Mein später Weg zur klassischen Musik

von Friedhelm Arnoldt

Friedhelm Arnoldt, M.A., geb. 1948 in Schöppenstedt,
Kreis Wolfenbüttel.
Seit 1988 Projekt und
Leitungstätigkeiten
beim Landschaftsverband
Westfalen-Lippe
in Münster und Lippstadt.
Zahlreiche Aktivitäten
im kommunalpolitischen
und kulturellen
Bereich, unter anderem Mitglied im Beirat des
Heimatbundes.

Klassische Musik spielte bis ins Jahr 2003 in meinem Leben keine besondere Rolle. Ich hatte zwar gerne während meiner Schulzeit am Musikunterricht teilgenommen, war auch als Gymnasiast in das eine oder andere klassische Konzert gegangen, hatte im Posaunenchor meiner Kirchengemeinde – erst in meiner Geburtsstadt Schöppenstedt und nach 1961 in Braunschweig – Zugposaune gespielt, im Spielmannszug meines Wolfenbütteler Gymnasiums getrommelt und im Schulchor gesungen. Danach aber war Musik für mich eher ein Medium, das man eher konsumieren als selbst produzieren konnte. Dabei kam ich mütterlicherseits aus einer musikalischen Familie: mein Großvater spielte bis an sein Lebensende Trompete und Geige, meine Mutter sang jahrzehntelang im Kirchenchor und zwei meiner Cousins waren eifrige Gitarristen.


So standen dann in meinem Plattenschrank etliche Langspielplatten, meistens aus dem symphonischen klassischen Repertoire: vor allen Dingen Mozart und Beethoven, insbesondere dessen Klavierkonzerte und -sonaten. Darüber hinaus mochte ich Tschaikowsky. Sein erstes Klavierkonzert, gespielt von Swjatoslaw Richter, gehörte zu meinen Lieblingsstücken. Aber meine große Liebe gehörte dem Jazz, insbesondere den großen Orchestern im Übergang zum Swing, wie z.B. denen von Fletcher Henderson, Chick Webb, Duke Ellington, Lionel Hampton usw., ergänzt durch die großen historischen Gesangsauftritte von Ella Fitzgerald und Bessie Smith.


Für meine Frau und mich stand fest, dass unsere Kinder sehr früh mit der Musik vertraut gemacht werden sollten, indem sie z.B. ein Instrument aus dem klassischen Bereich erlernten. Als wir 1989 von Göttingen in Niedersachsen nach Lippstadt gezogen waren, war unsere Tochter Julia dreieinhalb Jahre alt. Mit dem Singen haperte es noch ziemlich, da ihre Göttinger Kinderfrau wenig musikalisch war und ihr nur selten richtige Töne beigebracht hatte. Wir versuchten das dadurch zu kompensieren, dass wir anhand eines Kinderliederbuches, das noch heute im Handschuhfach
unseres PKW liegt, auf den langen Autofahrten zu den Großeltern nach Rheinland-Pfalz und
ins östliche Niedersachsen fleißig die Stimme übten. Als die Lippstädter Musikschule ‚Musikalische Früherziehung‘ anbot und Wolfgang Streblow zu diesem Zweck in die Benninghäuser Grundschule kam, war Julia mit Begeisterung dabei. Anschließend erhielt sie dann Geigenunterricht, stieg später um auf Bratsche. Am Göttinger Studienort spielte sie im Universitätsorchester, wo sie übrigens ihren späteren Mann kennenlernte, der neben ihr in der Bratsche saß.


Warum erzähle ich das alles?
Julia – sie war damals in der 10. Klasse – hatte einige Male mit drei weiteren Musikantinnen aus der ‚Symphonietta‘ Auftritte in einem Streichquartett. Ich erinnere mich noch daran, dass es u.a. einen davon in der Buchhandlung Egner gab. Den Cellopart hatte Judith Kaiser inne, mit der Julia enger befreundet war. Ihr Vater – damals 1. Vorsitzender des Städtischen Musikvereins – fragte mich danach, ob ich nicht Lust hätte, im Konzertchor des Musikvereins mitzusingen. Da ich wusste, dass Julia nach ihrem Jahr als Austauschschülerin in Amerika im Konzertchor mitsingen wollte, fiel mir spontan auf die Anfrage von Rolf Kaiser ein: „Wenn meine Tochter nach ihrer Rückkehr aus Amerika in den Chor geht, komme ich mit!“ Die Zeit verging schneller, als ich dachte, die Zusage, nach Julias Heimkehr mit ihr in den Chor des Musikvereins zu gehen, hatte ich längst vergessen. Doch kaum war Julia wieder zu Hause, hieß es: „Papa, am Montag um neunzehn Uhr dreißig ist Chorprobe! Wir fahren gemeinsam hin!“


In der ersten Probe brach mir der Schweiß aus. Ich merkte, dass ich erst mal meine Notenkenntnisse rekapitulieren und mich mit den diversen musikalischen Regieanweisungen wieder vertraut machen musste. Doch die Intonation und die rhythmische Artikulation klappten besser als ich dachte. So beteiligte ich mich dann 2003 des erste Mal an einem Konzert des Lippstädter Chores im Stadttheater. Es war Joseph Haydns Oratorium „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz“. Wir traten gemeinsam mit dem ‚Concilium Musicum‘ aus Wien auf, unter dem einfühlsamen Dirigat von Paul Angerer, dem Senior der Wiener ‚Haydn-Gesellschaft‘. Mir ging das Stück mit seiner tiefen Emotionalität durch und durch.


Dieses Erlebnis hatte Folgen: Ich habe seitdem alle Konzerte des Konzertchores mitgesungen und mich
mit den unterschiedlichen Oratorien, Messen und Chorstücken auseinandergesetzt. Zu einigen von ihnen habe ich Werkeinführungen verfasst und dann vor den jeweiligen Aufführungen dem interessierten Publikum präsentiert. Sie können im ‚Werkverzeichnis‘ auf der Homepage des Musikvereins nachgelesen werden. Darüber hinaus bin ich seit einigen Jahren Mitglied im ‚Geschäftsführenden Vorstand‘ des Musikvereins. In dieser Eigenschaft konnte ich u.a. das Leitbild dieses für Lippstadt so wichtigen Kulturträgers mitgestalten und an der Kulturentwicklungsplanung
der Stadt mitwirken.

Ohne die Impulse meiner Tochter und des ehemaligen Vorsitzenden Rolf Kaiser hätte ich mich jedoch
niemals auf diese erfüllende ehrenamtliche Tätigkeit eines Chorsängers und Vorstandsmitgliedes eingelassen.
Ihnen beiden sei hiermit herzlich gedankt!

Der Verfasser in der vorletzten Reihe Bass während der Aufführung
des Oratoriums „Elias“ von Felix Mendelsohn-Bartholdy am
28.02.2016 im Stadttheater Lippstadt (Aufnahme: D. Tuschen).

Quelle: Lippstädter Spuren – Schriftenreihe des Heimatbundes Lippstadt 28/2020, S. 102-103