Presseartikel 2016/2017

Der Patriot, 23. Mai 2017

Wie klingt Deutschland?

Und ist es wichtig, woher Musik stammt? Das fragte das Kinderorchester NRW

Das bei seinem Konzert im Lippstäder Stadttheater von Achim Fiedler dirigierte Kinderorchester NRW besteht aus jungen Musikern im Alter von neun bis 14 Jahren. Foto: Pawliczek

LIPPSTADT  Es war eine gelungene Mischung aus klassischer Musik und Schauspiel, die das Kinderorchester NRW seinem Publikum am Samstag im Lippstädter Stadttheater bot. Unter der Leitung von Dirigent Achim Fiedler stellte es sein neuestes Stück „Jojo und die Musikmaschine“ vor. Das ließ sich auch der Komponist Philipp Matthias Kaufmann nicht entgehen, der sich ebenfalls in die Publikumsreihen gesellte. „Was ist Heimat, wie identifizieren wir uns damit?“ Diese Frage stellt sich die Schülerin Jojo, gespielt von Mareike Marx. Jojo hat die Aufgabe, für ihre zwei neuen ausländischen Mitschüler etwas typisch Deutsches mit zur Schule zu bringen. Klar, dass Jojo sich für ihre Leidenschaft für klassische Musik entscheidet. Mithilfe ihrer neu erstandenen Musikmaschine versucht sie, eine eigene Komposition zu mixen. Die Musik der Maschine kommt in Wirklichkeit aber nicht aus den Lautsprechern, sondern von den neun- bis 14-jährigen Kindern des Orchesters, die mit Hilfe ihres Dirigenten punktgenau die von Jojo ausgewählten Musikstücke spielen. Zunächst möchte das Mädchen ihren Lieblingsliedern lauschen: Es erklingen Kompositionen von Robert Schumann und Modest Mussorgski sowie ein Auszug aus der Oper „Carmen“ von Georges Bizet, die von den jungen Musikern beeindruckend professionell und gefühlvoll vorgetragen werden. Violinenklänge wechseln sich mit dem Spiel der Kontrabässe ab und werden von zahlreichen weiteren Instrumenten wie Saxophonen, Klarinetten und Schlagzeug untermalt. Neben der Interpretation der Musikklassiker ist das Orchester aber auch für die Hintergrundmusik und einzelne Geräusche wie etwa Handyklingeln verantwortlich. Jojo dreht an den verschiedenen Reglern ihrer Musikmaschine und versucht sich an einer eigenen Komposition. Das gelingt ihr nicht ganz so gut, weshalb bald schiefe Töne durch den Theatersaal schrillen. Dann ruft auch noch ihr Vater an und fordert, sie solle doch etwas „Deutscheres“ spielen. Kurzerhand schickt er ihr die Nationalhymne, und das Orchester trägt sie gekonnt vor. Jojo ist unzufrieden und sorgt durch ihre Regler abermals für einige kreischende Töne, die das Orchester mit schrillem „Geigen-Gejammer“ wiedergibt. Sie gerät ins Grübeln und fragt sich: „Warum ist es plötzlich so furchtbar wichtig, woher meine Komponisten kommen?“ Und wie soll sie allein mit ihrer Musik ein ganzes Land repräsentieren? Sie kommt zu dem Schluss, dass das gar nicht möglich ist — denn, wenn überhaupt, könnte sie doch bloß sich selbst wiedergeben. Und so überzeugt das Konzert nicht nur mit der musikalischen Darbietung des Kinderorchesters, sondern auch, weil es seinem Publikum die Botschaft des multikulturellen Miteinanders vermittelt. Während des gesamten Konzerts sitzen zahlreiche Kinder mit großen staunenden Augen in den Zuschauerreihen. Manch ein junger Gast scheint sich gar vorzustellen, selbst ein Teil des Orchesters zu sein und schwenkt seine Hände ganz nach dem Vorbild des Dirigenten. mp

 

 

Der Patriot, 20. Mai 2017

Wunderbare Erfüllung

Großer Konzertabend mit dem Cellisten Leonard Elschenbroich

LIPPSTADT   Sollte man das Foto des Ungarisches Kammerorchesters zu deuten versuchen, wie es sich auf einem alten Doppeldecker im Lippstädter Kulturprogramm präsentiert? Würde man dahinter „jugendlichen Übermut“ oder den Hinweis auf rückwärtsgewandte Programmausrichtung vermuten? Hat man die Mitglieder dieses Orchesters aber beim letzten Saisonkonzert des Lippstädter Musikvereins im Stadttheater erlebt, bleibt die Erinnerung an eine wohl jugenddurchwirkte Besetzung, zugleich aber an eine, die die Kompositionen vergangener Jahrhunderte mit höchster Intensität erspielte. Ständig wurden sehr genau die Intentionen der Werke ausgehorcht, wurden die inneren Zusammenhänge fast ausziseliert. Bei aller klanglichen Strukturiertheit ging nie die Spielfreude am Werk und am Miteinander verloren. Und so hielt sich eine überzeugende Grundheiterkeit auch bei emotional etwas verhangeneren Kompositionen wie der „Serenade“ von Hugo Wolf oder dem fast orchestralen Charakter annehmenden Arrangement von Guiseppe Verdis Streichquartett in e-Moll, das in dieser durchaus heiklen Version die technische Bravour und klangliche Einfühlsamkeit der Musikanten glänzend unterstrich. Höchste Beachtung aber verdienten sie sich als ebenso individuelles wie absolut anpassungsfähiges Gegenüber zum Solisten des Abends, dem wunderbaren Cellisten Leonard Elschenbroich. Es ist ja kaum überzeugend zu begründen, wie es zu den immer wieder unterschiedlichen Wellen von Instrumentalsolisten kommt, die irgendwann flächendeckend emporschießen, oft unbegreiflich perfekte und dabei doch hochbegabte Musikanten sind. Im Augenblick werden besonders die Solocellisten herausgestellt, und wie berechtigt ist das doch! Dass aus dieser Spezies von hoher Qualität immer noch einige herauszuragen vermögen, ist völlig verständlich. Einer von ihnen ist Leonard Elschenbroich, und den erlebte das Lippstädter Publikum beim Konzert mit dem Ungarischen Kammerorchester. Was zeichnet ihn besonders aus? Nicht die verblüffende Technik seines Spiels — und doch, wer wagt schon eine solche Reihung souveräner Flageolettpartien? Technik wird heutzutage zum Leidwesen von Musikkennern oft überschätzt. Bei Leonard Elschenbroich ist es vielmehr die Verbindung von heute fast selbstverständlichen technischem Vermögen mit einer wunderbaren Erfüllung des Lebens, das der Musik innewohnt, das sensible Aushorchen der Komposition. Damit erfüllt er so unterschiedliche Ansprüche wie die des eher technisch orientierten Niccolò Paganini, des eher emotionalen Cello-Konzerts von Antonio Vivaldi oder der barock anmutenden „Suite Italienne“ von Igor Strawinsky. Als prachtvoller i-Punkt dann die Zugabe des Schlusssatzes aus der Cello-Sonate von Paul Hindemith, ein beachtenswerter Schritt in die Musik des 20. Jahrhunderts. Leonard Elschenbroich und das Ungarische Kammerorchester — ein großer Konzertabend.  AK

 

Der Patriot, 07. April 2017

Der Leser hat das Wort

Wir freuen uns über jeden Leserbrief, müssen uns aber Kürzungen vorbehalten. Leserbriefe geben ausschließlich die Meinung der Einsender wieder und müssen nicht mit der Auffassung der Redaktion übereinstimmen. Anonyme Zuschriften werden nicht veröffentlicht.

„Enttäuschende Rezension“

Bezug: Rezension „Beifallumrauscht“ vom 4. April über die Aufführung von Karl Jenkins‘ „The Armed Man: A Mass for Peace“ im Lippstädter Stadttheater Die positive Reaktion des Publikums auf den Jenkins, auch noch nach dem stürmischen Beifall im Stadttheater, und die Enttäuschung der Zuhörer, des Chores und der jungen Leute, die eingebunden waren, über die Kritik im Patriot veranlassen mich, diesem Bericht deutlich zu widersprechen. Ich glaube, es hat lange Zeit keine Rezension in Ihrer Zeitung gegeben, in der die persönliche Meinung eines Kritikers zur Qualität und Aussage eines Musikwerkes so diametral zur Wahrnehmung des Publikums und der Musizierenden steht. Ich habe den Eindruck, Herr Kornemann hat mit seiner vorgefassten Meinung über die Musik Jenkins‘ das Werk gar nicht an sich herankommen lassen, sonst wäre ihm vieles nicht verborgen geblieben. Nämlich das monumentale Klangbild, die effektvollen Kontraste, das bewusst aufdringliche Schlagwerk, die sich mit berührenden romantischen Klängen abwechseln. Ein Wechselbad der Gefühle. Und wie kann man eine Aufforderung zum Frieden und zur Toleranz besser ausdrücken, als dass man dem Gebetsaufruf des Muezzins die zum Gottesdienst einladenden Kirchenglocken gegenüberstellt und sie am Ende in dem gesungenen Glockenschlag miteinander verschmelzen lässt. Was für eine Dramaturgie und eine wunderbare Vision. Ich habe in vier Einführungsveranstaltungen in Gymnasien auch anhand von Musikbeispielen leidenschaftlich für das Werk geworben und muss feststellen, dass durch die Kritik in der Zeitung unsere Bemühungen um junge Menschen konterkariert und das Vertrauen in die Arbeit des Musikvereins nicht gerade gefördert wird.
Dr. Peter Knop


Vorsitzender des Städtischen Musikvereins Lippstadt

Der Patriot, 04. April 2017

Beifallumrauscht

Aufführung von „The Armed Man“ überzeugt mehr als das Werk selbst

Von Alfred Kornemann

Burkhard A. Schmitt leitete Chor und Orchester mit größter Intensität. Fotos: Tuschen

LIPPSTADT   Große, spürbare Begeisterung bei allen Ausführenden und am Ende beim Publikum. Burkhard A. Schmitt hatte als musikalischer Leiter ein überaus intensives Musizieren geleistet. Das kam dann auch beim Publikum schon sehr bald entsprechend an. Aber was kam da eigentlich an? „The Armed Man: A Mass for Peace“ ist ein höchst effektvoll gebautes Stück des walisischen Komponisten Karl Jenkins, der momentan mit manchem seiner Werke erstaunliche Anerkennung findet. Dabei enthält seine Messe nicht einen einzigen originären Ansatz, hat selten eine rhythmische Prägnanz, geht dabei – wenn wir auf Kompositionsentwicklung nur der letzten nicht einmal hundert Jahre schauen – selbst noch hinter einem Carl Orff zurück, mäandert im Vierertakt vor sich hin, hat in wenigen Momenten eine leichte Eisler-Einfärbung und einen wenig pfiffigen Schmiss eigentlich nur in den Blechbläsern. Aber sie ist weitgehend so gefällig, dass sie gefällt. Und sie lebt von dem, was man bei der Lippstädter Aufführung so bestechend erleben konnte. Da war mit Burkhard A. Schmitt ein musikalischer Leiter, der mit größter Intensität dem Orchester wie dem Chor einen fesselnden und den jeweiligen Zeitbezug präzise nachvollziehenden Klang abverlangte. Da war der klanglich wie in der Diktion hochkonzentierte, von seinem Tun selbst gepackte Konzertchor Lippstadt, verstärkt durch die Mittelstufen-AG und den Vokalpraktischen Kurs der Marienschule Lippstadt, der dem Gesamtklang eine leicht silbrige Klangkomponente beigab (einstudiert vom Musiklehrer Heiko Held). Zu nennen sind auch unbedingt die Chorsolisten Judith Musga (Sopran), Laetitia Bittner (Alt), Matthias Cano Urbanke (Tenor) und Bastian Oberdick (Bass), die sich der Interpretation mit klanglicher Unaufdringlichkeit einfügten. Und da war der als Muezzin eingesetzte Mohammad Alkaddour von der arabischen Gemeinde Lippstadt, dessen Mitwirken ein erfreuliches Zeichen gegenseitiger religiöser Wertschätzung in Lippstadt war. Bei aller zu Recht beifallumrauschten Aufführung dieses Werkes von Karl Jenkins: Mich überzeugt diese eklektische, oft nur „schöne“ Erinnerung an die Opfer des Kosovokrieges nicht. Von welcher Substanz ist dagegen das „War Requiem“ von Benjamin Britten, das uns der Städtische Musikverein auch schon vorgestellt hat. Ein guter Einfall war es, den Abend mit dem bekannten „Adagio for Strings“ von Samuel Barber einzuleiten. Diese Adagio nämlich schaffte die emotionale und klanglich fesselnde Atmosphäre, die später vom vorlauten Schlagwerk doch arg zertrümmert wurde.

