dann am Sonntag, 26. April, in der Aula der Lippstädter Gesamtschule. Hier wird voraussichtlich – anders als bisher angekündigt – der Udener Chorleiter Alex Wiersma den Taktstock schwingen.

Deshalb, so Schmitt, sei es durchaus auch möglich, dass sich beide Aufführungen des Jenkins-Werkes etwas unterscheiden, je nach dem individuellen künstlerischen Zugriff des jeweiligen musikalischen Leiters. Auch seine eigene Interpretation werde sich vermutlich etwas von der 2017er-Aufführung unterscheiden. „Ich kann mir gut vorstellen, dass es andere Ansätze gibt.“ Nicht zuletzt „aus einer gewissen Emotionalität heraus“, weil das Werk „einen geschichtlichen Hintergrund gerade im nächsten Jahr erfährt“, so Schmitt. „Besonders spannend wird natürlich, wie Herr Wiersma das macht. Jeder Chorleiter, jeder Dirigent hat andere Ansätze, ist ein anderer Mensch und geht anders an Musik heran.“

Das Kooperationsprojekt werde „sicher sehr, sehr spannend und auch sehr emotional“, sagt Schmidt, „denn gerade mit den Holländern als Nachbarn ein solches Friedenskonzert zu gestalten, das erzeugt in mir jetzt schon ganz besondere Emotionen.“

Die Lippstädter Veranstaltung findet in Kooperation mit der KWL statt, die das Konzert in ihr Abo-Programm aufgenommen hat, während sie beim Musikverein als freies Konzert im Programm steht. Und auch sonst läuft „The Armed Man“ gewissermaßen außerhalb der Reihe, findet es doch zusätzlich zu den beiden üblichen großen Chor- und Orchesterkonzerten pro Saison statt.

Zum ersten Mal in der Spielzeit präsentiert sich der Konzertchor des Musikvereins am Sonntag, 10. November, in der Elisabethkirche mit dem Programm „Harmonie im Licht“. Der Titel verbindet die beiden Werke des Abends, das fünfsätzige Chorwerk „Lux Aeterna“ des US-amerikanischen Komponisten Morten Lauridsen aus dem Jahr 1997 und die „Harmoniemesse“ in B-Dur von Joseph Haydn.

Diese Kombination entspreche dem Ansatz des Musikvereins, in seinen eigenen Programmen immer wieder auch Kontraste auf die Bühne zu bringen, betont der künstlerische Leiter. „Und das ist in diesem Konzert ganz besonders gravierend.“ Die „Harmoniemesse“ sei Haydns letzte große Messe und seine am größten besetzte überhaupt. „Sie zeigt einen Joseph Haydn, der zurückblickt auf Vergangenes, auf sein eigenes Schaffen, auf seine kompositorischen Ziele und Methoden. Aber er blickt in Form unglaublich gewagter Harmonien, mit dem Dissonanzreichtum und seinen chromatischen Endungen auch Jahrzehnte in die Zukunft.“ Hier sei „Papa Haydn“ wirklich „der Vater der Wiener Klassik. Ohne ihn hätten Mozart, Beethoven, Schubert nie so schreiben können.“

Lauridsens „Lux Aeterna“ habe er dagegen erst vor drei Jahren kennengelernt, sagt Schmitt. „Und mir war sofort klar, dass muss in Lippstadt auf die Bühne. Das ist ein requiemartiges Werk, bei dem sich die ganz eigene, unglaublich intensive dissonante Tonsprache immer wieder auflöst in sphärischen, lichtartigen Aufhellungen, so dass die Hoffnung und die Erlösung immer wieder ganz groß über diesem Werk steht.“ Direkt gegenübergestellt seien „beide Werke gar nicht so weit entfernt voneinander, wie man denken könnte“.

Am Samstag, 8. März, steht dann ebenfalls in der Elisabethkirche „Mozart pur“ auf dem Programm. Auch dies ist ein Kooperationsprojekt, diesmal mit dem Konzertchor des Städtischen Musikvereins Hamm und dessen Leiter Lothar R. Mayer. Burkhard A. Schmitt ist erklärter Mozart-Fan. Es war aber sein Kollege Meier, der unbedingt die „Vesperae solennes de Confessore“ (KV 339) im Programm haben wollte. Flankierend erklingen unter anderem die Motette „Exsultate, jubilate“ (KV 165) und die Sinfonie A-Dur (KV 201).

Der Choreinsatz bleibt bei diesem Abend, an dem unter anderem auch die Sopranistin Marietta Zumbült mitwirkt, auf die gerade mal halbstündige Vesper beschränkt. Das ist kein Zufall. Denn im Herbst 2020 steht mit „The Sea Symphony“ des amerikanischen Komponisten Edward Williams (1921-2013) ein ebenso umfangreiches wie anspruchsvolles Werk an, das der Konzertchor Lippstadt ebenfalls gemeinsam mit den Hammer Kollegen singt.

„Das wird den Chor sehr fordern“, sagt Burkhard Schmitt. „Und deshalb haben wir gesagt, wir müssen aufpassen, dass wir unsere Chöre im ersten Halbjahr nicht überlasten mit neuen Stücken, damit wir schon parallel auf die ‚Sea Sympony‘ hinarbeiten können.“