Der Patriot

 

Vom ewigen Drama der Liebe: Spielzeit 2026/27 mit „La Bohème“ im Stadttheater Lippstadt eröffnet

DER PATRIOT von Marion Heier

G. Puccini: La Bohéme

 

Lippstadt –

„Kultur lebt davon, wenn sie weitergetragen wird und Neues in die Wege leitet.“ Peter Knop, Vorsitzender des Lippstädter Musikvereins und Franziska Sommer, neue Geschäftsführerin der KWL, eröffneten am Freitagabend die Spielzeit 2026/27 im Stadttheater Lippstadt.

Die Worte der beiden leiteten perfekt zur Aufführung von Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“ über.

Dass die „Klassik gewinnt, wenn Traditionen sich mit Neuem verbinden“, so Knop, ließ sich in der Inszenierung des Landestheaters Detmold nach dem Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa wunderbar erspüren. 130 Jahre alt ist eine der am häufigsten gespielten italienischen Opern, die in nur knappen zwei Stunden so ziemlich alles vereint, was das Leben hergibt. Freundschaft, Liebe, Krankheit, Trauer und Tod. Die Geschichte um die vier Männer, die mit wenig Geld in ihrer WG wohnen, das Leben genießen und von der Liebe eingeholt werden, ist zeitlos.

Dass man am Freitag das Detmolder Symphonische Orchester unter der Leitung Per-Otto Johansson im Orchestergraben beklatschen darf, ist eine Wohltat. Klassische Musik im opulenten Gewand – live – hören zu dürfen, das bedeutet für ein Tourneetheater, das innerhalb der vier Akte mit einem großen Tross an Musikern und Statisten aufwartet, großen Aufwand.

Im Fokus steht die Dramatik der Liebe. Die sterbenskranke Mimi und Rodolfo scheinen an ihrer Krankheit zu zerbrechen, Marcello und die selbstbewusste Musetta an Freiheitsdrang und Eifersucht. Sie alle werden geläutert und finden an Mimis Sterbebett zur Liebe zurück. So lehrt das Leben. Aber es ist schwierig, ein altes Stück neu zu erzählen. Auch vor dem Hintergrund der Frage, inwiefern bei einer moderne Inszenierung die ursprüngliche Idee der Gattung Oper verloren gehen könnte und sie nur noch als unterhaltsames Kultur-Event konsumiert wird.

Weniger elitäre Aura, mehr Kultur für alle.

Das Gute daran ist das Ansinnen, die Oper aus ihrer elitären Aura zu heben und Kultur für alle zu machen. Die Transformation der Klassik in die Moderne gelingt, wenngleich das Publikum herausgefordert wird, Oper neu zu denken, was in erster Linie mit der Optik zu tun hat. Unter der Regie von Katharina Thoma zeigt sich eine komplett gegenwärtige Kulisse (Bühnenbild: Devin McDonough).

Jugendlich wirkende Schauspieler, eine kahle Betonwand auf der „Love Me“ gesprüht ist, Waschmaschine, Plastikwasserflaschen und Fernseher, aber auch Protagonisten in zerfetzen Jeans und Cowboystiefeln machen eine klare Ansage: Wir sind im Hier und Jetzt, nicht in Paris wie im Original, sondern einemurbanen, pulsierenden Ort. Ein multifunktionales Bühnenbild im schnell veränderbaren Baukastenprinzip und Kostüme (Jule Dohr-van Rossum) spiegeln die Faszination, dass wir Menschen uns losgelöst von Zeit und Raum in unseren Bedürfnissen alle gleich sind.

Stehende Ovationen für Ensemble.

Hervorragend ist die Besetzung mit Johanna Nylund als sterbenskranke Mimi mit ihrem weichen und doch voluminösen Sopran, Ji-Woon Kim als ihr Geliebter und Dichter Rodolfo, Luvuyo Mbundu als Marcello, der Maler, und Milica Milic als seine Freundin Musetta, die mit koketter, starker stimmlicher Präsenz daherkommt. Andreas Jören als Schaunard, der Musiker, und Jaime Mondaca Galaz als Colline, der Philosoph, komplettieren das Ensemble, das mit Schauspielern und auch jugendlichen Statisten aus allen Nationen mit viel Bühnenpräsenz aufwartet. Das Orchester begleitet sauber und präzise, aber unauffällig, ohne ausschweifende Dynamik. Das Urteil der Zuschauer pendelt zwischen „gewaltig“ bis „schwereinzusortieren“. Alles eine Frage der Wahrnehmung und Akzeptanz. Schließlich gibt es stehende Ovationen. Eine moderne Oper als Auftakt zur Spielsaison ist vielleicht kein Kassenknüller, aber ein Signal für ein anspruchsvolles Programm, das Neues in die Wege leiten möchte.