Musikverein blickt nach vorn

Burkhard A. Schmitt Städtischer Musikdirektor

 

Die gute Nachricht zuerst: Die Kammerkonzerte des Städtischen Musikvereins Lippstadt sollen in der kommenden Saison alle wie geplant stattfinden – allerdings im Stadttheater. Und auch bei den größeren Konzerten hofft der Städtische Musikdirektor Burkhard A. Schmitt, dass sie unter Corona-Bedingungen möglich sein werden. Wenn auch mit einigen Änderungen.

 

Von Andreas Balzer

LippstadtDie Absage des großen Festkonzerts, mit dem Musikverein und KWL am 29. August die neue Saison im frisch sanierten Stadttheater eröffnen wollten, war ein ziemlicher Schlag – allerdings kein unerwarteter. Doch wie sieht es für die Zeit danach aus?

Die Landesregierung hatte ab dem 1. September die Wiederaufnahme des regulären Betriebes auch in großen Theatern, Opern- und Konzerthäusern in Aussicht gestellt. Das dürfte jedoch angesichts strikter Abstandsregeln und Hygienevorschriften kaum möglich sein. Die KWL hat deshalb bereits angekündigt, alle Veranstaltungen ihres Theaterprogramms auf den Prüfstand zu stellen und auf Machbarkeit abzuklopfen.

Ähnlich sieht es beim Musikverein aus. Und hier gibt es bereits ein erstes, durchaus optimistisch stimmendes Ergebnis: „Wir haben die wirklich gute Nachricht für das Publikum, dass bis auf Weiteres alle Konzert, die in unserer Kammermusikreihe geplant sind, stattfinden können“, sagt der künstlerische Leiter Burkhard Schmitt. „Allerdings aufgrund der Kontaktbeschränkungen nicht in der Jakobikirche. Deshalb gehen wir ins Theater.“

Für Kammerkonzerte ist im Theater genug Platz

Dort gebe es nämlich zumindest bei den Kammerkonzerten der Reihe K „keinerlei Platzprobleme“. Nach aktuellem Stand dürften Schmitt zufolge höchstens 170 Besucher in den Zuschauerraum des großen Hauses gelassen werden. „Das sind nur etwas weniger, als wir sonst maximal in die Jakobikirche setzen können.“ Auch terminlich gibt es keine Probleme. Er habe sich beim „Umzug“ der Kammerkonzertreihe intensiv mit KWL-Geschäftsführerin Carmen Harms abgestimmt, berichtet Schmitt. „Frau Harms ist alles durchgegangen und hat keinerlei Bedenken, was Terminkollisionen betrifft.“

Im Stadttheater werden nicht nur die Zuhörer ausreichend Platz haben. Auch die Musiker selbst – für die Kammerkonzertreihe sind neben den drei Solisten der „Klaviernacht“ vier Quartette angekündigt – können auf der großen Bühne den gebotenen Abstand halten. „Das ist alles absolut regelkonform. Da gibt es auch auf der Bühne überhaupt keine Probleme“, sagt der Städtische Musikdirektor.

„Sea Symphony“ wird verschoben

Das sieht bei den großen Orchesterkonzerten ganz anders aus. Dass alle sechs Konzerte der Reihe O genau wie geplant durchgezogen werden können, ist deshalb utopisch. Bei zwei Veranstaltungen geht Schmitt trotzdem davon aus, dass sie ohne große Änderungen stattfinden können. „Hier haben wir das Glück, dass wir Konzerte mit zwei Kammerorchestern haben.“ Und die rücken nun mal naturgemäß mit kleiner Besetzung an.

Für den 11. Dezember ist das Folkwang Kammerorchester aus Essen mit der „Himmlischen Weihnacht“ angekündigt. „Das sind nur 16 bis 18 Musiker, nach jetzigem Stand des Programms ohne Bläser“, sagt Schmitt. Blasinstrumente sind in Corona-Zeiten kritisch, weil sie – ebenso wie Gesang – „atmungsaktiv“ sind.

„Auch dieses Konzert können wir mit Sicherheit durchführen“, betont Schmitt. Er sei außerdem mit dem Orchester in Verhandlungen, um das – dafür vielleicht leicht verkürzte – Konzert an dem Tag zweimal stattfinden zu lassen, damit ein größeres Publikum erreicht werden kann.

Eine solche Lösung könnte sich Schmitt auch beim Konzert des Hungarian Chamber Orchestra am 12. März 2021 vorstellen, falls es eine entsprechende Nachfrage gibt. Auch der Auftritt dieses Ensembles, „das maximal 20 Musiker auf der Bühne hat“, lässt sich seiner Einschätzung nach gut realisieren.