Vom eigenen Tun gepackt: der durch Marienschüler verstärkte Konzertchor Lippstadt

 

 

 

 

Der Patriot, 14. März 2017

Unbändige Musizierfreude

Das Dover Quartet begeistert in der Jakobikirche

Das 2008 in Philadelphia gegründete Dover Quartet musizierte am Samstag auf Einladung des Städtischen Musikvereins Lippstadt in der Jakobikirche. Foto: Brode

Lippstadt   Musikalischer Hochgenuss beim Kammerkonzert des Städtischen Musikvereins in der Jakobikirche: Das amerikanische Dover Quartet machte auf seiner Europa-Tournee Station in Lippstadt und interpretierte erlesene Quartettkompositionen aus drei Jahrhunderten. Mit Joel Link (Violine), Bryan Lee (Violine), Milena Pajaro-van de Stadt (Viola) und Camden Shaw (Violoncello) präsentierte sich ein von Kritikern hochgelobtes Ausnahmeensemble junger Solisten, die von Anfang an ihr Publikum zu fesseln vermochten. Das fing ganz klassisch an mit Wolfgang Amadeus Mozarts Streichquartett F-Dur (KV 590), das hier wohl uneingeschränkt als ein wohlklingendes Paradebeispiel für die unbändige Musizierfreude des sympathischen Quartetts gelten darf. Bereits das geschmeidig angegangene Hauptthema im ersten Satz wurde mit großem Elan transparent. Bezaubernder Weichklang durchpulste das fein abgestuft vorgetragene graziöse Allegretto im langsamen Andante-Satz. Tänzerisch bis kraftvoll erklang das farbenfrohe Menuett mit den Vogelstimmen-Imitationen. Ein auffällig rasches Tempo gaben die Künstler im lebhaften Vivace des Finalsatzes vor: Hier wurden spritzige musikalische Einfälle virtuos verarbeitet. Das Allegro sprühte geradezu vor Lebendigkeit. „Amerikanisch“ wurde die Musik dann beim 1936 entstandenen Streichquartett h-Moll op. 11 von Samuel Barber. Die auffallend dramatische Melodik des Molto Allegro-Satzes wich dann im Mittelsatz einem Ruhe ausstrahlenden melodiösen Thema, bevor die schwelende Stimmung des ersten Satzes im beeindruckenden Crescendo von der dominierenden Viola im Finale ad absurdum geführt wurde — ein bedrückendes, aber meisterhaft durchgespieltes Gesamtwerk. Heitere Musizierfreude stand im Fokus bei der lupenreinen Interpretation von Franz Schuberts Streichquartett a-Moll op. 29 (D 804), dessen liedhaftes Andante-Thema im zweiten Satz an Schuberts Bühnenmusik zu „Rosamunde“ erinnerte. Zu Beginn wählte das Ensemble im Allegro-Satz eine etwas ruhigere Gangart mit lieblichen Sequenzen, nur selten unterbrochen von resolut gestrichenen Momenten. Hier herrschte im Widerstreit schwermütiger und kontrapunktischer Passagen sowie liedhafter Elemente eine eher melancholische Grundstimmung vor. Etwas schwermütig nahm sich auch die Stimmung des an sich adretten Menuett-Themas aus, die durch dunkel eingefärbte Bass-Intonationen des Cellos verursacht wurde und gerade dadurch klanglich interessant wirkte. Heiter ging es dann beim fröhlich intonierten Thema des Final-Allegros zur Sache, dessen markant entwickeltes Leitmotiv für ein nachhaltig beeindruckendes Konzertende sorgte. Für den herzlichen Applaus gab’s noch Duke Ellington als Zugabe.   LB

Der Patriot, 28. Januar 2017

Spannungsvolles Innenleben

Wernigeroder Kammerorchester überzeugt mit „Londoner Bach“

LIPPSTADT Es war ein Konzert der breitgefächerten Stimmungspalette, das der Lippstädter Musikdirektor Burkhard A. Schmitt als Orchesterleiter mit dem Philharmonischen Kammerorchester Wernigerode anbot. Und es hatte im ersten Programmteil den Reiz der Begegnung mit Kompositionen, die nicht allzu häufig auf Konzertprogrammen erscheinen. Das erstaunt ein wenig, im Blick auf Johann Christian Bach, dessen Bedeutung nicht nur in einer Fülle spritziger Werke zu sehen ist, mit der er als „Londoner Bach“ das Feld der großstädtischen Musik beherrschte. Mindestens so bedeutend war er für seine komponierenden Zeitgenossen und nicht zum mindesten auch für die herumreisende Mozart-Familie. Was Johann Christian Bach der Musik an Dynamik, spannungsvollem Innenleben und klanglicher Beweglichkeit angeboten hat, war genau der Interpretationsansatz von Burkhard A. Schmitt, dem das Philharmonische Kammerorchester Wernigerode mit Intensität, bei aller Konzentration klanglich völlig unverkrampft und klangsensibel folgte. So war es kaum verwunderlich, dass sich das reine Hörerlebnis bei den erfüllten langsamen Sätzen besonders ausgeprägt einstellte. Und das beim Andante der Sinfonie B-Dur op. 18 Nr. 2 von Johann Christian Bach ebenso wie im Andante des Konzertes für Oboe und kleines Orchester D-Dur von Richard Strauss, in dessen großen attacka-Bogen sich fast die ganze Kompositionsgeschichte des Komponisten niederschlägt. Leonie Dessauer (Oboe) war die prachtvolle Solistin, die dem Werk auf der Basis technischer Souveränität bis in die verästelten Kadenzen hinein die Spritzigkeit wie die treffliche Oboen-Klangseligkeit gab. Im zweiten Programmteil dann die wohl bekannteste Sinfonie Wolfgang Amadeus Mozarts, die „Große g-Moll“, immer einer der Höhepunkte in „eines Dirigenten Erdenwallen“. Die begrenzte Zahl der Ausführenden in einem Kammerorchester musste zunächst ein wenig überraschen, weil so die Bläser in klangliche Übermacht gerieten. Dass Burkhard A. Schmitt aber mit zügigen Tempi und sensiblem Aushorchen der Partitur hier Ausgleich zu schaffen wusste, da war beachtlich und fand besonders in den musikantischen Flötistinnen beste Interpretinnen. So wurde es eine erfreuliche Begegnung mit allen Gästen, Komponisten wie Ausführenden. Und was könnte dafür ein deutliches Indiz sein als ein konzentriertes, hustenfreies Publikum in bronchialverseuchten Zeiten.  AK

 

Der Patriot, 17. Januar 2017

Phantasievolle Farbigkeit

TrioConBrio widmete sich in der Jakobikirche Komponisten des 20.Jahrhunderts

LIPPSTADT  Es war in mehrfacher Hinsicht ein ungewöhnliches Kammerkonzert, das eine große Zuhörerschar trotz aller dräuenden Gefahrenwetterprognosen in die Jakobikirche gelockt hatte. Das TrioConBrio war zu Gast, ein hochrenommiertes Ensemble in ungewöhnlicher instrumentaler Besetzung mit Flöte, Gitarre und Viola. Diese Besetzung ist aber immerhin so reizvoll, dass sie Komponisten jüngerer Zeit zu Werken angeregt hat, und die stammten im Programm darum alle aus dem 20. Jahrhundert. Hörgefährdend war das alles nicht, da hat die Moderne schon ganz andere Angebote an ungewöhnlichen Klangerlebnissen gemacht. Die hier vorgestellten Kompositionen gewannen ihren Reiz weitgehend aus der phantasievollen Farbigkeit und entscheidend aus der rhythmischen Lebendigkeit. Beidem entsprachen die drei Ensemblemitglieder in prachtvoller Weise: Christina Singer als virtuose Flötistin, Gitarristin Andrea Förderreuther, die technisch wie klanglich in jedem Moment dem „con Brio“ entsprach, und Lydia Bach, die der oft bis in die Lyrik hinein als so zurückhaltend beschriebenen Viola nicht die Rolle des „ich weine mit, ich tröste“ zuwies, sondern ihrem besonders in den tiefen Lagen voluminösen Instrument jede rhythmische Pfiffigkeit entlockte. Das Astor Piazziolla dem Programm mit Auftakt und Zugabe den entscheidenden Rahmen gab, war zu erwarten. Auch, dass der Maestro seinen Witz, seinen verschmitzten Umgang mit musikhistorischen vorgegebenen Bausteinen ausspielen würde und damit eigentlich immer seine Zuhörer mitreißt. Aber da waren andere Komponistennamen, die nicht zum gängigen Hörangebot gehören. So der Amerikaner Roland Pearl, der mit seinen „Three ways to the North“ meditative Elemente mit folkloristischen Elementen zu verbinden weiß. Da ist der Brite Chris Dumigan, der das weiteste klangliche Spektrum in den drei Sätzen seiner Komposition „Aubade, Pastorale und Dance“ anbietet, das das TrioConBrio im vergangenen Jahr uraufgeführt hat. Und da ist Sergio Assad, der in drei Sätzen eine emotionale Entwicklungsgeschichte vorlegt. Alle sind Komponisten des 20. Jahrhunderts, und darin liegt auch der Grund für die leise Publikumsermüdung. Es wurde bravouröse musiziert, aber etwas über den Grad sättigender Akzeptanz hinaus. Das konnten auch die bei aller rhythmischen Eleganz oft im gleichen Klanggewand vorbeiziehenden Kompositionen nicht verwischen. AK

Der Patriot, 02. Januar 2017

Ein prickelndes Erlebnis

Großpolnische Philharmonie Kalisch liefert spritzige Konzert-Cocktails

Die Großpolnische Philharmonie Kalisch und der Tenorsolist Dariusz Pietrzykowski beim Silvesterkonzert. Foto: Brode

Lippstadt   Prickelnd wie Champagner: Musikalische Sektperlen beendeten in zwei gut besuchten Silvesterkonzerten im Stadttheater das alte Jahr auf stilvolle Art. Hermann Breuer, Dirigent und humorvoll plaudernder Moderator zugleich, hatte diesmal das Orchester der Großpolnischen Philharmonie Kalisch mitgebracht. Erwartungsgemäß hatte das Ensemble wieder feierliche wie spritzige und unterhaltsame Konzert-Cocktails aus dem klassischen Repertoire sowie dem Opern- und Operetten-Bereich im musikalischen Reisegepäck. Das begann recht geschmeidig mit der Ouverture zur komisch-mythologischen Operette „Die schöne Galathee“ von Franz von Suppé mit ihrem kraftvoll gestalteten Finale und setzte sich fort mit der resolut interpretierten Farandole aus der Arlesienne-Suite mit dem typischen Sound der baskischen Tambour- Trommel und dem schnell gespielten Galopp „Jeux d’enfants“ (Spiele der Kinder) von Georges Bizet. In einem melodiös-tänzerischem Charakter erklang die Ouverture zur Oper „Don Pasquale“ von Gaetano Donizetti, bevor das Orchester mit dem anspruchsvollen Orchestersatz „Bacchanale“ aus der Oper „Samson und Delila“ von Camille Saint-Saens eine klanglich reizvolle Exkursion in orientalische Gefilde unternahm. Naturgemäß stand dann im zweiten Teil des Konzerts Polka- und Walzerseligkeit von Johann Strauß im Mittelpunkt. Die schnell gespielte Polka „Par force“ und die in gemäßigtem Tempo erklingende Annenpolka wurde schließlich als Zugabe von der rasant dahin rauschenden Tritsch-Tratsch-Polka komplettiert. Hinreißend gelang auch der Csárdás aus der Oper „Ritter Pasman“. Die konzertante Krönung des Konzerts setzte das Orchester schließlich mit einem der berühmtesten Strauß-Walzer „An der schönen blauen Donau“. Das musikalische i-Tüpfelchen setzte der polnische Tenorsolist Dariusz Pietrzykowski mit ausgewählten Opern- und Operetten-Arien. So präsentierte sich der Sänger als „Hexenmeister“ bei der Strauß-Operette „Der Zigeunerbaron“ und versprühte exotisches Flair mit seiner Arie „Von Apfelblüten einen Kranz“ aus Franz Lehárs Operette „Das Land des Lächelns“. Schließlich zitierte der Tenor das Konzertmotto „Heut geh ich ins Maxim“ quasi als „gestresster Lebemann“ mit der gleichnamigen Arie aus Lehárs Operette „Die lustige Witwe“. Mit dem immer wieder als letzte Zugabe krönenden unverwüstlichen Radetzky-Marsch wurde das eifrig im Takt mitklatschende Publikum musikalisch festlich eingestimmt in die Silvesternacht entlassen.  LB

