Presseartikel 2021/2022

„Die Zeiten haben sich absolut geändert“

Lippstädter Musikverein: Burkhard A. Schmitt über die kommende Konzertsaison

Die vergangene Saison fiel fast komplett aus. Dafür will der Städtische Musikverein Lippstadt in der Spielzeit 2021/2022 ordentlich auffahren. Das Programm lockt mit anspruchsvollen Eigenproduktionen und hochkarätigen Gästen.

Von Andreas Balzer

Lippstadt – Mit definitiven Aussagen ist man ja sehr vorsichtig geworden. Aber zumindest was den Saisonstart betrifft, blickt der Städtische Musikdirektor Burkhard A. Schmitt optimistisch in die Zukunft. „Wir wissen alle nicht, was der Winter bringen wird. Aber es hat sich ja Gott sei Dank wirklich was getan. Das Theater wird wieder bespielt, es läuft wieder etwas. Wir sind deshalb sehr guter Hoffnung dass wir die Saisoneröffnung wie geplant im Stadttheater durchführen können“, sagt der künstlerische Leiter des Musikvereins.

Tianwa Yang spielt bei der Saisoneröffnung. Foto: Reinhold

Eingeladen sind am Sonntag, 12. September, das Staatsorchester Rheinische Philharmonie und die aus China stammende Violinsolistin Tianwa Yang. Auf dem Programm stehen Richard Wagners Ouvertüre zu „Tannhäuser“, das Violinkonzert Nr. 1 in g-Moll (op. 26) von Max Bruch und Johannes Brahms’ Sinfonie Nr. 3 in F-Dur (op. 90). „Das ist ein wunderschönes Eröffnungsprogramm. Und ich wünsche vor allem unserem Publikum, dass viele das erleben können“, sagt Schmitt.

Auch danach hat der Musikverein in der kommenden Saison einiges zu bieten. Zu den Highlights gehören natürlich die eigenen Chor- und Orchesterkonzerte mit dem Konzertchor Lippstadt. Davon sind gleich drei geplant – und sie alle greifen Programme auf, die in der vergangenen Saison Corona zum Opfer gefallen sind, Burkhard Schmitt und seinen Mitstreitern aber so wichtig sind, dass sie einen neuerlichen Anlauf wagen.

Eine bedrückende Aktualität hat dabei „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms gewonnen, das jetzt am 30. Oktober im Stadttheater zu hören sein soll. Teile davon seien ja in der Gedenkveranstaltung des Bundespräsidenten für die Verstorbenen in der Pandemie zu hören gewesen, sagt der Städtische Musikdirektor. Und dieser Bezug solle auch in Lippstadt hergestellt werden. „Den Gedanken hatten wir schon vorher“, erklärt der Dirigent. „Aufgrund seines deutschen Textes erreicht dieses Werk ja eine ganz andere Nähe zum Zuhörer als andere Requiem-Vertonungen, die in der Regel auf Lateinisch gesungen werden.“

Burkhard A. Schmitt

Verstärkt wird der von Schmitt geleitete Konzertchor Lippstadt durch Mitglieder befreundeter Chöre aus Wirges, Siegen und Hamm, die selbst ihre Konzertprojekte für die kommende Saison abgesagt haben. „Die freuen sich deshalb wahnsinnig, bei uns mitsingen zu können.“

Noch mehr vokale Unterstützung gibt es bei „A Sea Symphony“ von Ralph Vaughn Williams, die am 26. März 2022 ansteht. Denn das monumentale Werk des britischen Komponisten ist so umfangreich, dass neben den bereits genannten vier Chören noch ein fünfter mit an Bord ist, und zwar aus Gloucester. Nun ist gerade in Großbritannien die Corona-Situation aktuell ziemlich schwierig. Burkhard Schmitt hofft trotzdem, dass die kanalüberschreitende Kooperation zustande kommt. „Die Engländer wollen alles versuchen, um mit einer Abordnung teilnehmen“, betont er. Und nicht nur das, das Chorprojekt soll überdies mit Lippstädter Unterstützung auch in Gloucester über die Bühne gehen – unter dem Dirigat des dortigen Chorleiters. Für Burkhard Schmitt kein Grund, selbst untätig zu bleiben. „Ich möchte da mitsingen, dieses Erlebnis möchte ich unbedingt haben.“

Das dritte große Chor- und Orchesterkonzert heißt „Gipfeltreffen“ und findet am 22. Mai 2022 statt. Inhaltlich greift es auf das abgesagte Festkonzert zurück, mit dem am 29. August 2020 eigentlich das sanierte Stadttheater eröffnet werden sollte. „Und genau dieses Programm werden wir nicht ersatzlos ausfallen lassen“, sagt Burkhard Schmitt.

Im Mittelpunkt des Programms steht Ludwig van Beethoven, von dem neben der „Chorfantasie“ (op. 80) auch das Klavierkonzert Nr. 5 zu hören ist, laut Schmitt „die Krönung der Klavierkonzerte überhaupt“. Gespielt wird es von Matthias Kirschnereit, einem nicht nur in Lippstadt durch diverse Konzerte bestens bekanntem Solisten. Kirschnereit sei „einer der bedeutendsten deutschen Pianisten“, betont Schmitt.