Die übrigen Orchesterkonzerte stellen den Musikverein da schon vor sehr viel größere Herausforderungen. „Die sind wirklich groß besetzt, das sind Orchester mit 45 bis 65 Musikern“, sagt der künstlerische Leiter. „Da habe ich einen Plan B.“

Mit den Orchestern werde es sicher möglich sein, die Programme so zu verändern, dass sie auch mit kleiner Besetzung aufführbar seien. „Da bin ich schon in Gesprächen mit den Orchesterintendanten.“ So könne er sich vorstellen, dass die Neue Philharmonie Westfalen beim Konzert „The English Way of Heaven“ am 26. März 2021 Ralph Vaughan Williams’ große „London Symphony“ durch ein Werk ersetzt, das mit deutlich weniger Musikern auskommt.

Ähnlich will Burkhard Schmitt bei den eigenen Chor- und Orchesterkonzerten vorgehen. „Man sagt ja, Chor sei im Moment das gefährlichste Hobby der Welt“, sagt Schmitt. Ab dem 10. Juni seien Chorproben – die aktuell nur per Videokonferenz stattfinden können – zwar wieder erlaubt, aber nur unter sehr strengen Auflagen „Da müssen wir noch sehr vorsichtig und abwartend sein.“

In dieser Situation kommt es dem Musikverein entgegen, dass er neben dem großen Konzertchor auch noch den Kammerchor Con Brio hat. „So dass wir eventuell nur mit einem kleinen Chor auf der Bühne stehen, damit die Abstände gewahrt werden können“, erklärt Schmitt.

Natürlich lässt sich auf diese Weise nicht alles umsetzen. Die anspruchsvolle „Sea Symphony“, ebenfalls von Ralph Vaughan Williams, braucht zum Beispiel das ganz große Besteck. Um das Werk adäquat aufführen zu können, wollte sich der Konzertchor Lippstadt eigentlich mit Sängerinnen und Sängern aus vier weiteren Chören verstärken – in Corona-Zeiten schlicht undenkbar.

„Die ‚Sea Symphony‘ ist ganz offiziell verschoben in die Saison 2021/2022“, stellt der musikalische Leiter klar. Das Konzert am 8. November soll aber trotzdem stattfinden. „Wir denken darüber nach, dass der Chor vielleicht nur mit einer kleinen Sache auftritt, mit einem geistlichen Werk.“ Und zwar mit „Lux Aeterna“ von Morten Lauridsen.

Das fünfsätzige Chorwerk hat der Konzertchor erst im November 2019 gesungen, allerdings in der Elisabethkirche, „wo wir ja viel weniger Publikum erreicht haben als im Theater“. Die Wiederaufführung könnte also durchaus neue Zuhörer erreichen. Und für den Chor hätte es den Vorteil, dass es keiner langen Proben bedürfte. „Das muss nur aufgefrischt werden“, sagt der Chorleiter. Außerdem könne das eh schon klein besetzte Werk notfalls auch mit dem Kammerchor Con Brio aufgeführt werden.

Brahms funktioniert auch ganz reduziert

Noch reduzierter geht es bei Johannes Brahms’ „Deutschem Requiem“. Das ist für den 27. Februar 2021 angesetzt, und hier gibt es Schmitt zufolge eine deutlich eingedampfte Fassung, bei der der Chor nur von zwei Klavieren und Pauke begleitet wird. „Man könnte es also im Notfall ganz extrem herunterbrechen, so dass man es auch ohne Orchester aufführen könnte.“ Aber auch eine „mittlere“ Lösung mit kleinerem Chor und Orchester wäre denkbar.

Die Chance, dass die eigentlich groß besetzten Konzerte in einer abgespeckten Form stattfinden können, sieht der musikalische Leiter des Musikvereins derzeit bei „fünfzig-fünfzig“. Völlig offen ist dagegen zurzeit, was mit den beiden Silvesterkonzerten geschieht. Die sollen eigentlich wieder von Hermann Breuer dirigiert und moderiert werden. Als Orchester ist die Philharmonie Lemberg vorgesehen. Ob die ukrainischen Musiker aber Ende des Jahres nach Deutschland reisen dürfen, steht noch in den Sternen.

Trotzdem blickt Burkhard Schmitt inzwischen wieder deutlich optimistischer in die Zukunft. „Ich muss wirklich sagen, ich hatte vor einigen Wochen trotz meiner grundsätzlich positiven Grundeinstellung schon gewisse Sorgen, was die Durchführbarkeit der Saison betrifft“, gesteht er ein. „Aber jetzt sieht doch alles viel positiver aus.“