Der Patriot, 14. Dezember 2016

Akustische Ruhepause

Weihnachtliches Chorkonzert von Con Brio

LIPPSTADT  Zu kaum einer Jahreszeit wird so flächendeckend Musik gemacht, wie in den Wochen vor Weihnachten. Da wird das Schlagzeug ebenso aktiviert wie die Blockflöte, die Mikrofone laufen heiß, der üblicherweise quälende Lärmpegel wird frohlockend angepeilt. Da sind akustische Ruhepausen so nötig wie dankenswert. So wie bei der adventlichen und weihnachtlichen Chormusik, geboten von dem Kammerchor Con Brio des Lippstädter Musikvereins, geleitet von Burkhard A. Schmitt, am Samstag in der Jakobikirche. Das war erfüllter, am Text orientierter Chorgesang verschiedener Epochen, immer von einer stillen Einfalt, die sich nicht aufblähte zu konzertantem emotionalem Überdruck. So wurde auch das Publikum gedanklich mit einbezogen in die musikalischen Aussagen, erfreute sich an den bekannten Chorälen etwa von Johann Sebastian Bach oder Johannes Eccard, hörte aufgeschlossen den Kompositionen der letzten Jahrzehnte zu, etwa von John Rutter oder Robert Scandrett, die sich allerdings auch nicht zu erregendem Neuklang hinreißen ließen. Was störte es da bei einer solchen musizierenden oder lauschenden Gemeinsamkeit, dass die Chormänner ein wenig schwächelten oder der insgesamt klangvolle und klangreine Sopran manchmal etwas robust zu Werke ging? In dieses Chorprogramm fügten sich überzeugend die Solo-Beiträge von Stephanie Lönne (Sopran), die mit großer Dezenz eine leichte Indisposition überwand. Daniel Tappe (Klavier) war ihr dabei ein sensibler Begleiter, hier wie bei den zu begleitenden Chorstücken von musikalischer Versiertheit. Dem Publikum sollte eine Stunde der Besinnung beschert werden. Das ist Burkhard Schmitt mit seinem Kammerchor, Stephanie Lönne und Daniel Tappe dankenswert gelungen. AK

 

Der Patriot, 29. November 2016

Intensive Klangwelten

Wupper Trio begeisterte mit Kammerkonzert

Lippstadt  Es ist inzwischen ja nicht mehr ungewöhnlich, wenn die Künstler eines Kammermusikabends sich mit einer kurzen Einführung in die zu erwartenden Werke vorstellen. Wenn es so unaufwendig geschieht wie beim letzten Kammerkonzert des Städtischen Musikvereins mit dem Wupper Trio in der Jakobikirche, dann ist es nicht einmal störend. Zumal Sayaka Schmuck (Klarinette), Barbara Puntschrock (Violine, Viola) und Benyamin Nuss (Klavier) so spielten wie sie auftraten – völlig werkzugewandt, damit den Stimmungswert der jeweiligen Komposition genau treffend, technisch von selbstverständlicher Souveränität. Spiritus Rector war dabei der Pianist Benyamin Nuss, von dem sowohl das klanglich sensible Fundament wie die Agogik ausging. Im Verbund mit ihm konnte sich das hochmusikantische Miteinander von Klarinette und Streichinstrumenten entfalten. Ludwig van Beethovens „Klarinetten-Trio B-Dur, op. 11“ zu Programmbeginn war dabei klanglich noch ein wenig unausgeglichen, was weniger an den Ausführenden lag, als vielmehr an der gewählten Instrumentation. Das wunderbar verhangene Bratschen-Timbre gab dem Adagio eine besondere Tiefe. Im Eingangsallegretto aber vermisste man dann doch das klangprofiliertere Violoncello. Im Schlussvariantensatz fand das Wupper-Trio aber zu spielerischer Brillanz. Jules Massenet, im Bewusstsein der Musikwelt als Opernkomponist angesiedelt, zeigte sich mit der „Meditation“ aus der Oper „Thais“ als begabter, klangerfüllender Schöpfer von Kammermusik. Und dieses beliebte Geigenstück spielte Barbara Puntschrock mit großer klanglicher Intensität, die komponierte Emotionalität unverschwiemelt auslotend. Dass Max Bruch, obwohl beachtlicher Komponist von Kammermusik, mit seinem Dauerbrenner „Violinkonzert“ leider unterbewertet ist, bewies das Wupper Trio mit einer Auswahl aus seinen „Acht Stücken, op. 83“ – und das sowohl in dem poetischen „Nachtgesang“ als auch in dem dramatischen Allegro auf jeweils prachtvoll stimmige Weise. Alle drei Künstler hatten schließlich in der zweiten Programmhälfte die Gelegenheit, sich individuell zu profilieren. Astor Piazzollas „Vier Jahreszeiten“, keine Abbildung jahreszeitlicher Besonderheiten, sondern eher klangliche Assoziationen, hatten den nötigen rhythmischen Schwung, die gewünschten Stimmungswerte, und begeisterten damit das Publikum, obwohl insgesamt vielleicht etwas zu solide angelegt. Viel Beifall also für einen nach Programm und Interpretation unbeschwerten Abend.  AK

Der Patriot, 15. November 2016

Emotional packend

Beeindruckendes Mozart-Konzert des Städtischen Musikvereins

Matthias Kirschnereit stellte den neuen Steinway-Flügel mit Mozarts Klavierkonzert d-Moll (KV 466) vor. Fotos: Tuschen

Matthias Kirschnereit stellte den neuen Steinway-Flügel mit Mozarts Klavierkonzert d-Moll (KV 466) vor.
Fotos: Tuschen

LIPPSTADT  Es ist ja schon ein kleines Ereignis, wenn sich eine Stadt von der Größenordnung Lippstadts in unseren Zeiten einen neuen Steinway leisten kann und will, wenn sich Sponsoren dafür finden. Ein Kompliment für deren Kunstsinn. Da steht er nun im Stadttheater, und ein Künstler wie der wunderbare Pianist Matthias Kirschnereit, in Lippstadt schon mehrfach gefeierter Gast, stellt ihn mit dem trotz lichter Partien doch sehr dunkel getönten Klavierkonzert d-Moll (KV 466) von Wolfgang Amadeus Mozart vor. Matthias Kirschnereit stellt Steinway vor Er tut dies gleichermaßen mit hoher Sensibilität für die Schwermutsmomente wie für die die Erregung unterbrechenden Ruhemomente und die melancholisch gestimmte Romanze. Das Orchester der Nordwestdeutschen Philharmonie Herford begleitet ihn, konzentriert geführt von dem die Farbwechsel deutlich markierenden Burkhard A. Schmitt. Die etwas uncharmanten Violinen wurden dabei durch lebensvolles, musikantisches Spiel der Bläsergruppe geschönt. Mit seinen Zugaben, vom Publikum begeistert gewünscht, zeigte Matthias Kirschnereit einmal mehr die voluminöse Klangfülle und Ausgeglichenheit des bis in die Höhen voll ansprechenden neuen Instrumentes. Wie wird es erst beglücken, wenn es einmal unangefochten durchgestimmt ist. Den Bösendorfer-Vorgänger kann ich allerdings nicht vergessen. Wolfgang Amadeus Mozarts anrührendes „Requiem“ stand im Zentrum der Konzertstunde. Burkhard Schmitt bot eine Interpretation, die voll aufging. „Requiem“ steht im Zentrum Sie war nicht überquellende Emotionalität angelegt, vielmehr auf höchste Durchsichtigkeit durch präzise Artikulation und auf eine Dynamik, die jeweils der Komposition innewohnende Aussagemomente einleuchtend traf, ohne sie zu überpointieren. Dem Konzertchor Lippstadt gelang eine eindrucksvolle, werkgerechte Darstellung der packenden Mozart-Komposition. Entscheidend dafür war die Ausgeglichenheit der Stimmen, eine dem Dirigat von Burkhard A. Schmitt präzise folgende klangliche Elastizität, überzeugende Intonation (das ist in der anspruchsvollen Sopranpartie besonders zu vermerken) und eine durch alle Stimmen durchgehaltene klangliche Intensität. Das Orchester der Nordwestdeutschen Philharmonie Herford erfüllte das vor Zeiten geheimnisumwitterte, emotional packende Requiem mit großer Innenspannung und Ausgewogenheit zwischen den Orchestergruppen. Ein adäquates Solistenquartett ist nicht nur für das Mozart-Requiem heikel. Marietta Zumbült rang mit erfreulichen Ergebnis mit einer leichten Indisposition, Nohad Becker war mit ausgeglichenem Alttimbre das Solistenzentrum, Anton Saris ist ein souveräner, klangschöner Oratorientenor, Karsten Schröter ein etwas direkter, leicht spröder Bass. Alle Beteiligten aber machten den Konzertabend zu einem berührenden Erlebnis.  AKKarsten Schröter (Bass) und Anton Saris (Tenor).

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Der Patriot, 01. November 2016

Die Selbstverständlichkeit des Musizierens

Fesselndes Klavierkonzert von Klaus Sticken in der Jakobikirche

LIPPSTADT  Ein hohes Lob für die Kammerkonzerte in Lippstadt von einer angereisten Hörerin. Und das berechtigt. Mehr als berechtigt nach dem Klavierabend mit dem Programm des ungewöhnlich faszinierenden Pianisten Klaus Sticken. Was fesselt an seinem Musizieren in einer Zeit, in der Künstler seiner Generation und jüngere so häufig ihr Ego über die Komponisten und deren Werke kleben? Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der das Musizieren von Klaus Sticken so klingt, als könnte es vom Komponisten gar nicht anders gemeint sein. Um ihn nämlich geht es, wenn der Interpret hier mit überlegener, aber niemals zirzensisch vorgeführter Technik, hoher Einfühlsamkeit und bei aller Emotionalität mit intelligenter Distanz jeweils die Komposition als staunenswertes Kompositionswunder vorstellt. Klaus Sticken hat in Lippstadt nach seinem ersten fulminanten Auftritt im Kreis dreier weiterer Pianisten einen solchen Eindruck hinterlassen, dass sein Konzert an einem ungewöhnlichen Tag, zu ungewöhnlicher Tageszeit ein großes Publikum anzog. Dem in der Jakobikirche ein Programm geboten wurde, das auf einer großen China-Tournee allergrößte Anerkennung gefunden hatte. Am Programmbeginn Ludwig van Beethovens Klaviersonate op. 31,3, in den ersten beiden Sätzen ein phantasievolles Konzertstück, im Schlusssatz Presto geradezu ein Temperamentsausbruch, alles mit musikantischer Heiterkeit gespielt. Wie Klaus Sticken aber im dritten Satz den kurzen Moment melancholischer Überraschung in die übrigen Satzwirbel setzte, das bewies intellektuell souveräne Werküberschau. Dem Zuhörer stockt der Atem Dass man die fünf Klavierstücke des orchestralen Großmeisters Richard Strauss nur so selten hören kann, ist nach der Interpretation von Klaus Sticken nur verwunderlich. Denn die breite Klangpalette, durchaus der Sprache der Spätromantik verhaftet, bot ein Stimmungsbarometer, das trotz der frühen Periode im Schaffen von Richard Strauss durchaus Signale des Zukünftigen setzte, im Schlusssatz geradezu Abschied und Aufbruch andeutete. Im zweiten Programmteil dann die Meisterschaft des Interpreten in zwei bekannteren Werken. In Frederic Chopins g-Moll-Ballade wird eine verwickelte Geschichte erzählt, die sich in den vom Pianisten blendend aufgedröselten verwickelten kompositorischen Strukturmomenten niederschlägt. Das demonstrierte Klaus Sticken intellektuell glänzend und höchst klangbewusst. Danach die „Wanderer Fantasie“ von Franz Schubert, dieses Meisterwerk der Klaviermusik überhaupt. Der Zugriff auf dieses Werk war überwältigend, von einer Innenspannung, einer nicht zu bremsenden ortlosen Unrast, die selbst von dem alles bestimmenden Adagio-Zentrum nicht zu besänftigen war. Es passiert ja nicht oft, dass dem Zuhörer der Atem stockt, Klaus Sticken hat das erreicht und so wirkte die Zugabe von Franz Schuberts As-Dur-Impromptu wie eine wundersame Erlösung aus einem fesselnden Klavierabend. AK

Der Patriot, 29. Oktober 2016

Ein feurig-finnischer Abend

Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Bei Mervi Myllyoja nicht

Mervi Myllyoja verbindet die unterschiedlichsten Klangwelten zu einem ganz eigenen Sound. Fotos: Balzer

Mervi Myllyoja verbindet die unterschiedlichsten Klangwelten zu einem ganz eigenen Sound. Fotos: Balzer

Von Andreas Balzer LIPPSTADT  Mervi Myllyoja entschuldigt sich erst einmal. Sie seien erst am Vortag aus Finnland gekommen, erklärt die Geigerin nach den beiden Eröffnungsstücken. „Wir sehen noch ziemlich erschöpft aus – aber tatsächlich haben wir Spaß“, versichert sie. Das spontane Lachen ihrer Begleiter Jonna Pirttijoki (Akkordeon

Begeisterte auch als Sängerin

Begeisterte auch als Sängerin: Jonna Pirttijoki

und Gesang) und Samuli „Teho“ Majamäki (Percussion, Vibraphon) bestätigt das umgehend. Und auch das Publikum des jüngsten Gemeinschaftskonzerts des Jazzclubs und des Städtischen Musikvereins lässt sich von der guten Laune, die sich auch durch die geringe Zuhörerzahl nicht trüben lässt, schnell anstecken. Dabei ist das Programm, mit dem sich das Trio am Donnerstag auf der Lippstädter Studiobühne vorstellt, trotz des etwas André-Rieu-haften Titels „Magic Violin“ durchaus anspruchsvoll. Es verbindet erstaunlich mühelos höchst unterschiedliche und zum Teil äußerst widersprüchliche Klangwelten und verbindet sie zu einem ganz eigenen Sound. Deutsche Romantik trifft da auf Jazz, Tango (finnischer ebenso wie argentinischer) auf Pop und Orient auf Okzident. Der Abend beginnt ganz beschwingt und tänzerisch mit Kompositionen des finnischen Tangokomponisten Toivo Kärki und des französischen Jazz-Akkordeonisten Richard Galliano, bevor das Trio deutlich melancholischere und dramatische Töne anschlägt — ganz passend zu der Gemütstimmung, die man den Finnen ja generell gerne nachsagt (auch wenn das an diesem Abend ziemlich Lügen gestrafft wird). „Karelia“ heißt das neu arrangierte traditionelle Stück, benannt nach der finnisch-russischen Landschaft, aus der auch Mervi Myllyoja stammt. Dass die Karelier jedoch auch ganz anders drauf sein können, beweist das wunderbar beschwingte „Swing of The Poor Carelia“ von Aili Runne, das kurz darauf folgt. Umschwünge, Brüche und unerwartete Verbindungen dieser Art gibt es viele an diesem Abend. Und doch fügt sich alles wunderbar ineinander und bildet ein dichtes, in sich völlig stimmiges Klanggeflecht. So verschränkt die Violinistin Johannes Brahms’ „Ungarischen Tanz Nr. 5“ einfach mal mit einer finnischen Polka, und ihre in Ägypten entstandene Eigenkomposition (mit Samuli Laiho) „Desert Run“ verbindet arabische und westliche Elemente zu einem furiosen Mix. Über allem schwebt natürlich die „magische“ Geige (akustisch und elektrisch), doch Mervi Myllyoja lässt auch ihren Mitspielern viel Raum.