Sehr hochkarätig ist auch die Partie der Vokalsolistin besetzt. Manuela Uhl ist laut Schmitt „eine der gefragtesten Sopranistinnen in Europa“, die mit bedeutenden Dirigenten wie Gustavo Dudamel, Simon Rattle und Zubin Mehta musiziere. Beim„Gipfeltreffen“ – der Titel lässt sich sowohl auf die Komponisten als auch auf die Solisten beziehen – interpretiert sie Arien von Beethoven, Antonin Dvorák und Carl Maria von Weber. Und nicht nur das, auch im Brahms-Requiem und „A Sea Symphony“ wird sie als Solistin zu hören sein.

Auch der Kammerchor des Konzertchors Lippstadt kommt in der nächsten Saison zum Einsatz. Con Brio gibt am 12. Dezember ein adventliches A-cappella-Konzert in der Jakobikirche. Und er tritt nicht alleine an. Teile des Programms werden von der Sopranistin Stephanie Lönne und dem Pianistenpaar Daniel Tappe und Duan Li gestaltet.

Ein wesentlicher Bestandteil des Konzertprogramms sind neben den Eigenproduktionen natürlich die „eingekauften“ Konzerte. Und auch da hat der Musikverein viel Hochkarätiges – und zum Teil auch Ungewöhnliches – zu bieten.

Seit Deep Purples „Concerto for Group and Orchestra“ 1969 die Welten aufeinanderprallen ließ, hat es deutliche Annäherungen zwischen Klassik und Rock bzw. Pop gegeben. Dennoch dürfte das Programm, mit dem der Abend „Neue Philharmonie Westfalen Goes Pop: Back to the 90s“ am 1. März 2022 aufwartet, die Augenbrauen mancher Klassikfans hochschnellen lassen. Finden sich dort doch Stücke von Interpreten wie Take That, den Spice Girls, Robbie Williams und Jennifer Lopez.

„Wir wollen unser Stammpublikum natürlich nicht vergraulen, aber wir wollen versuchen, auch mal ein anderes Publikum in dieses tolle neue Haus zu bekommen“, sagt der Städtische Musikdirektor. Und dafür wird einiges aufgefahren. Neben zwei Gesangssolisten ist auch eine Band dabei, hinzu kommen gleich zwei Sounddesigner. „Das bekommt einen richtigen Showcharakter“, verspricht Schmitt.

Zu Deep Purples Zeiten beäugten sich Orchester und Rockband übrigens noch mit äußerstem Misstrauen. Davon kann heute keine Rede mehr sein. „Ich habe in vielen Gesprächen mit Orchestermusikern erlebt, dass die einen Heidenrespekt diesen Musikern gegenüber haben, ob das Pop oder Rock ist“, berichtet Burkhard Schmitt „Die schätzen diese unglaubliche Qualität, die Genauigkeit, die Ernsthaftigkeit des Musizierens. Die Zeiten haben sich da absolut geändert.“

Ähnlich grenzüberschreitend, und das gleich in mehrfacher Hinsicht, ist das Venezuelan Brass Ensemble, das sich ebenso als künstlerisches wie als soziales Projekt versteht. Am 2. Oktober macht die muntere Truppe im Rahmen ihrer Europatournee in Lippstadt halt. „Das ist einfach ein phänomenales Orchester, die reißen mit ihrer Show alle vom Sitz“, schwärmt Schmitt.

Musizieren auf Weltniveau: das ATOS Trio
Foto:Jerke

Aber natürlich werden auch die Freunde traditioneller Klassik nicht vernachlässigt. Zu den Highlights gehört sicher das Gastspiel des Atos Trios, das am 29. Januar 2022 mit „Böhmischer Romantik” vorstellig wird. „Das ist eines der wenigen Ensembles, die wirklich auf allen Kontinenten gefeiert werden“, sagt Burkhard Schmitt. „Da bin ich wirklich stolz drauf, so ein Ensemble in der Konzertreihe haben zu dürfen.“ Und das bereits zum dritten Mal. In der gleichen Liga spielt das für den 8. April 2022 angekündigte Minguet Quartett, das sich laut Schmitt „auf dem gleichen Niveau wie das Artemis Quartett“ bewegt.

Das renommierte Minguet Quartett spielt am 8. April 2022 in der Lippstädter Jakobikirche. Foto: Rossbach

Weitere Gäste der kommenden Saison sind das Concilium musicum Wien (19. November), das Parfenov Duo (15. Januar 2022), die Sinfonietta Cracovia mit dem Oboensolisten Ramón Ortega Quero (13. Februar 2022) und der Klaviersolist Klaus Sticken (23. April 2022).

Und auch viele Klassiker sind wieder im Programm, allen voran das beim Publikum beliebte Silvesterkonzert. Das wird jedoch nicht mehr moderiert und dirigiert von Hermann Breuer. Der Jahresendveteran hat sich nämlich aus den Silvesterveranstaltungen zurückgezogen. Den Taktstock schwingt stattdessen Aurélien Bello, der mit der Neuen Philharmonie Westfalen anrückt. Eine Kooperation mit dem Jazzclub (mit noch unbekanntem Programm) ist für den 13. März 2022 in Planung. Und auch die Kurzen kommen nicht zu kurz: Unter der Leitung von Burkhard Schmitt erklingt am 8. März 2022 Der „Karneval der Tiere“ im Kinderkonzert des Musikvereins.