Samuli "Teho" Majamäki

Samuli „Teho“ Majamäki

Percussionist und Vibraphonist Teho Majamäki (im erste Konzertteil im schmucken Rasputin-Outfit) klöppelt ebenso virtuos wie variantenreich auf einer ganzen Batterie von Schlaginstrumenten herum. Und Jonna Pirttijoki begeistert nicht nur als Akkordeonistin, sondern auch als ausdrucksstarke Sängerin. Vor allem beim Adele-Hit „Skyfall“, obwohl sich der als einziges Stück nicht ganz ins Gesamtprogramm einfügen will. Es ist ein Abend, den man als feurig-finnisch bezeichnen könnte, wenn es nicht so absurd wäre. Und doch ist es einfach so.

Der Patriot, 19. Oktober 2016

Gastspiel in Ewiger Stadt

Konzertchor zeigt sein Repertoire in Kirche „Santa Maria dell‘ Anima“

Das abendliche Konzert war der Höhepunkt der Rom-Reise des Konzertchores, dessen Mitglieder von dem aus Bad Waldliesborn stammenden Reiseführer Elmar Schinnen begleitet wurden.

Das abendliche Konzert war der Höhepunkt der Rom-Reise des Konzertchores, dessen Mitglieder von dem aus Bad Waldliesborn stammenden Reiseführer Elmar Schinnen begleitet wurden.

Lippstadt   Ein Konzert in der Ewigen Stadt gegeben zu haben – das können sicherlich nicht viele Musiker von sich behaupten. Rund 50 Mitglieder des Konzertchors Lippstadt gehören jetzt zu diesem erlesenen Kreis. Im Rahmen einer Chorreise haben sie ihr Repertoire in der Kirche „Santa Maria dell’Anima“ in Rom präsentiert. Das Konzert unter der Leitung von Burkhard A. Schmitt bot einen feierlichen und akustisch herausragenden Rahmen für die Chorwerke von Bruckner, Mendelssohn Bartholdy, Mozart, Elgar und Rheinberger. Organist Daniel Tappe brachte zudem die Orgel der Kirche mit zwei barocken Werken zum Klingen. Mit 80 Zuhörern war das Konzert in der Kirche der deutschsprachigen Katholiken außergewöhnlich gut besucht. Schließlich gibt es allein im Zentrum der italienischen Hauptstadt mehr als 240 Kirchen – entsprechend viele musikalische Darbietungen buhlen um das Interesse der Zuhörer. Um dieses zu befeuern, hatten die Sänger im Verlauf ihrer touristischen Erkundungstouren hier und da eine Kostprobe aus ihrem Programm gegeben. Das zahlte sich aus: 465 Euro kamen für das Hilfsprojekt der Gemeinde zusammen.

 

Der Patriot, 11. Oktober 2016

Fast wie bei Familie Mendelssohn zu Hause

Solisten Matthias Kirschnereit und Lena Neudauer begeistern im Stadttheater

Der musikalische Leiter, Timo Handschuh (l.) sowie die Solisten Lena Neudauer (Geige) und Matthias Kirschnereit (Klavier), bestachen im Stadttheater mit einem hörenswerten Konzert. Foto: Wissing

Der musikalische Leiter, Timo Handschuh (l.) sowie die Solisten Lena Neudauer (Geige) und Matthias Kirschnereit (Klavier), bestachen im Stadttheater mit einem hörenswerten Konzert. Foto: Wissing

Lippstadt  Solch ein Konzert wie das des Lippstädter Musikvereins mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim und zwei Solisten kann man sich gut bei den Hauskonzerten im Berliner Haus der Familie Mendelssohn vorstellen. Heiteres, bei aller räumlichen Offenheit intimes Musizieren mit Werken von Komponisten, die sich bei der Kompositionsarbeit alle noch ein wenig auf dem Weg befanden. Und erstaunlich ist es schon, auf welch hohem künstlerischen und technischen Niveau sich die Ausführenden bei den Morgenveranstaltungen befunden haben müssen, wenn die die Werke des Programms im Lippstädter Stadttheater oft prima vista gespielt haben. Am Beginn stand die Streicherserenade Nr. 2 von Felix Mendelssohn Bartholdy, ein jugendliches, in liebenswürdiger Vorgängerabhängigkeit erkennbares Stück, von dem musikalischen Leiter Timo Handschuh hochkonzentriert, präzise mit seinem Kammerorchester gespielt, nirgendwo mit dem leicht überlegenen Wissen von später bedeutenderen Kompositionen des Wunderkindes Felix. Das war dann auch das einzige rein orchestrale Werk des Programms, in dem der musikalische Leiter sein dynamisches Feingefühl, sein Ausarbeiten von musikalischer Spannung und Entspannung zeigen konnte, wie er es bei den weiteren Programmwerken bravourös als „Begleiter“ bewies. Technische Perfektion, spielerische Eleganz Hier nämlich, in seinem Anteil an einem insgesamt fast kammermusikalischen Musizieren, wurden diese Anforderungen besonders gefragt. Und das entscheidend dann, wenn zwei Solisten zu begleiten waren, deren Nähe zur Kammermusik sich zur Begeisterung des Publikums in allen Besetzungen zeigte. Matthias Kirschnereit (Klavier) ist der in Lippstadt ebenso gefeierte, wie immer mit hochgestimmter Erwartung empfangene Pianist, der in Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert A-Dur (KV 414) einmal mehr seine besondere Fähigkeit bewies, technische Perfektion zu spielerischer Eleganz und Emotionalität zu verbinden. Seine kammermusikalische Hinwendung und sensible Einfühlung in den Mitmusikanten machte Felix Mendelssohn Bartholdys Konzert für Violine und Klavier und Orchester, ein selten gespieltes und anspruchsvolles Werk, zu einem wahrem Duo-Erlebnis. Die Palme an diesem Abend aber verdiente sich die Geigerin Lena Neudauer. Mit ihrem klangfarbenreichen Instrument, das offenbar jede dynamische Abschattierung möglich macht, mit ihrer musikalischen Intensität, bei der jeder Ton seinen eigenen Atem bekommt, jede Phrase erfüllt wird, konnte sie das Konzert aller Mitwirkenden im genannten Mendelssohn-Werk zu einem lustvollen Interpretationsereignis machen, wie sie zuvor Schuberts Rondo für Violine und Orchester mit hoher Intensität und klanglicher Noblesse erfüllt hatte. Die Zugabe der beiden Künstler schien zu signalisieren: Das Publikum sollte sich Hoffnung auf einen Duo-Abend machen dürfen, der Beifall hatte dazu jedenfalls fast Aufforderungscharakter.  AK

 

Der Patriot, 24. September 2016

Völlig ins symphonische Geschehen eingebunden

Brahms-Konzert mit Linus Roth begeistert im Stadttheater

Ein hervorragndes Team: der Generalmusikdirektor der Neuen Philharmonie Westfalen, Rasmus Baumann (r.), und der fabehafte Violinist Linus Roth. Foto: Tuchen

Ein hervorragndes Team: der Generalmusikdirektor der Neuen Philharmonie Westfalen, Rasmus Baumann (r.), und der fabehafte Violinist Linus Roth. Foto: Tuchen

LIPPSTADT  Sie war ja einmal besonders beliebt und erfreut noch heute manchen Hörer, die „Akademische Festouvertüre“ von Johannes Brahms. Mit ihr eröffnete die Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung seines Generalmusikdirektors Rasmus Baumann das Sinfoniekonzert des Lippstädter Musikvereins. Diese Ouvertüre ist – wie könnte es bei Johannes Brahms anders sein – sehr kunstvoll gebaut, das thematische Material mehrerer Burschenschafslieder verarbeitend. Aber es ist recht plakativ, und so war es verständlich, dass das Orchester bei aller Konzentration ein wenig lustlos-lärmend aufspielte. Ganz anders danach die zwei bedeutenden Werke aus dem Schaffen des Komponisten. Das Violinkonzert D-Dur op. 77 spielt eine besondere Rolle. Es stellt bei allen technischen Ansprüchen (heute gehören die zu den selbstverständlichen Forderungen an Violin-Solisten) den Solisten nicht aus, sondern bindet ihn völlig in das symphonische Geschehen des Werkes ein. Dirigent und Orchester spielen also auf dem schmalen Grat zwischen symphonischem und solobegleitendem Anspruch. Rasmus Baumann gelang das nicht nur mit großer rhythmischer Präzision, sondern entscheidend mit den fein abschattierten musikalischen Momenten im Zusammenspiel mit dem fabelhaften Solisten Linus Roth, der den nicht besonders ausgeprägten Tonumfang seines Instrumentes sehr intelligent im Gesamtgeflecht einzusetzen wusste und dabei wie in der Joachim-Kadenz musikantisch und technisch brillierte. Seine Chaconne-Zugabe aus der Partita von Johann Sebastian Bach entsprach so ganz dem Eindruck von einem jungen, Musik zutiefst verbundenen, ernsthaft musikzugewandten Künstler. Ein besonderer Moment im sinfonischen Schaffen von Johannes Brahms ist die 2. Sinfonie. Hier hat er sich völlig vom so lange bedrückenden Schatten Ludwig van Beethovens gelöst, findet er seinen eigenen Kompositionsstil. Rasmus Baumann führte hier sein Orchester zu einer spritzigen, engagierten, seiner rhythmischen Präzision klangbewusst folgenden (nur in den Posaunen stellenweise ausbrechenden) Interpretation. Klangsensibler Höhepunkt war dabei das Adagio, ein reines Verströmen eines melodiösen und doch streng gebauten langsamen Satzes. Das Publikum war zu Recht begeistert. AK

Der Patriot, 13. September 2016

Geistvolle Spritzigkeit

Gelungene Eröffnung der Konzertsaison mit clais-obscur

Nach dem abendlichen Konzert in der Lippstädter Jakobikirche war das Berliner Saxophonquartett clair obscur gestern vormittag noch einmal im Stadttheater zu Gast, um auch jüngere Zuhörer für den Komponisten wie György Ligeti, George Gershwin, Astor Piazzolla und Chick Corea zu begeistern. Foto: Tuschen

Nach dem abendlichen Konzert in der Lippstädter Jakobikirche war das Berliner Saxophonquartett clair obscur gestern vormittag noch einmal im Stadttheater zu Gast, um auch jüngere Zuhörer für den Komponisten wie György Ligeti, George Gershwin, Astor Piazzolla und Chick Corea zu begeistern. Foto: Tuschen

LIPPSTADT   „Summertime“ — drinnen und draußen — beim Kammerkonzert des Städtischen Musikvereins in der Lippstädter Jakobikirche. Da mag sich das Saxophon noch so mühen, kann es sich keck, gar grell aufzuführen versuchen, es bleibt da immer seine einschmeichelnde Klangsubstanz. Vielleicht hat das wirklich damit zu tun, dass das Saxophon die klanglich größte Nähe zur menschlichen Stimme hat. Das Berliner Saxophonquartett clair-obscur zeigte am Sonntag im Eröffnungskonzert der Musikvereinssaison das ganze spezifische Klangspektrum, das sich aus dieser Annahme entwickeln lässt: weite, manchmal melancholische Klangbögen, pfiffiges, präzise rhythmusbestimmtes, prachtvoll aufeinander eingespieltes Musizieren. So machten Jan Schulte Bunert (Sopransaxophon), Maike Krullmann (Altsaxophon), Christoph Enzel (Tenorsaxophon) und Kathi Wagner (Baritonsaxophon) das Konzert zu einem wahren „Summertime“-Vergnügen, vom Publikum entspannt genossen. Einzig die programmeröffnenden „Sechs Bagatellen“ von György Ligeti, nicht nur in Lippstadt mehrfach gespielte populäre Modernitäten, erscheinen im freundlichen Saxophongewand ein wenig plüschig. Auch hier stand natürlich außer Frage die hohe Professionalität der Künstler, ihre musikantische Einfühlsamkeit in die jeweiligen Kompositionsbesonderheiten. So etwa in die geistvolle Spritzigkeit des Saxophonquartetts von Jean Françaix, so bei der emotionalen Auslotung der „Angel-Suite“ in Astor Piazzollas Tangoschwung oder der liebevollen Klangfarbenwelt der Kinderlieder von Chick Corea. Im zweiten Programmteil wurde es dann prachtvoll jazzig, etwa in der Suite aus George Gershwins „Porgy and Bess“, ebenso hinreißend in der „West Side Story“, bei der die ganze stimmungsgemäße und stilistische Breite des Konglomerats verschiedener Musikstile aufgefächert wurde, über die der unvergleichliche Leonard Bernstein verfügt hat. Ein begeisternder Programmabschluss also, aber noch nicht das Ende. Vom Publikum nicht entlassen, bewiesen die Künstler in ihren Zugaben zu aller musikalischer Hochform auch noch theatralischen Sinn und schickten so das beschwingte Publikum in die „Summertime“.   AK

 

Der Patriot, 28. Juni 2016

In die Ferien gehen mit schönen „Drömmarna“

Con Brio sorgte für entspannten Saisonabschluss

Unter der Leitung von Burkhard A. Schmitt sang der Kammerchor des Städtischen Musikvereins Lippstadt, Con Brio, in der Lippstädter Jakobikirche. Foto: tuschen

Unter der Leitung von Burkhard A. Schmitt sang der Kammerchor des Städtischen Musikvereins Lippstadt, Con Brio, in der Lippstädter Jakobikirche. Foto: Tuschen

LIPPSTADT    Die akustischen Freudenausbrüche nach einem endlich mal wirklich guten Spiel der deutschen Fußballmannschaft waren auf den Straßen kaum verklungen, da wurde es schwedisch. Und das in der Jakobikirche mit dem Kammerchor Con Brio des Städtischen Musikvereins, geleitet von Burkhard A. Schmitt. Da mag denn mancher getröstet sein, dass es „Europa“ in Kunst und Sport gibt, und das schon über tausend Jahre. Akustische Wohltat also aus der Apsis der Jakobikirche mit Kompositionen aus Schweden. Dass man bei den unterschiedlich anspruchsvollen Werken die Sprache nicht verstand (wenn auch an mancher Stelle freundlich vorbereitend übersetzt) war kein Aufnahmehemmnis. Vielmehr löste sich die Sprache in Klang auf, und das gelang dem Kammerchor Con Brio unter der Leitung des intensiv die jeweiligen Kompositionen auf ihre klanglichen Besonderheiten ausdeutenden Burkhard A. Schmitt. Er hat seinen Chor zu hoher Klanghomogenität, zu klanglicher Flexibilität und insgesamt erfreulicher Intonationssicherheit geformt. Gerade letzteres ist bei der stellenweise nicht ganz selbstverständlichen Harmonik besonders anzuerkennen. „Drömmarna“ (Träume) von Jean Sibelius ist im Umkreis einer großen Zahl von Volksweisen von besonderem Intonationsanspruch und wurde ebenso sicher erfüllt wie die lockere Virtuosität der „Folksvisa“ von Olle Lindberg. Hübsche Gebrauchsmusik waren daneben etwa die „Tre trollsänger“ von Robert Sund, mit angemessenem Schwung geboten. Hier war dann auch Daniel Tappe (Klavier) der rhythmische Motor. Er hatte zuvor mit der Auswahl aus Edvard Griegs „Lyrischen Stücken“ seinen klanglichen Feinsinn für die intimen Kompositionen bewiesen und gemeinsam mit Duan Li selbst den „Norwegischen Tanz“ zu mehr als einer netten Programmeinlage gemacht. Im Zentrum des Programms aber stand die Liederreihe von Wilhelm Peterson-Berger, in der Burkhard A. Schmitt dem Chor die jeweils angemessene Emotionalität, dynamische Breite, Flexibilität, alles auf der Basis einheitlicher Artikulation, abverlangen konnte. Ein entspannter Saisonabschluss wurde also dem Publikum in die Ferien mitgegeben, entspannt, aber mit der angemessen großen künstlerischen Ernsthaftigkeit. AK

Der Patriot, 24. Mai 2016

Unendlicher Nuancenreichtum

Das Berliner Atos Trio begeistert in der Jakobikirche

LIPPSTADT   Man kann ja auch nach Berlin fahren, wo sie eine eigene Konzertreihe haben, oder nach London und in andere Großstädte. Man kann aber auch einfach in die Jakobikirche zum Kammerkonzert des Lippstädter Musikvereins gehen, um ein Ensemble von Weltruf, das Atos Trio, zu erleben. Und viele kamen, mancher mag aber auch von der gefürchteten Parkplatznot wegen sportlicher Aktionen abgehalten worden sein. Die gekommen waren, erlebten die Künstler des Atos Trios — Annette von Hehn (Violine), Stefan Heinemeyer (Violoncello) und Thomas Hoppe (Klavier) — auf selten erlebbarer Interpretationshöhe. Das Klaviertrio B-Dur (KV 502) von Wolfgang Amadeus Mozart machte schon von Beginn an deutlich, was es bedeutet, wenn Interpreten den Ausdruckswert einer Komposition ermitteln und dann vollendet musizierend hinter das Werk zurücktreten. Mozart gibt hier dem Klavier noch den vorher üblichen Führungscharakter, den Thomas Hoppe brillant auslotete. Aber die beiden Streicher haben dem Klavier gegenüber an Bedeutung gewonnen, so dass in glänzender klanglicher Detailabstimmung sowohl die naiven Momente der Komposition wie die insgesamt liebenswürdige Melodik einer Mozart’schen Hausmusik trefflich gelangen. Dass bei der interpretatorischen Vollkommenheit eine naheliegende distanzierte Kühle, den Raumtemperaturen entsprechend, vermieden wurde, verdient besondere Erwähnung. Was ist in der Musik Ludwig van Beethovens unbeschwert, wenn sie nicht zugleich einen Hintergrund von Belastung hat? Das Klaviertrio Nr. 6 Es-Dur gehört wohl zu seinen weniger beschwerten Werken, selbst bei einer gewichtigen kanonischen Einleitung und einer Reihe dunkel gefärbter Momente. Aber gerade vor dem insgesamt heiteren, tänzerischen Grundton, dem Fehlen eines langsamen Satzes, gewinnt die Komposition ihren changierenden Reiz, den das Atos Trio völlig unforciert mit schier unendlichem Nuancenreichtum erfüllte. Dieser war es dann auch, der das Klaviertrio f-Moll (op. 65) von Antonin Dvorák zu einem elektrisierenden Hörerlebnis machte. Es gibt die typische Dvorak’sche Grundstimmung, die dem Hörer vertraut ist, die in diesem Werk aber nur stellenweise, etwa im zweiten Satz oder in Passagen der Schwermut des Adagios, anklingt. Insgesamt aber wird das Werk immer wieder von einer packenden Leidenschaftlichkeit bestimmt, die temperamentvolle Ausbrüche ebenso erfasst wie die tieferfüllte Gesanglichkeit etwa des Adagios. Was hier das Atos Trio an hochmusikantischem Engagement, an sensibelster Durchleuchtung dynamischer Entwicklungsbreite bewies, das rechtfertigte jede Lobeshymne, die dem Ensemble vorauseilt. Das Publikum mochte wohl eine ähnliche Hymne nach dem Lippstädter Konzert hinterhersenden.  AK

Der Patriot, 26. April 2016

Mit musikantischer Phantasie und Klangsinn

PKF – Prague Philharmonia begeistert im Lippstädter Stadttheater

LIPPSTADT   Was eigentlich erklärt den heutigen Erfolg der Musik des Barock, wie er uns im Instrumentalbereich begegnet? Es ist wohl, entsprechend dargeboten, ihrer Vitalität, ihre Musizierfreude, der Effekt der Wiedererkennung, womit dann der Anspruch an den Hörer nicht allzu hoch angesetzt ist. Was an kompositorischem Raffinement die Zeitgenossen erfreute, was ihnen aber auch diese Musik als ein Beitrag zur Geselligkeit bedeutete, das kann der heutige Hörer nur im Ansatz mitbekommen, wenn er sich dieser Musik mit Offenheit, ohne geistig-seelische Vertiefungserwartung hingibt. Ein ganzer Konzertabend wie der beim jüngsten Konzert des Städtischen Musikvereins im Lippstädter Stadttheater kann dann schon eine leichte Erschaffung beim Hörer erzeugen. Nicht aber, wenn es sich bei den Ausführenden um die PKF – Prague Philharmonia handelt. Dieses spritzige Kammerorchester vertrieb alle Gähn-Attacken. Da wurde nicht nur klanglich höchst diszipliniert gespielt, da war die klangliche Ausgeglichenheit durchglüht von einer Spielfreude, die sich am eigenen prachtvollen Gelingen begeisterte. Wunderbarer Oboist Ramón Ortega Quero Antonio Vivaldi, in verschiedenen Kompositionsansätzen vorgestellt, gewann bei der hier gebotenen instrumentalen Intensität, bei der dynamischen Flexibilität mitreißendes Leben. Georg Philipp Telemann, ein sesshafter und überreich schaffender Komponist, überraschte mit einer Ouvertüren-Suite „Les Nations“, ohne bildkräftige Reisereminiszenzen, aber mit musikantischer Phantasie und Klangsinn, von den Prager Musikern mit entsprechendem Witz und in Homogenität gespielt. Auch Giuseppe Sammartinis Konzert für Oboe, Streicher und B.c. (das Cembalo musste sich auch hier an der Grenze zur sichtbaren Mitwirkung bewegen) wurde nicht zum erschlaffenden Sequenzen-Bad. Denn dagegen stand der wunderbare Oboist Ramón Ortega Quero, der mit Spielwitz und technisch-spielerischer Souveränität dem Stück Leben gab. Und wie hinreißend, mit großer dynamischer Breite, verblüffendem Atemvorrat und überzeugender Verzierungssouveränität hatte er schon im ersten Programmteil Johann Sebastian Bachs a-Moll-Konzert BWV 1041 gespielt, damit das Programmgewicht gesetzt. Ähnlich überlegt machte es auch das Prager Orchester, als es an das Ende des zweiten Programmteiles mit der Sinfonie Nr. 1 G-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach auf die kommende Zeit eines uns heute schon näherstehenden Joseph Haydn verwies. Auch im 111. Jahr seines Bestehens schwingt sich der Lippstädter Musikverein mit diesem Orchester, diesem Solisten zu Konzertereignissen auf. Und das nächste steht mit dem Atos Trio bevor.  AK

 

Der Patriot, 12. April 2016

Eine Musik voller Vitalität

Konzert des Duos Brillaner mit dem Cellisten Emanuel Wehse

LIPPSTADT   Sollte man überlieferten Aussagen trauen, dann ist Ludwig van Beethoven die große Popularität seines Septetts op. 20 ein wenig unheimlich erschienen, sogar lästig gefallen. Das klingt ein wenig kokett, denn diese wunderbare Serenadenmusik ist von hohem klanglichen Reiz und Einfallsreichtum, großem Farbreichtum und von glänzender Zuordnung der jeweiligen instrumentalen Besonderheiten eines ein wenig ins fast Sinfonische ausgeweiteten Klangspektrum. Eingängige Musik, dem Komponisten vielleicht darum etwas verdächtig. Verständlich also die Raffung des instrumentalen Anspruchs auf die Besetzung mit Klarinette, Violoncello und Klavier, dichter, weniger serenadenhaft. Das Duo Brillaner mit Shirley Brill (Klarinette) und Jonathan Aner (Klavier) spielte es gemeinsam mit dem Cellisten Emanuel Wehse in dieser Fassung beim Kammerkonzert des Lippstädter Musikvereins als eine Musik voller Vitalität, engagiert und feinsinnig, mit Feinzeichnung in den Variationen, im Menuett etwas flüchtig, inspiriert vom pianistischen Farbreichtum des glänzendem Jonathan Aner, immer lebensvoll mit in sich ruhendem Charme. Nach der Pause dann das Klaviertrio d-Moll op. 3 von Alexander von Zemlinsky, der in der letzten Zeit seine Wiederentdeckung erfährt. Ein tiefgründiges im fast ausufernden Eingangsallegro beim dramatischen Auf und Ab mit sich und Johannes Brahms ringend, mit liedhaften Zügen im beinahe wienerischen Andante und mit lapidarem Schlusssatz. Ein packendes Stück Kammermusik, von den Ausführenden bei der kompositorischen Verwühltheit mit fast raffinierter Durchsichtigkeit besonders im Agogischen durchlichtet. Eigenartig, wie beinahe flach danach das so liebenswürdige Beethoven-Trio nachklang. Am Ende eine kleine Zugabe von Max Bruch, ein Stück zum Durchatmen, zugleich der Beweis für die großartige Interpretationsweite der Musikanten dieses beachtlichen Kammerkonzertes.   AK

Der Patriot, 15. März 2016

Ein wunderbarer Interpret
Pianist Matthias Kirschnereit begeistert im Stadttheater

LIPPSTADT   Mit dem Kammerorchester des Nationaltheaters Prag war zum Sinfoniekonzert des Städtischen Musikvereins ein Gast geladen, der sich durch hohe Klangkonzentration, Präzision und agogische Geschmeidigkeit auszeichnete. Und Burkhard A. Schmitt hat als musikalischer Leiter offenbar einen guten Zugriff auf dieses Orchester, das ihm sehr konzentriert, bis in die feinsten dynamischen Wendungen folgte. Wenn dennoch die schmissige Ouvertüre zu Gioachino Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ ein wenig saftlos klang, dann lag das nicht an mangelnder rhythmischer Straffheit, sondern eher daran, dass das Orchester sehr im Bühnenhintergrund aufgestellt war, zudem noch vom großen Flügel abgedeckt wurde. Das wiederum war ein Gewinn für das so dialogisch angelegte Klavierkonzert Nr. 4 op. 58 von Ludwig van Beethoven, wo nicht Kräfte aufeinanderprallen, sondern wo sich – und das gelang Burkhard A. Schmitt bestens zu koordinieren – liebevolle Zuwendung zwischen Solist und Orchester abspielt. Matthias Kirschnereit ist der wunderbare Interpret für diesen Kompositionsstil. Und er gibt ihn schon mit den ersten wiederkehrenden Takten dieses Klavierkonzertes vor, in denen er den Romantikern mit Ludwig van Beethoven anzudeuten scheint, in welche Richtung sie sich kompositorisch zu bewegen haben. Schwungvoll und klangbewusst Völlig überzeugend aber, wie Matthias Kirschnereit dieses lyrische Eingangsmoment immer mehr in einen Herrschaftston entwickelt, wie er in den Kadenzen seinen Solistenanspruch souverän ausspielt – über technische Kompetenz ist auf der Höhe Kirschneit’scher Interpretenliga ja nicht mehr zu sprechen –, um dann völlig in den gemeinsamen Dienst am großen Werk zurückzukehren. Wenn heutzutage oft so willig unkritisch Beifall ausgegossen wird, hier war er wirklich berechtigt, bei der Beethoven-Interpretation von Matthias Kirschnereit ebenso wie nach seiner distanziert-tiefempfundenen Schubert-Zugabe. Dass der Beifall nicht in unerträgliches Moskauer Parteitagsgeklatsche mündete, spricht für das Publikum. Nach der Pause dann die Sinfonie D-Dur op. 24 von Jan Václav Vorisek. Es wird nicht viele Zuhörer gegeben haben, die diesen Komponisten kannten, ich jedenfalls kannte ihn nicht. Und was für inspirierte, liebenswürdige Musik hat dieser böhmische Komponist geschrieben, dessen Talent sich bei seinem frühen Tod wirklich nicht ausleben konnte. Wie schwungvoll und klangbewusst wird in seiner Sinfonie das Gegenüber von Streichergruppe und Bläsern (ein Sonderlob dem Horn) ausgereizt, dieses entscheidende Kompositionsmoment, das Burkhard A. Schmitt prachtvoll herausarbeitete. Und das Orchester spielte mit solchem Engagement, als wollte es seinem Landsmann hier endlich die Bühne bereiten. Das ist bestens gelungen. Dank an den musikalischen Leiter, Dank an die Gäste aus Prag. Es ist nie zu spät, sich Unbekanntes bekannt zu machen, wie der Applaus bewies.  AK

 

Der Patriot, 01. März 2016

Kraftvoll und sensibel
Eindrucksvolle „Elias“-Auffürhung des Städtischen Musikvereins

Beeindruckendes Solistenensemble: Dirigent Burkhard A. Schmitt (M.) mit Hanna Ramminger und Kai-Li Hsin (Sopran), Susanne Stingl und Monica Mascus (Alt) sowie Hans Bernhard Bröker, Markus Krause (Bass), Stephan Zelck und Klaus Stuckenschneider (Tenor; v.l.)

Beeindruckendes Solistenensemble: Dirigent Burkhard A. Schmitt (M.) mit Hanna Ramminger und Kai-Li Hsin (Sopran), Susanne Stingl und Monica Mascus (Alt) sowie Hans Bernhard Bröker, Markus Krause (Bass), Stephan Zelck und Klaus Stuckenschneider (Tenor; v.l.)

LIPPSTADT  Es war eine höchst eindrucksvolle Aufführung des Oratorien-Dramas „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy im Lippstädter Stadttheater. Die Bedingungen dafür waren für den Städtischen Musikverein auch besonders günstig. Ein großer Chor, bestehend aus dem Lippstädter Konzertchor, aus Mitgliedern des Konzertchores Wirges und im ersten Teil des Oratoriums aus dem Vokalpraktischen Kurs der Marienschule (gerade für ihn wohl ein besonderes musikalisches Erlebnis) — aus dieser Sängerfülle konnte der Leiter des Abends Burkhard A. Schmitt für das breite Anspruchsspektrum der Oratorienpartitur schöpfen. Und er tat dies nicht nur mit selbstverständlich hochkonzentrierter Präzision, sondern mit einem feinen Gespür für die Stimmungsbreite der Partitur, der Verbindung von liedhaftem mit choralhaftem, von lyrisch-heiterem mit streng dramatischem Ausdruck. Der Chor folgte dabei mit klanglicher Disziplin, Elastizität und glänzender Artikulation. Zur Darstellung augenfälliger Bildhaftigkeit, zum raschen Umschalten der Stimmungswerte war die Nordwestdeutsche Philharmonie ein engagierter, besonders in den anspruchsvoll geforderten Holz- und Blechbläsern verlässlicher Partner, wobei die Orchesterpräzision in den Rezitativen besondere Anerkennung

Der Konzertchor Lippstadt wurde verstärkt durch Mitglieder des Konzertchores Wirges und im ersten Teil des Oratoriums auch durch den Vokalpraktischen Kurs der Marienschule. Fotos: Tuschen

Der Konzertchor Lippstadt wurde verstärkt durch Mitglieder des Konzertchores Wirges und im ersten Teil des Oratoriums auch durch den Vokalpraktischen Kurs der Marienschule. Fotos: Tuschen

verdiente. Was aber wäre die Interpretation des „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy ohne einen herausragenden Elias-Sänger. Und der war mit Markus Krause (Bass) gewonnen. Er konnte nicht nur mit kraftvoll-dramatischem Stimmvolumen prunken, er war vielmehr der hochsensible Gestalter einer alle stimmlichen Facetten fordernden Partie. So machte er die große Arie „Es ist genug“ (und nicht nur in diesem Stück wurde die Nähe des Komponisten zum verehrten Johann Sebastian Bach deutlich) zum musikalischen Zentrum des Abends. Hanna Ramminger war mit beweglich geführtem, klangintensiven Sopran ein überzeugendes Gegenüber zum Elias. Die Ansprüche der Tenor-Partie erfüllte Stephan Zelck mit stimmschöner Differenzierung. Monica Mascus (Alt) fehlte es in den Solopartien an Volumen, sie war aber zusammen mit dem ausbaubedürftigen Sopran von Kai-Li Hsin eine sensible Ensemblesängerin. Wie denn überhaupt die Ensembles besonders beeindruckten, in die sich die Chorsolisten Susanne Stingl (Alt), Klaus Stuckenschneider (Tenor) und Hans-Bernhard Bröker (Bass) bestens einfügten. Mit ihnen gewann das Ensemble die lyrische Klangschönheit des Schmuckstücks des Werkes „Denn er hat seinen Engeln befohlen“, wenn dem auch die innere Ruhe fehlte. Der Anspruch von Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Elias“ ist an alle Ausführenden sehr hoch. Ihm wurde in der Aufführung durch den Musikverein Lippstadt glänzend entsprochen. AK


 

Der Patriot, 17. Februar 2016

Erfrischend unverbraucht
Das Duo Stark überzeugt mit Werken von Beethoven, Schumann und Schubert

LIPPSTADT  Zwei junge, hochbegabte Kammermusiker, Nurit Stark (Violine) und Cédric Pescia (Klavier): Mit einem Programm erfrischend unverbrauchter Werke der Kammermusik, das musste ja ein erfreulicher Abend des Lippstädter Musikvereins in der Jakobikirche werden. Und so einer wurde es. Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier und Violine op. 96 ist nicht der Programmrenner für Interpreten. Dafür ist sie doch zu fein gesponnen, besonders im Eingangsallegro. Zudem überließ hier die Geigerin durch übergroße Klangdezens dem Pianisten das musikalische Feld, was er temperamentvoll bestellte. In den beiden Schlusssätzen wurden dann gemeinsam die Konturen der Sätze herausgespielt, die Uneinheitlichkeit des Finales mit seinen überraschenden Schattierungen auch im Dynamischen überzeugend herauspräpariert – eine einleuchtende Interpretation. Ein großer, ein leidenschaftlicher, ein stellenweise verwühlter erste Satz bestimmt die Sonate op. 105 von Robert Schumann. Und genau diesen Charakter trafen die beiden Künstler vortrefflich, indem sie die vermeintlich auseinanderstrebenden formalen Gegensätzlichkeiten immer wieder zusammenzubinden wussten. Schönsten Nuancenreichtum eines auch im Rhythmischen bravourös aufeinander eingespielten Duos zeigten einmal mehr das liedhafte Allegretto und das Finale, mit seinem großen Erinnerungsbogen zum ersten Satz zurückblickend. Robert Schumann soll seine Sonate nicht gefallen haben. Die Interpretation des Duo Stark hätte ihn seine Meinung revidieren lassen. Wie konnte es 1828 zu so vernichtender Beurteilung von Franz Schuberts „Fantasie für Violine und Klavier D 934“ kommen? Dass bei einer Aufführung dieser Fantasie ein Interpret zeigten musste, „wie viel ihm noch zum soliden Violinspieler mangle“, das ist bei den technischen Anforderungen dieses Werkes verständlich. Weniger schon, dass ein Referent „gesteht, dass auch er vom Ausgang dieses Musikstückes nicht zu sagen weiß“. Es hatte sich für ihn wohl zu lang ausgedehnt. Ganz unverständlich aber ist uns heute, die Ansicht einer Leipziger Musikzeitschrift: „Man könnte darüber füglich das Urteil fällen, der beliebte Tonsetzer habe sich hier geradezu verkomponiert.“ Und was sagen wir heute? Dieses Werk ist eine Liebeserklärung an die Musik, immer wieder kreisend um das Liedzitat „Sei mir gegrüßt“, voller dezent tänzerischer Momente, dynamisch glänzend ausgewogen zwischen Duo-Partnern, mit rhythmischem Witz, innerlich drängend auf einen fast triumphalen Schluss zu. Und genau diese Kriterien erfüllte das Duo Stark bravourös, mit einem mitreißendem musikalischen Impetus. Da wurde dieses ausgedehnte Werk niemandem zu lang. Der Beifall, eine Schumann-Zugabe gewinnend, war darum angemessen stark. Ein Kammermusikabend mit hohem Erinnerungswert. AK


 

Der Patriot, 02. Februar 2016

Schwerelos und voller Poesie
Herausragendes Sinfoniekonzert mit der Geigerin Tanja Becker-Bender

Tanja ecker Becker-Bender (hier vor dem Konzert) bewies in Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-Moll op. 64 ein feines Gespür für die emotionalen Werte des Werkes Foto: Tuschen

Tanja Becker-Bender (hier vor dem Konzert) bewies in Felix Mendelssohn Bartholdys. Violinkonzert e-Moll op. 64 ein feines Gespür für die emotionalen Werte des Werkes Foto: Tuschen

LIPPSTADT   Zwei Komponisten im jüngsten Sinfoniekonzert des Städtischen Musikvereins, zwei Komponisten mit höchst unterschiedlichen Biographien, unterschiedlichen kompositorischen Ansätzen. Felix Mendelssohn Bartholdy, das Wunderkind, das schon in seiner Jugend als Komponist anerkannt war, und Anton Bruckner, der aus der Klassik sich fortentwickelnde, selbstzweifelnde Komponist, den Zeitgenossen wahrlich nicht aufbauen konnten mit ihren Kommentaren wie „Traumverwirrter Katzenjammerstil der Zukunft“ oder „Bruckner komponiert wie ein Betrunkener“. Die Nordwestdeutsche Philharmonie Herford, geleitet von Thomas Dorsch, spielte zwei markante Werke dieser beiden Komponisten. Felix Mendelssohn Bartholdy mit seinem Violinkonzert e-Moll op. 64 am Programmbeginn, ein Renner der Konzertprogramme, nicht wie oftmals angenommen förmlich aus dem Hut gezaubert, sondern durchaus kompositorisch den „Mühen der Ebene“ verhaftet. Aber was für ein schwereloses, fast luftiges Werk voller Poesie, klanglichem Witz und liedhafter Verbindung ist da entstanden. Tanja Becker-Bender (Violine) spielte auf einem nicht sonderlich klangvoluminösem Instrument, traf damit aber genau den Ausdrucksgehalt dieses Werkes. So spielte sie mit feinem Gespür für die emotionalen Werte, verströmte Liedhaftigkeit ebenso wie volle Anmut im Schlusssatz, immer eingebettet in den Gesamtklang. Thomas Dorsch erstellte ihr dazu mit den Herfordern einen angemessenen Klangraum, alles sehr einfühlsam. Wie sehr sich bei der Geigerin die Freude an technischen Anforderungen eines Paganini-Capriccios mit der tiefen Verinnerlichung eines Suiten-Satzes von Johann Sebastian Bach verbinden, das bewiesen ihre Zugaben. Klanglich völlig ausgeglichen Was war in Anton Bruckners 3. Sinfonie Nr. 3 so überwältigend für das Publikum, dass danach ein hier nicht so üblicher enthusiastischer Beifall ausbrach? Da ist die für die Ausdruckskraft der Komposition nötige, fast raumsprengende Orchesterbesetzung. Da sind die ständigen, die musikalischen Kräfte sammelnden, großangelegten Steigerungen, gewaltige Wellenberge, die ausschlaggebendes Merkmal der Sinfonien von Anton Bruckner sind. Da ist der überwältigend einleuchtende, werkstrukturierende Einsatz der Instrumentalfamilien. Und da ist der musikalische Bogen, der sich über die ganze Komposition zieht und die oft so hart gegeneinander gesetzten Partien des Werkes bindet. Dies alles fordert ein hochkonzentriertes, klanglich völlig ausgeglichenes Orchester. Die Nordwestdeutsche Philharmonie Herford entsprach überzeugend diesen Anforderungen. Und vor dem Orchester stand mit Thomas Dorsch ein Dirigent, der die 3. Sinfonie von Anton Bruckner zu packender Wirkung brachte. Sein Sinn für die unterschiedlichen Stimmungswerte, seine rhythmische Präzision für die dynamischen und agogischen Entwicklungen, seine deutliche Herausarbeitung der Binnenstrukturen auch bei größter klanglicher Turbulenz, das verdient hohe Anerkennung. Ein großer Abend.  AK


 

Der Patriot, 19. Januar 2016

Gelungenes Wagnis

Lange Klaviernacht mit vier abendfüllenden Programmen

LIPPSTADT   Die lange Klaviernacht mit vier abendfüllenden Programmen, die der Städtische Musikverein auf mutige Anregung seines Musikdirektors Burkhard A. Schmitt in der Jakobikirche angeboten hat, war von der belebenden Wirkung eines Wagnisses. Hier ging es nicht um einen Wettbewerb an einem klangvollen, in den Tiefen leicht nachgebenden Flügel. Dafür hätten ja auch die entscheidenden Kategorien gefehlt. Vielmehr stellte das Gesamtprogramm verschiedene Künstlerpersönlichkeiten mit ihrer spezifischen Sicht auf die interpretierten Kompositionen vor. Da geht es nicht darum, nach technischen Fertigkeiten zu fragen, würde es daran mangeln, wäre die Zeit in dieser Lippstädter Klaviernacht verspielt. Das 19. Jahrhundert lieferte entscheidend die Werkauswahl, Zentralpunkt dabei Robert Schumann, geerdet alles durch Johann Sebastian Bach, und wer bezöge sich nicht auf ihn. Nini Finke aus Wien eröffnete den Klavierreigen mit Ludwig van Beethovens „Waldsteinsonate“, ein klangvolles, Virtuosität forderndes Werk. Diese Virtuosität hat die Pianistin. Aber die wirkt auch verführerisch und führt dazu, dass etwa im ersten Satz „Allegro“ das „con Brio“ doch überzogen wurde. Hohes Tempo fordert innere Absicherung, wenn nicht vieles in Flüchtigkeit verrutschen soll. Die Auswahl aus den „Lyrischen Stücken“ von Edward Grieg überzeugte dagegen durch Temperament ebenso wie durch Sentiment, das wohlwollend nie die Grenze zum Sentimentalen streifte – eine völlig überzeugende Interpretation mit der Herbheit norwegischer Herkunft. Dem höchst anspruchsvollen „L’isle joyeuse“ von Claude Debussy verlieh sie den   angemessenen Klangrausch, ein etwas weniger dicker Pinsel hätte allerdings das Farbmoment stärker verdeutlichen können. Bei der Auswahl aus den „Années de Pelerinage“ fand Nini Funke bei aller geforderten Dynamik zu hoher klanglicher Sensibilität – ein beachtlicher Auftakt zur Konzertreihe der Klaviernacht. Die fand dann ihren ersten Höhepunkt in den „Phantasiestücken“ op. 12 und der Sonate Nr. 3 f-Moll von Robert Schumann. Franz Vorraber ist ein erzählender Pianist. Er gibt allen den Einzelbildern, denn es sind trotz einiger Bezüge jeweils einzelne Bilder, einen spezifischen Ausdruckswert, durchleuchtet die unterschiedlichen Stimmungswerte in jedem Moment, bewahrt in leidenschaftlichen wie in poetischen Partien die Durchsichtigkeit der Komposition. Tiefes Verständnis für das biographisch begründete fast resignative Moment zeichnete danach die Interpretation von Robert Schumanns f-Moll-Sonate op. 14 aus. Die klangliche Differenzierung durch Franz Vorraber, die bis an impressionistische Grenzen führen konnte, war atembeklemmend. Danach berechtigt großer Beifall. Auf höchstem Interpretationsniveau ging es dann im zweiten Konzertteil weiter. Klaus Sticken war der Pianist, bei dessen Musizieren sich auf überwältigende Weise Herz und Hirn verbinden. Diese Tatsache wurde gleich im ersten Werk seiner Programmauswahl deutlich: Johann Sebastian Bachs Partita Nr. 5 (BWV 829) aus den Klavierübungen Teil I. Kein trockenes Musizieren, dagegen phantasievolle Verspieltheit, musikantisches Leben durch phasenweise Inegalität, so erklang J.S. Bach als Bezugspunkt aller Komponisten. Danach die ersten neun der „Davidsbündler Tänze“ von Robert Schumann, in denen Klaus Sticken mit höchster Einfühlung und Charakterisierungslust dem Verlauf der Entwicklung von Florian und Eusebius, den Vertretern des „Poetischen“, nachzeichnete. Mit welchem Nuancenreichtum danach die „Valses nobles et sentimentales“ von Maurice Ravel auf breiter Klangskala je ihren spezifischen Ort fanden, das verblüffte. Und der Programmschluss mit dem Mephisto-Walzer Nr. 1 überwältigte nun vollends mit seinem klanglichen und agogischen Raffinement. Das war fulminant und wurde vom Publikum zu recht gefeiert. Zum Schluss dann – das Tagesende war nicht mehr weit – die in Lippstadt bekannten und hochgeschätzten Anna und Ines Walachowski, ein Klavierduo, das mit musikantischer Feinabstimmung den weitgehend als Kammermusiker unbekannten Stanislaw Moniuszko vorstellte. Eine Auswahl aus den „Ungarischen Tänzen“ von Johannes Brahms gab dem Abend in intensiver und dabei charmant beschwingter Interpretation noch ein befreiend-freundliches Gesicht. Danach, in dieser Fassung sicherlich ungewöhnlich und sehr schwer auf das dynamische Niveau der Orchesterfassung zu heben, in einer Transkription für Klavier zu vier Händen der bekannte „Bolero“ von Maurice Ravel. Der bot den Geschwistern Walachowski die bravourös genutzte Gelegenheit, auf notwendig differenziertem Hören zu bestehen in einer Welt akustischer Umweltverschmutzung. „Lange Klaviernacht in Lippstadt“ – ein Wagnis, ja, aber vom Publikum vielleicht etwas strapaziert aber mit Begeisterung akzeptiert.   ak


 

Der Patriot

02. Januar 2016

Jede Menge Ohrwürmer

Silvesterkonzert im Stadttheater: Philharmonie und Solisten läuten 2016 ein

Facettenreiche Interpretationen gab es von der Philharmonie Tschenstochau, die unter Leitung von Hermann Breuer spielte

Facettenreiche Interpretationen gab es von der Philharmonie Tschenstochau, die unter Leitung von Hermann Breuer spielte

Die Wiener Symphoniker machen’s, und auch das Lippstädter Publikum liebt diese Tradition, dass auf das Pflichtprogramm als Nachschlag noch der „Radetzkymarsch“ folgt. Dabei versteht es der Dirigent Hermann Breuer die Stimmung aufzuheizen. Schwungvoll schmissig macht sich unter seinem Dirigat die Philharmonie Tschenstochau über diese Komposition her. Erklärende Worte gegenüber dem Publikum braucht Breuer, der bei den Silvesterkonzerten im Stadttheater launig unterhaltsam durch das Programm führt, nicht. Dem Auditorium zugewandt schwingt er seinen Dirigentenstab und animiert das Klatsch-Publikum zum Mitmachen, und so schwelgen die Leute zum Abschluss der beiden Konzerte in „Radetzkymarsch“-Seligkeit, bevor sie durch die Theatertore gen Silvesterfeier entschwinden. Prickelnd wie frisch entkorkter Sekt lässt Breuer das Orchester schon vorher tanzen. Walzer- und Polkaklänge, etwas fürs Gemüt und jede Menge Ohrwürmer hat er im Gepäck. Die Reise führt gen Italien. „Dein ist mein ganzes Herz“ lautet das Motto der Aufführung, die Gassenhauer wie unter anderem Eduardo di Capuas „O sole mio“ mit gefühlsbeladenen Stücken wie zum Beispiel Giacomo Puccinis „O soave fanciulla“ aus der Oper „La Boheme“ vereint. Und natürlich gehört zu einem klassischen Silvesterkonzert auch etwas von Johann Strauß. Mit der „Champagner Polka“ lassen die Musiker schon weit vor Mitternacht die Sektkorken knallen, denn in dieser mitreißend mit Tempo und Temperament gespielten Polka sind etliche „Plopps“ zu hören, so als würde das Orchester gleich dutzendweise die Champagnerflaschen entkorken. Nicht gewichtig, sondern federleicht kommt auch sonst Vieles daher. Dabei entlockt Breuer den Musikern viele Facetten. Lust und Leidenschaft zeichnen ihre Interpretationen aus – wie bereits zum Auftakt des Konzerts die Ouvertüre zu Giuseppe Verdis „Nabucco“ zeigt, wo die Philharmonie Tschenstochau große Themen dieser Oper bereits im Kleinen andeutet und die Musiker zwischen romantisch weichen Klängen und heiter schnellen Rhythmen wechseln. Doch ein Silvesterkonzert ist letztlich nichts ohne seine Solisten. Souverän und mit beeindruckender Tiefe und Weite meistert die Sopranistin Ulrika Maria Maier ihre Arien.

Als Solisten traten beim Silvesterkonzert Ulrike Maria Maier und Angelos Samartzis auf. Fotos: Maeschede

Als Solisten traten beim Silvesterkonzert Ulrike Maria Maier und Angelos Samartzis auf. Fotos: Maeschede

In ihrer Stimme ist alles drin – Wehmut, abgründiger Schmerz, Dramatik, Wärme, aber auch das heiter Leichte und keck Souveräne. Das beweist sie in Giacomo Puccinis Arie „Un bel di verdremo“ aus der Oper „Madame Butterfly“ sowie in Gerhard Winklers Arie „Komm, Casanova küss mich“. Die Stimme des Tenors Angelos Samartzis ist solide. Seinen Interpretationen zu Stücken wie beispielsweise Giuseppe Verdis „La donna è mobile“ und Franz Lehárs „Dein ist mein ganzes Herz“ würde allerdings mehr Herz und Seele guttun. Am schönsten ist es natürlich, wenn Maier und Samartzis im Duett singen. Da ergänzen sich ihre Stimmen perfekt, und so erlebt man ein rundum stimmiges Konzert.   mes


 

Der Patriot

24. November 2015

Von tiefem Ernst getragen

Beeindruckendes Chorkonzert des Städtischen Musikvereins zum Totensonntag

LIPPSTADT   Es war ein Programm der gedeckten Klangfarben, des Aufbegehrens und der Ergebung, mit dem der Städtische Musikverein gemeinsam mit den Bochumer Symphonikern unter der Leitung von Burkhard A. Schmitt den Totensonntag beging. So waren es deutlich die tiefen Streicher, die den Klangcharakter des Abends bestimmten, besonders deutlich die Bratschen, aber auch das Cello, das Josef Weinheber in einem Gedicht sagen lässt „Ich warne nicht. Ich weine mit. Ich tröste.“ Johannes Brahms gab mit seiner dramatischen, dabei von tiefem Ernst getragenen „Tragischen Ouvertüre“ op. 81 die Grundstimmung eines Programmes vor, das den Opfern und den Überlebenden der Anschläge von Paris und des Airbus-Absturzes über der Sinai-Halbinsel gewidmet war, das aber an keiner Stelle, und dafür muss man ja gerade heute sehr dankbar sein, irgendeine Form von Verängstigung verbreitete. Wenn die Violinen in diesem Orchesterwerk noch etwas scharf, kantig klagen gegenüber dem runderen Klang der Holzbläser und des Belch, so verstanden sie sich gemeinsam mit den führenden Violen zu wunderbar geschlossenem Klang in der verständlicherweise meistaufgeführten Alt-Rhapsodie für Alt-Solo, Männerchor und Orchester op. 53 von Johannes Brahms. Diese zutiefst aufgewühlte, aufwühlende Komposition bedarf einer emotional betroffenen, zugleich aber auch den Goethe-Text als Kunstwerk vermittelnden Künstlerin. Welch ein Gewinn, dass Burkhard A. Schmitt in Monica Mascus eine Sängerin gefunden hatte, die der Komposition mit einer durch alle Lagen ausgeglichenen, sensibel geführten Stimme auf wunderbare Weise entsprach. Der musikalische Leiter selbst schuf mit dem Orchester einen einfühlsamen, erfüllten Begleitklang und gab mit klangvoller Schlichtheit des Männerchores dem Werk eine „herzquickende“ inhaltliche Wendung. Mit dieser Interpretation gewann der Abend sein Zentrum. Dass danach der Psalm 13 für Frauenchor und Streichorchester op. 27 trotz intensivsten Einsatzes, von Schmitt (er ist ein glänzender Chordirigent) eigentlich belanglos wirkte, trotz des bestens präparierten Frauenchores, ist der nicht hochinspirierten Komposition geschuldet. Wie konzentriert in der orchestralen Verdichtung, wie eindringlich und stimmungssicher ist dagegen die „Nänie“ op. 82, in der der Chor des Musikvereins seine ganze Klangdifferenziertheit verbunden mit hoher Elastizität einbringen konnte. Prachtvolle dynamische Breite zeichnete den Chor auch im „Schicksalslied“ op. 54 aus. Das Orchester begeisterte besonders in dieser Komposition durch hohe Einfühlsamkeit, aber auch ein klangliches Selbstbewusstsein, das die ganze Bildhaftigkeit des Textes bravourös nachzeichnete. Gustav Mahlers bekanntes Adagietto aus seiner 5. Sinfonie gab Burkhard A. Schmitt Raum für ein engagiertes, in den dynamischen Steigerungen suggestives, höchst eindrucksvolles Orchesterdirigat. Und wenn Monica Mascus in Richard Wagners erstem der „Wesendoncklieder“ den Engel nieder- und aufwärts schweben lässt, dann ist das Hörerglück vollkommen. So war der Totensonntag voll des Trostes. AK


 

Der Patriot
03. November 2015

Mit hintergründigem Witz

Das Monet-Quintett überzeugte in Jakobikirche

In einen wunderschönen Herbsttag mit einem Bläserorchester einzusteigen, dazu verhalf am Sonntagvormittag das Kammerkonzert des Städtischen Musikvereins in der Jakobikirche mit dem Monet-Quintett. Und die Freude daran war groß, auch wenn das Zitat „Dass du nicht enden kannst, das macht dich groß“ (vermutlich von Johann Wolfgang Goethe) hier zumindest nicht bei allen Kompositionen des Programms zutraf. Etwa nicht bei den klanglich durchaus aparten Partien der folkloristisch beeinflussten Variationen im Bläserquintett des Dänen Carl Nielsen, das aber insgesamt doch ein wenig ausgewalzt wirkt. Eine breite Kompositionspalette bietet Franz Danzi, die einflussreich bis hin zur Romantik wird und dessen Opus 56 ein Beispiel ebenso klangvoll wie instrumental ausgewogenen Musizieren bietet. Das in seinen klanglichen wie rhythmischen Komponenten eindrucksvollste Werk des Programms aber waren die „Sechs Bagatellen“ für Bläserquintett von György Ligeti. Kein Wunder, dass dieses ebenso stimmungstiefe wie geistvolle Stück von keinem entsprechenden Ensemble ausgelassen wird und in Lippstadt nicht zum ersten Male erklang. Temperamentvoll und souverän Höchste Anerkennung dafür, mit welch technischer Bravour, welcher Einfühlung in die unterschiedlichen Stimmungswerte das Monet-Quintett das Werk spielte. Temperamentvoll, technisch souverän auch für den hintergründigen Witz der Partitur, so spielten die prachtvollen Instrumentalisten Anissa Baniahmad (Flöte), Johanna Stier (Oboe), Nemorinio Scheliga (Klarinette), Marc Gruber (Horn) und Theo Plath (Fagott). Differenziertheit und agogische Souveränität bestimmten auch Anton Reichas Bläserquintett op. 91 und das etwas altfränkische Bläserquintett von Paul Taffanel. Mit diesem Konzert der noch jungen Künstlervereinigung konnte das Publikum musikalisch in den farbfrohen Herbstsonntag eintauchen.  n  AK


Der Patriot
6. Oktober 2015

Präzision und Poesie

Die Philharmonie Pilsen überzeugte mit einem ungewöhnlichen Programm

Glänzende Solistin: Die junge amerikanische Geigerin Tai Murray

Glänzende Solistin: Die junge amerikanische Geigerin Tai Murray

LIPPSTADT    In einer Zugabe – welches Orchester gibt schon eine Zugabe wie im jüngsten Konzert des Städtischen Musikvereins die Philharmonie Pilsen – darf es ruhig auch mal tänzerisch lärmend zugehen. Besonders dann, wenn Antonin Dvoráks „Amerikanische Suite op. 98b“ am Ende des eigentlichen Programms mit so viel agogischer Lebendigkeit, liedhafter Poesie und überlegter, sensibler Dynamik gespielt worden war, wo folkloristische Elemente so wenig aufgetragen waren, dass die Suite weniger amerikanisch als smetana’sch klang. Hoher Sinn für Publikumswirksamkeit Hier auch hatte der musikalische Leiter Tomas Brauner die fast spielerische Souveränität, die dem Orchester jede klangliche Verspanntheit nahm. Die hatte sich im ersten Programmteil ein wenig eingestellt weil – völlig verständlich – der Dirigent hier bei den Werken von George Gershwin und Leonard Bernstein zunächst rhythmisch absolute Präzision einfordern musste. Dass dabei in Gershwins „Kubanischer Ouvertüre“ besonders mit unterschiedlicher Klangpalette gespielt wurde, begeisterte das Publikum, und der Komponist hat nun mal hohen Sinn

Die von Tomas Brauner geleitete Philharmonie Pilsen erwies sich als ein in allen Bereichen ausgeglichen klingendes Orchester Fotos: Tuschen

Die von Tomas Brauner geleitete Philharmonie Pilsen erwies sich als ein in allen Bereichen ausgeglichen klingendes Orchester
Fotos: Tuschen

für Publikumswirksamkeit. Im Mittelpunkt des Programms aber stand die „Serenade für Violine, Streichorchester, Harfe und Schlagzeug“ von Leonard Bernstein. Dieses Platons „Gastmahl“ nachempfundene Werk ist so voll von klanglichem Raffinement, verbindet tänzerische Momente mit fast plaudernden Sprachelementen, ist von sensibler Szenerie, dass sich die angelegte Personenregie selbstverständlich verdeutlicht. Wunderbare Geigerin Und dann ist da die wunderbare Geigerin Tai Murray, höchst werkzutreffend eingesetzt, welche die emotionalen Momente ebenso erfüllt, wie sie mit energischem Zugriff und bravuröser Bogentechnik dramatische Elemente durch die Doppelgriffe jagt. Im „Poème“ für Violine und Orchester von Ernest Chausson konnte sie danach in völliger stimmungsmäßiger Übereinstimmung mit Dirigent und Orchester die durch russische Literatur ausgelöste Komposition bis in die feinsten lyrischen Verästelungen vorstellen. So wurde es ein Konzertabend, an dem ein ungewöhnliches Programm, eine glänzende Solistin, ein in allen Bereichen ausgeglichen klingendes Orchester der Philharmonie Pilsen und ein inspirierender Dirigent Tomas Brauner das Publikum begeisterten.   AK


Der Patriot
5. Oktober 2015

Der Klang der Stille

Das „Fjord“-Projekt sorgte für ein intensives Konzerterlebnis

Musizieren mit dem ganzen Körper Gitaristin Susan Weinert und Sängerin Torun Eriksen Foto: Balzer

Musizieren mit dem ganzen Körper Gitaristin Susan Weinert und Sängerin Torun Eriksen
Foto: Balzer

Von Andreas Balzer LIPPSTADT    Es versetzt einen ja nicht unbedingt in Hochstimmung, wenn man zur großen Geburtstagsparty lädt und kaum jemand kommt. Zumal, wenn man sich einige Mühe gegeben hat, um den Gästen richtig was zu bieten. Sehr verständlich also, dass auch beim Lippstädter Jazzclub etwas Enttäuschung herrschte angesichts des geringen Publikumsandrangs beim Konzert zum 60-jährigen Bestehen. Standen doch mit der deutschen Jazzgitarristin Susan Weinert, ihrem Ehemann, dem Kontrabassisten Martin Weinert, und der norwegischen Sängerin Torun Eriksen drei sehr hochkarätige Musiker auf der Bühne. Doch obwohl mit dem Musikverein und der Conrad-Hansen-Musikschule noch zwei weitere Veranstalter mit an Bord waren, musste die Veranstaltung kurzerhand vom Großen Haus des Stadttheaters auf die Studiobühne verlegt werden, und auch die war keineswegs rappelvoll. Was die Veranstalter schmerzen mag, erwies sich für die, die gekommen waren, als Segen. Denn die sehr ruhige, oft fragil wirkende Musik des Trios kommt in der intimen Atmosphäre der Studiobühne sehr viel besser zur Geltung. Im großen Saal wäre von der ungeheuren Intensität des Auftritts einiges verloren gegangen. Musizieren mit dem ganzen Körper Das sehen offenbar auch die Musiker so. „Wir fühlen uns pudelwohl“, betont Bassist Martin Weinert und findet auch sehr lobende Worte für den Sound und die Lichtsetzung. Überhaupt merkt man den Musikern an, dass sie mindestens so sehr wie für das Publikum auch für sich selbst spielen. Die drei mögen Profis mit langjähriger Erfahrung sein, Routiniers sind sie ganz sicher nicht. „Fjord“ heißt das CD-Projekt, das die drei Künstler zusammengeführt hat. Und es klingt so, wie in der Vorstellung die „melancholische Weite und sehnsuchtsvolle Tiefgründigkeit des Nordens“ (so der Pressetext) wohl zu klingen hat — sofern man dabei nicht infernalischere Klänge à la Gorgoroth oder Darkthrone im Ohr hat. Dominierend ist das äußert prägnante, rhythmisch sehr akzentuierte und doch melodische Gitarrenspiel Susan Weinerts. Die aus dem Saarland stammende Gitarristin hat eine ganze Latte von Effektgeräten vor sich, die sie jedoch sehr zurückhaltend einsetzt — um zum Beispiel sphärische Sounds zu erzeugen. Ihr prägnantes Spiel muss keine Geschwindigkeitsrekorde brechen, um seine Virtuosität unter Beweis zu stellen. Weinert gibt den Tönen Raum, um sich zu entfalten. Die Stille ist bei den von ihr erzeugten Klangwelten ein wesentlicher Faktor. Die Gitarristin musiziert dabei mit dem ganzen Körper. Sie scheint regelrecht mit dem Instrument verwachsen zu sein. Auf dem Gesicht hat sie mal ein verklärtes Lächeln, mal ein koboldhaftes Grinsen. Immer wieder begleitet sie ihr Spiel mit Scat-Gesang, Lachen, Jauchzen oder Schnaufen. Ehemann Martin unterlegt ihre Klanggemälde mit seinem zurückhaltenden, sehr melodischen Spiel. Dass er sehr viel mehr ist als ein versierter Begleiter, zeigt er bei den beiden Instrumentalstücken, insbesondere bei seiner eigenen Komposition „Tanz der Schmetterlinge“. Das als unaufdringliches Bass-Solo beginnende Stück ist unüberhörbar inspiriert von einer Algerienreise, bedient sich dabei aber geschickt orientalischer Sounds und Rhythmen, ohne in musiktouristische Klischees zu verfallen. Einen ganz eigenen Akzent fügt Torun Eriksen mit ihrer hellen, schwebenden Stimme hinzu. Während sie bei den Ansagen, wie ihre Kollegen auch, äußerst charmant und humorvoll mit dem Publikum plaudert, wirkt sie bei den Gesangspassagen fast entrückt, so, als schwebe sie in ihren eigenen Sphären, während sie ihre menschenfreundlichen Texte über das Leben, die Liebe und die Einsamkeit singt. In Skandinavien mag es zuweilen sehr kalt sein. Doch an diesem Abend wird es deutlich wärmer.